Dienstliche Flüge und CO2-Kompensation

2019 habe ich aufgehört zu fliegen (Ich fliege nicht mehr). Ich bin zur Zeit stellvertretender Institutsleiter und damit dafür mitverantwortlich, wenn andere fliegen. Ich muss ihre Dienstreiseanträge genehmigen. Universitäten müssen beim CO2-Ausstoß, so wie die restliche Gesellschaft auch, zur CO2-Neutralität kommen. Seit Kurzem denke ich wieder verschärft über das Fliegen und Kompensationen nach. Hier versuche ich, meine Gedanken zu systematisieren und entsprechende Schlussfolgerungen abzuleiten.

Ausgangslage

Die Ausgangslage sieht so aus, dass wir in einer Welt leben, die sich gegenüber der vorindustriellen Zeit bereits um 1,2° erwärmt hat. Wir sind mitten in der Klimakatastrophe. In Deutschland sind in diesem Sommer 10.000 Menschen den Hitzetod gestorben, wie man mittels Übersterblichkeitsuntersuchungen feststellen kann (taz, 22.08.2022). In Pakistan sind 1400 Menschen gestorben und ein drittel des Landes wurde überflutet (Wikipedia). Menschen sind obdachlos. Eine beispiellose Katastrophe. Gewaltige Stürme verwüsten Florida, die Wälder haben in ganz Europa gebrannt. Flüsse wie der Rhein und der Po trocknen aus. Missernten.

Ausgetrocknete Ilm in Kranichfeld, 22.07.2022, Bild: Stefan Müller

Das ist erst der Anfang.

Wissenschaftler*innen gehen davon aus, dass das 1,5°-Ziel nicht mehr zu erreichen ist. Selbst mit den aktuellen Verpflichtungen nicht und viel schlimmer noch: Selbst diese Verpflichtungen werden nicht eingehalten und insgesamt steuert die Welt auf eine Erwärmung von 2,7° zu (Prof. Wolfgang Lucht, zitiert nach taz, 17.02.2022).

Klimaaktivist*innen fordern deshalb die Ausrufung des Klimanotstandes und ein entsprechend rasches Handeln, was die Umsetzung von Maßnahmen angeht. Ulrike Herrmann bezieht sich immer wieder auf die Kriegswirtschaft, die in Großbritannien in der Zeit des zweiten Weltkriegs eingeführt wurde, um das britische Militär für den Krieg gegen Nazideutschland hochzurüsten (taz, 17.09.2022).

Das Fliegen gehört zu den energieintensivsten Fortbewegungsarten. Parncutt (2019) hat errechnet, dass die Verbrennung von 1000 Tonnen Kohlenstoff zu einem Klimatoten führt. 1000 Tonnen Kohlenstoff, entsprechen 3.700 Tonnen CO2. Man kann dann ausrechnen, den Tod von wie vielen Menschen ein Flug verursacht. Parncutt kommt zu dem Schluss, dass nur in Notlagen geflogen werden sollte.

Therefore, flying should be made more expensive (e.g. by carbon taxes) and reserved for emergencies and life-saving projects.

Parncutt. 2019: 12

Siehe dazu auch Zu unserem CO2-Restbudget: Car is over.

Ergebnisse der Themenklasse

Im Institut haben wir eine Gruppe gegründet, die sich damit beschäftigen soll, wie wir die dienstlichen Flüge organisieren. Über die Gründe, warum es diese Gruppe gibt, schreibe ich vielleicht noch einmal extra. Der Punkt ist, dass wir eigentlich nicht mehr fliegen dürfen, dass aber seit drei Jahren in der Uni nicht viel zum Thema passiert ist. Es gibt jedenfalls keine strengeren Regeln. Eine wichtige Sache ist allerdings doch passiert: Die Themenklasse Nachhaltigkeit & Globale Gerechtigkeit 2020/2021 hat eine großartige Arbeit geleistet und die Empirie der Flugreisen an der Humboldt Universität aufgearbeitet (Appiah-Nuamah et al. 2021). Es gibt jetzt einen Überblick, welche Fakultäten wie viele Flugreisen unternehmen, warum geflogen wird usw. Interviews zur Lösung des Problems und Überlegungen zur CO2-Kompensation.

Verweilzeit

Ein wichtiger Punkt bei der Bewertung von Reisen ist die Verweilzeit am Reiseziel. Es gibt Menschen, die zu einem Konferenzvortrag nach Australien fliegen und dann schnell wieder zurück. Ein, zwei Tage und hops zum nächsten Vortrag bzw. zurück nach Hause an den Schreibtisch. Solche Flüge sind kritisch zu sehen und können bzw. müssen höchstwahrscheinlich durch Online-Präsenz ersetzt werden. Im Gegensatz dazu gibt es längere Forschungsaufenthalte. Die Themenklasse hat den CO2-Ausstoß ins Verhältnis zur Aufenthaltsdauer gesetzt. Ein sinnvolles Maß.

Karrierenachteile und Neubewertung

Corona hat gezeigt, dass viele Treffen vermieden werden können und dass Konferenzen online stattfinden können. Was online eher schwierig ist, ist das Knüpfen von Netzwerken. Menschen mit etablierten Netzwerken können eher auf Reisen verzichten als Nachwuchsforscher*innen. Die Themenklasse hat Interviews durchgeführt und ein Interviewpartner, Prof. Niewöhner, bringt es auf den Punkt:

Wenn man das Reisen jetzt radikal einschränken würde, dann würde das in der Tat Ungleichheiten auf zweierlei Hinsicht massiv verstärken. Das eine ist innerwissenschaftlich, oder sagen wir mal innereuropäisch. Es würde den Nachwuchs benachteiligen, denn die etablierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Professuren, haben ihre Netzwerke. Das sind auch vertrauensvolle Kontakte und das kann man relativ gut digitalisieren. Wir haben auch die Freiheit über forschungsfreie Semester etc. dann mal länger irgendwo hin zu reisen. […] Da gibt es eine gewisse Flexibilität, das kann man sich einrichten. Das heißt, wenn man das [Reisen] jetzt radikal streichen würde, hätte man eine Benachteiligung des wissenschaftlichen Nachwuchses, wenn man nicht die Kriterien mitverändern würde, was geleistet werden muss.

Interview mit Prof. Dr. Jörg Niewöhner, 17.12.2020, S. 30

Entscheidend ist der letzte Teilsatz: „wenn man nicht die Kriterien mitverändern würde, was geleistet werden muss.“ Für die Einstellung von Mitarbeiter*innen, die Berufung von Professor*innen und die Vergabe von Drittmitteln gibt es Kriterien für wissenschaftliche Qualifikation/wissenschaftlichen Erfolg. Ich habe darüber nachgedacht, wie man diese Kriterien verändern könnte und eine Möglichkeit ist einfach, den CO2-Ausstoß als Kriterium bei der Evaluation hinzuzufügen. Bisher wird bewertet, wie viele Aufsätze jemand gechrieben hat und in welchen Zeitschriften diese veröffentlicht wurden. Dabei spielt das so genannte akademische Alter eine Rolle, d.h. nicht wie alt jemand ist, sondern wie lange er/sie gebraucht hat, um nach dem Studium an die Position zu gelangen, an der er/sie jetzt ist. Konferenzvorträge werden in Bewerbungen als Zeichen von Aktivität ebenfalls positiv bewertet. Man kann nun aus den Konferenzreisen den CO2-Abdruck ermitteln und kann das Erreichte an den eingesetzten Ressourcen (CO2) messen. Wenn jemand ohne CO2-Emissionen viele gute Fachzeitschriftenartikel veröffentlicht, ist er/sie besser als jemand, der/die ständig durch die Welt jettet.

CO2-Kompensation

Ich bin wie Parncutt (2019) der Meinung, dass man überhaupt nicht mehr fliegen sollte. Das wird erst im Verlauf der nächsten Jahre bei zunehmender Verstärkung der Krise durchzusetzen sein. Da ein CO2-Ausstoß von Null angestrebt wird, kann dieser also nur über Kompensationen erreicht werden.

Was im besten Fall passieren wird

Die Themenklasse diskutiert ethische Aspekte der Kompensation. Sie vergleicht das britische Lebensmittelverteilungssystem im zweiten Weltkrieg mit der Kompensation. Die Essenmarken waren in Großbritannien nicht handelbar. Somit entstand eine Gleichheit und Solidarität unter den Menschen. Das Analogon beim Fliegen wäre der Ausschluss von Kompensationen: Alle haben die gleichen Rechte bzw. Pflichten. Reichere dürfen sich nicht mehr Verschmutzungsrechte kaufen (S. 50–51). Die Autor*innen halten die Kompensation aber für legitim, wenn die Summen für Kompensationen so hoch sind, dass sie der Gemeinschaft nützen. Allerdings sollte das nicht dazu führen, dass Menschen weiter exzessiv fliegen können. Für die wissenschaftlichen Reisen schlagen sie deshalb vor, Inlandsflüge und mehrere Flüge pro Jahr zu verbieten. Damit bliebe für 2408 wissenschaftliche Mitarbeiter*innen der HU die Möglichkeit für einen Flug pro Jahr. Dieser trägt zum CO2-Ausstoß der HU bei, der auf Null gesenkt werden muss. Das heißt, dass diese Flüge kompensiert werden müssen.

Die Themenklasse hat sehr schön herausgearbeitet, dass Kompensation mit steigender Nachfrage teurer wird, weil die niedrig hängenden Früchte zuerst gepflückt werden, d.h. Kompensationsprojekte, die viel bringen und billig sind, werden zuerst durchgeführt. Das heißt, wenn man z.B. Kompensationen über einen Zeitraum von 10 Jahren betrachtet, wären die am Ende des Zeitraums teurer als am Anfang. Daraus ergibt sich, dass man für die Kompensation höhere Beträge ansetzen muss als die Kosten, die zur Zeit real entstehen. Außerdem wurden Rebound-Effekte besprochen und die Tatsache, dass wir, wenn wir im globalen Süden CO2-Einparungsprojekte fördern, den Menschen dort die Möglichkeit wegkaufen, selbst CO2 zu reduzieren. Der Vorschlag ist deshalb, Projekte lokaler Anbieter wie die Wiedervernässung von Mooren zu finanzieren.

Was passieren müsste

Ich habe lange über das Kompensieren nachgedacht. Ist es OK? So wie die Themenklasse schreibt? Wenn man dreimal so viel CO2 zurückholt, wie man durch seinen Flug ausstößt? Viermal? Weil man es kann? Weil man das Geld hat und reich ist? Der Moralphilosoph Bernward Gesang hat so etwas in der taz geschrieben. Sollen wir doch irgendwo im Süden etwas finanzieren, das unsere Emission ausgleicht. Wir können dann fröhlich weiter fliegen, Fleisch essen, Kinder kriegen, wenn wir nur dafür sorgen, dass irgendwo anders CO2 eingespart wird und andere Menschen keine Kinder bekommen (taz, 18.03.2022). Doch wirklich, das hat er geschrieben.

Nach längerem Nachdenken ist mir ein Vergleich eingefallen, der deutlich macht, warum das falsch ist. Man stelle sich folgendes vor: Jemand der unbedingt ein paar Dinge loswerden will (= einen wissenschaftlichen Vortrag in Asien oder Amerika halten will) scheißt einfach in den Eingangsbereich der Humboldt-Universität. So mitten hin. Achtlose Menschen laufen durch und verteilen letztendlich alles gleichmäßig in der Eingangshalle. Man sieht es praktisch nicht mehr (so wie CO2). Eine andere hat ein kleineres Geschäft zu verrichten (einen Vortrag in Europa mit Flugreise). Das ist praktisch, denn es versickert gleich alles zwischen den Dielen. Ein Problem ist der Sommer (die Hitzeperioden, Dürren, Waldbrände, ausgetrocknete Flüsse, Missernten), denn dann ist die Kacke am Dampfen und es stinkt zum Himmel. Und deshalb beauftragt man einen Schwarzen Menschen (jemanden aus dem globalen Süden), unseren Scheiß aufzuräumen.

Soweit zum Gleichnis. Das Problem wird durch folgenden Umstand verschärft: Wenn man die Restmenge CO2, die zur Verfügung steht, um das 1,5°-Ziel zu erreichen, auf alle Menschen aufteilt, dann ergibt sich, dass für jeden Deutschen eine Restmenge von 24 Tonnen zur Verfügung steht, wenn wir das 1,5°-Ziel mit 67% Wahrscheinlichkeit (klappt, klappt, Mist) erreichen wollen (SRU, 2022). Das bedeutet, dass in drei Jahren alles aufgebraucht ist, wenn man den Durchschnittsausstoß von 11 Tonnen pro Jahr zugrundelegt. Wenn man aber nun einmal im Jahr Economy nach Seoul (4,3t), Los Angeles (5,095t) oder Sydney (10,683 t) fliegt, stößt man jeweils eine Menge CO2 aus, die ein Vielfaches der klimaverträglichen Jahresemission von 1,5t pro Person beträgt. Oder anders: Man kann in seinem Leben noch fünf Mal nach Korea fliegen. Dann ist das Budget komplett aufgebraucht und man hat noch nichts gegessen, nicht geheizt und so weiter. Das einfach nur, um die Größenordnungen der Verschmutzung aufzuzeigen, die man anrichtet.

Die Kompensation bei atmosfair läuft so, dass innerhalb von zwei Jahren der Ausgleich geschaffen wird (atmosfair, 03.10.2022). Da heißt, dass es in der Zwischenzeit stinkt! Nicht love is in the air, sondern CO2. Wir sind nah an den Kipppunkten dran und der fortwährende Ausstoß von CO2 ist ein Spiel mit dem Feuer.

Kipppunkte und in welchem Temperaturbereich das Kippen wahrscheinlich ist. Die entsprechenden Vorgänge sind irreversibel. PIK 2022.

Der Schluss kann nur sein, dass wir unseren wissenschaftlichen Vortrag nicht über das Leben von Menschen stellen dürfen, dass CO2-Kompensation nur ein Ablasshandel und eine Kompensation für uns selbst, für unser Gewissen, ist und dass wir einfach keinen Mist machen sollten, den andere dann – vielleicht zu spät – wegmachen müssen.

Vielmehr sollten wir nun endlich in den Notfallmodus schalten und das, was wir vielleicht für Kompensationsprojekte machen könnten, zum Beispiel die Wiedervernässung von Mooren, einfach so machen. Fridays For Future fordert 100 Milliarden dafür.

Fronttransparent von Fridays For Future beim 11. globalen Klimastreik: 100 Milliarden für Klima statt Krise, Berlin, 23.09.22, Bild: Stefan Müller

Also, lasst uns aufhören mit dem Scheiß und lasst uns uns selbst retten.

Extinction Rebellion blockiert Potsdamer Platz mit Bohrturm: „Wir müssen nicht das Klima retten, sondern uns selbst“, Berlin, 19.09.22, Bild: Stefan Müller

Quellen

Appiah-Nuamah, Maame & Berner, Richard & Gipp, Antonia & Hohmann, Theresa & Nöfer, Johannes & Pätzke, Franka & Prawitz, Hannah et al. 2021. Wissenschaftliches Reisen: THESys Humboldt-Stipendium Themenklasse Nachhaltigkeit und Globale Gerechtigkeit 2020/2021. Humboldt-Universität zu Berlin. (doi: 10.18452/23298)

Asmuth, Gereon. 2022. Hitzetote in Deutschland: Hitzewelle mit dunklem Schatten. taz 22.08.2022. Berlin. (https://taz.de/Hitzetote-in-Deutschland/!5873299)

Gesang, Bernward. 2022. Gebärstreik als Klimaschutz-Maßnahme: Kinderlos fürs Klima? taz 18.03.2022. Berlin. (https://taz.de/Gebaerstreik-als-Klimaschutz-Massnahme/!5838466/)

Herrmann, Ulrike. 2022. Kapitalismus und Klimaschutz: Schrumpfen statt Wachsen. taz 17.09.2022. Berlin. (https://taz.de/Kapitalismus-und-Klimaschutz/!5879301/)

Parncutt, Richard. 2019. The Human Cost of Anthropogenic Global Warming: Semi-Quantitative Prediction and the 1,000-Tonne Rule. frontiers in Psychology 10(2323). 1–17. (doi:10.3389/fpsyg.2019.02323)

Sachverständigenrat für Umweltfragen. 2022. Wie viel CO2 darf Deutschland maximal noch ausstoßen? Fragen und Antworten zum CO2-Budget. Berlin: Sachverständigenrat für Umweltfragen. (https://www.umweltrat.de/SharedDocs/Downloads/DE/04_Stellungnahmen/2020_2024/2022_06_fragen_und_antworten_zum_co2_budget.html)

Schwarz, Susanne. 2022. Proteste der „Letzten Generation“: Zeit für Notwehr? taz 17.02.2022. Berlin. (https://taz.de/Proteste-der-Letzten-Generation/!5831060/)

Gerichtprozess gegen Henning Jeschke wegen versuchter Nötigung und Widerstand gegen die Staatsgewalt

Henning Jeschke vom Aufstand der Letzten Generation steht im Amtsgericht Tiergarten wegen versuchter Nötigung vor Gericht. Er hat am 24.06. eine Straße blockiert, indem er sich festgeklebt hat. Ihm ist es als einzigem gelungen, sich festzukleben, bei anderen Aktivist*innen hat das die Polizei verhindert.

Die Verhandlung

Die Verteidigerinnen Sonja Manderbach und Carla Hinrichs wurden nicht anerkannt, weil sie nicht über ein abgeschlossenes Jura-Studium verfügen.

Henning Jeschke vom Aufstand der Letzten Generation vor Gericht wegen versuchter Nötigung. An seiner Seite Carla Hinrichs, Pressesprecherin der Letzten Generation und Jurastudentin, die ihn verteidigen wollte, aber nicht als Verteidigerin zugelassen wurde, Amtsgericht Tiergarten, Berlin, 28.09.22, Bild: Stefan Müller

Henning Jeschke muss sich also selbst verteidigen. Ich habe Aussagen stichpunktartig aufgeschrieben und, was folgt, ist daraus rekonstruiert bzw. entspricht diesen Stichpunkten. Audio- oder Videoaufnahmen sind in Deutschland nicht erlaubt. Ein Rechtsanwalt meinte dazu, dass das dazu diene Show-Veranstaltungen zu verhindern.

Jeschke: Ja, habe mich angeklebt. War richtig so, würde das wieder tun, weil wir alle die #LetzteGeneration sind, die noch handeln kann.

Jeschke trägt zu seiner Biografie vor: In der Schule wöchentliche Demokratiestunde geleitet, als Wahlhelfer gearbeitet, bei Fridays For Future Reden gehalten, nur um dann zu sehen, wie die Regierung nach der Klimastreik-Demo von 1,4 Mio Menschen ein verfassungswidriges #Klimapaket verabschiedet. Da die Politik weiß, was sie tut, handelt es sich um Massenvernichtung. Politik hat versagt. Information über Lage wird unterschlagen. In Indien gab es existenzielle Probleme für Bauern (?). Menschen sind auf die Autobahnen gegangen und haben ihre Ziele erreicht. Unsere Hände werden keine Waffen tragen und unsere Herzen werden offen sein. Wegen der Kipppunkte gilt: Es gibt keinen Mittelweg. Deswegen saß ich am 24.06. auf der Straße und werde das auch weiter machen.

Die Anklage erfolgt nach §240 Strafgesetzbuch wegen Nötigung: Rechtswidrig ist die Tat, wenn die Tat zu dem angestrebten Zweck verwerflich ist. Richterin spricht von ihrer 14jähringen Tochter. Sie hat sich mit der Sache beschäftigt und auch mit anderen Richter*innen gesprochen. Sie weiß, dass die #LetzteGeneration nicht irgendwelche Spinner sind, wie in manchen Medien behauptet. Sie hat auch einen Fachartikel gelesen zum Thema Straßenblockaden gelesen, hält den rechtfertigenden Notstand aber nicht für gegeben. Sie nennt den Autor des Fachartikels nicht, aber es könnte Mathis Bönte (2021) sein. Man müsse immer die Frage stellen, ob es mildere Mittel gebe? Persönlich hält sie Straßenblockaden nicht für geeignet. Sie betont, dass das ihre persönliche Meinung ist.

Jeschke stellt einen Beweisantrag zu Klimanotstand. Richterin: Keine Beweise für Klimakatastrophe nötig, das glaube ich ihnen alles.

Jeschke stellt Antrag: #Klimawandel und #Klimaschutz sollten nicht in Verhandlung und Protokollen verwendet werden, weil dieses framing von fossilen Thinktanks kommt. Statt dessen: #Klimanotstand. Die Richterin will sich nicht vorschreiben lassen, welche Wörter sie gebrauchen soll und lehnt Antrag ab.

Jeschke stellt den Antrag, den Klimaforscher (Name habe ich nicht verstanden) vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) als Zeugen zum rechtfertigenden Notstand zu hören. Dieser halte sich unten als Zeuge bereit. Ziel der Aktionen der Letzten Generation: Abwendung der Gefahr durch Erwirkung von Aufmerksamkeit. Klimakatastrophe ist existenzielle Bedrohung. Widerstand gegen unzureichende Maßnahmen. Dadurch ist die Verwerflichkeit auszuschließen und somit die Verurteilung unmöglich.

Staatsanwalt: Der Antrag ist abzulehnen, weil es unerheblich sei, ob #Klimanotstand vorliegt.

Richterin Antrag wird abgelehnt, weil Klimafakten und #Klimakatastrophe bekannt sind.

Jeschke: Prof. Dr. Wolfgang Lucht vom PIK hat eine schriftliche Stellungname zu diesem Prozess abgegeben: Politische Kurs ist zu langsam. „Politische Ignoranz“. Jeschke will das gesamte Papier zu Protokoll geben.

Richterin: Was berücksichtigt werden soll, muss auch verlesen werden.

Jeschke verliest aus Luchts Stellungnahme: Es bleibt wenig Zeit für Reaktion. Für 1,5° müsste Deutschland rascher klimaneutral werden. Bundesregierung muss ein CO2-Budget vorlegen. Das hat die Bundesregierung bis heute nicht getan. Wahrscheinlich wird Deutschland die aktuell gültigen Klimaziele verfehlen, obwohl die ohnehin oberhalb von dem liegen, was für die Erreichung des 1,5°-Ziels nötig wäre.

Jeschke: Die Straßenblockade hat zu großem Medienecho geführt und war angemessen. Allein 41 Artikel zum 24.06. Eine gewöhnliche Demo erzeugt weniger Aufmerksamkeit. Sitzblockade ist ein mildes und geeignetes Mittel. Widerspricht Aussage der Richterin, dass Blockade nicht geeignet ist.

Jeschke: Antrag auf Kenntnisnahme der Artikel und des Medienechos.

Richterin: Abgelehnt.

Jeschke: Antrag: Bilder von Demo ansehen.

Richterin: Das wollte ich sowieso machen, das war mein Masterplan.

Jeschke: Die Polizei hat nicht beachtet, dass es sich um politische Versammlung handelt. Sie habe diese nicht verlegt oder aufgelöst, sondern Aktivisten sofort geräumt.

Richterin: Verfahren wird auf Nötigung beschränkt. Wenn mehrere Paragrafen verletzt sind, dann kann man nur eine Sache weiter verfolgen. (Ich glaube, das andere war Widerstand §115, bin aber unsicher.)

Richterin erwähnt Prozess in Lübeck (taz, 2022).

Journalistinnen bemerken Frau (nicht von LG), die mit professionellem Equipment Audioaufnahmen macht. Richterin holt Polizist, der Aufnahmegerät beschlagnahmt. [NB: Audioaufnahmen wären schon praktisch, weil so schnell alles mitzuschreiben, nicht einfach ist. =:-)]

Jeschke: Es wird alles so weitergehen im Oktober. Er zitiert Jürgen Trittin zum Erfolg der Aktionen. Trittin soll als Zeuge geladen werden: Der durch friedliche Straßenblockaden erzeugte Druck führe zu Handlungen. Der Druck von der Straße habe schon Wirkung gezeigt. Dehalb war die Nötigung nicht verwerflich, denn die Blockaden bewirken Maßnahmen zum Klimaschutz. Deshalb plädiert Jeschke auf Freispruch, denn die Tat sei somit nicht rechtswidrig gewesen.

Richterin verlässt mit weiterer Zuschauerin wegen evtl. Audioaufnahmen auf deren Handy den Gerichtssaal.

Der Antrag zur Ladung Jürgen Trittins wird abgelehnt, weil die Wirkung der Blockade so allgemein nicht überprüfbar sei.

Richterin: „Sind wir am Ende?“ Jeschke: „Ja, die gesamte Zivilisation und hier auch.“

Staatsanwalt: Die Anklage wegen Widerstand ist eingestellt. Aber der Vorwurf der versuchten Nötigung bleibt. Der Klimanotstand ist eine Krise, die uns alle betrifft. Ziel der Tat war zu erreichen, dass der Planet bewohnbar bleibt. Das steht aber nicht vor Gericht, sondern die Tat. Dafür sieht das Gesetz eine Haftstrafe oder eine Geldstrafe vor. Wegen fehlender Vorstrafe kommt nur eine Geldstrafe in Betracht. Das Notwehrrecht greift nur, wenn eine gegenwärtige Gefahr abgewendet werden kann. Personen werden Geisel der Überzeugung des Angeklagten. Wie das Blockieren das Erreichen des Gradziels bewirken soll, erschließt sich dem Staatsanwalt nicht. (Einschub StMü: Er sollte sich mit zivilem Ungehorsam beschäftigen, aber das passt wohl nicht zur Rolle des Staatsanwalts.) Angeklagte sollte andere Mittel verwenden: Wahlen, Demonstrationen, Kunstfreiheit. (Einschub StMü: Fallen Aktionen mit trojanischen Pferden unter Kunstfreiheit? In dem Pferd waren vier Personen drin.) Die Tat sei unzulässig und verwerflich. Da der Angeklagte nicht vorbestraft ist, schlägt die Staatsanwaltschaft 20 Tagessätze a 10€ = 200€ + Kosten des Verfahrens als Strafe vor. Die Sekundenklebertuben werden als Tatmittel eingezogen.

Jeschke: Ich bin schockiert. Wozu haben wir denn ein Grundgesetz? Grundgesetz heißt doch, dass wir bestimmte Sachen nicht verhandeln müssen. Ökosysteme kollabieren, nach Kipppunkten gibt es kein Zurück mehr, Zwangsmarsch ins Verderben, Verzicht auf Führung ist kriminell. Und das ist nicht von mir, damit zitiere ich den UN-Generalsekretär. Ein Alien, das von außen auf die Erde blickt, würde nicht verstehen, was wir hier machen.“ (Seine Stimme versagt.) Das Frauen-Wahlrecht, Rechte für Schwarze, das freie Wochenende wurden mit zivilem Ungehorsam erkämpft. Wir erleben, wenn Justiz nicht stark genug ist, wie eine Aushöhlung geschieht, wie Menschen sich Wahrheit konstruieren. Bei 4° wird es vielleicht noch 1 Mrd. Menschen geben vielleicht 1/2 Mrd. d.h. 7 Mrd Menschen werden verschwunden sein. Vielleicht sind wir auch schon im Atomkrieg untergegangen. (NB StMü Gletscher speisen Flüsse in Indien, Pakistan, China. China kontrolliert Tibet und damit das Wasser. Alle drei sind Atommächte. Quelle: Wasser und Zeit) 1,5° sind vorbei. Kipppunkte fallen in den nächsten Jahren. Es bleiben wenige Jahre, das Ruder herumzureißen. Regierung begegnet dem mit Ignoranz. Eine mutige Entscheidung hier kann eine Debatte auslösen, die Welt zu ändern. Damit könnte man Veränderungen im Justizapparat anschieben, wenn nicht, machen Sie sich zur Komplizin der Vernichtung der nächsten Generation. Auf Ihre Gräber werden unsere Kinder später spucken. (NB: Henning Jeschke spricht von „unseren Kindern“, vielleicht kann das Missverständnis, sie würden irgendwie behaupten, sie seien die letzten Menschen jetzt mal aufhören.) Für mich ist es gleich, was Sie machen, ich werde wieder das Gleiche tun. Sagen Sie, auf welcher Seite der Geschichte Sie stehen. Ich wollte niemanden emotional unter Druck setzen, oder vielleicht doch.

Das Urteil

Richterin verkündet Urteil: 20 Tagessätze à 10 Euro + Kosten des Verfahrens. (NB: Also das Strafmaß, dass auch die Staatsanwaltschaft gefordert hat. Allerdings ist das eine geringe Strafe.)
Richterin zum Urteil: Der Angeklagte hat sich an der Seestraße als Einziger festgeklebt, eine Spur blockiert. Dazu gilt die Zweitereiherechtssprechung vom Bundesgerichtshof. Richterin findet diese merkwürdig, aber das ist nun mal gültiges Recht. (NB: Beruhigt mich ja irgendwie, denn ich hatte von zweite Reihe in der Zeitung gelesen und fand das auch absurd.) Autofahrer fördern Klimakrise, aber das geht zu weit, weil das machen wir ja alle. (NB: Die Autofahrer*innen sind nicht das Ziel der Aktionen. Das Ziel ist maximale Disruption und die sich daraus ergebende Aufmerksamkeit für den Klimanotstand.) Es ergab sich eine Beeinträchtigung der Fortbewegungsfreiheit. Menschen auf dem Weg zur Arbeit, haben das Recht dorthinzukommen. Es ist fraglich, ob Blockaden ein geeignetes Mittel sind. Das zu sagen, fällt mir nicht leicht, habe ich schon gesagt. Schwierig auf den politischen Prozess zu verweisen, neben der Straße zu demonstrieren funktioniert auch nicht. Moralische Erwägungen gehören aber nicht in die juristische Diskussion.

Das war das Ende. Die Aktivist*innen im Gerichtsaal waren traurig, es gab Tränen aber auch Support.

Lina Eichler und Henning Jeschke vom Aufstand der Letzten Generation nach der Verurteilung von Henning Jeschke wegen versuchter Nötigung, Amtsgericht Tiergarten, Berlin, 28.09.22, Bild: Stefan Müller

Das war erst das erste in einer Reihe weiterer Verfahren, aber im Oktober geht die Letzte Generation wieder auf die Straße. Von einer Journalistin befragt, ob das denn erfolgreich sei, antwortete Henning Jeschke: Ja, am Anfang waren wir 30. Jetzt sind wir 500 in Deutschland und es gibt die Letzte Generation in 10 Ländern.

Sonja Manderbach, Henning Jeschke und Carla Hinrichs (vlnr) vom Aufstand der Letzten Generation nach der Verurteilung Henning Jeschkes wegen versuchter Nötigung mittels Straßenblockade. Carla Hinrichs und Sonja Manderbach wurden als Verteidigerinnen nicht zugelassen. Im Hintergrund Unterstützer. Eine mit einem Beutel mit der Aufschrift „Froh, dabei zu sein“, Amtsgericht Tiergarten, Berlin, 28.09.22, Bild: Stefan Müller

Nachgedanken

Dinge, die ich heute gelernt habe: Das Amtsgericht Tiergarten hat drei Standorte und ohne Aktenzeichen ist man verloren. Deshalb kein Bild vom Prozessauftakt.

Es gab auch einen Bericht in der taz von Gareth Joswig. Er schreibt: „Unsere Kinder werden auf unsere Gräber spucken, wenn wir nicht handeln.“ Ich habe mir notiert: „Auf Ihre Gräber werden unsere Kinder später spucken.“ Es ging um den Justizapparat. Die taz-Formulierung scheint mir nicht sinnvoll, denn Henning Jeschke handelt ja. Sein Ansatz mag falsch sein und vielleicht nicht funktionieren, aber es wird niemand sagen können, er habe nichts getan. Für solche Details wären Audioaufzeichnungen gut. An der einen oder anderen Stelle in der Verhandlung hätte ich auch gern Bilder gemacht. Es waren schon sehr interessante Gesichtsausdrücke. Aber ich verstehe auch, dass es so ist, wie es ist.

In der Nacht fiel mir noch diese Vorlesung von der Klimavorlesung an der TU Berlin ein.

Petra Vandrey erklärt dort, dass die nicht endenden Aktionen Politiker*innen im Tagesgeschäft immer wieder daran erinnern, dass es da ja noch ein Problem gab.

Ich habe über die Richterin nachgedacht. Wie verläuft ihr Alltag? Erzählt sie zu hause am Abendbrotstisch von ihren Verfahren? Am Tag davor? Spricht sie mit ihrer 14jährigen Tochter? „Aber, was er gemacht hat, war doch richtig. Hast Du doch selber gesagt.“ „Ja, aber juristisch war es falsch.“ „Ja, aber, sind dann nicht die Gesetze falsch?“ „Nun ja, …“ „Kann man die ändern?“ „Ja, aber ist nicht einfach.“ „Kannst Du sagen: Ich will das nicht entscheiden?“ „Nun ja, … ist nicht einfach.“ Ich habe die Richterin gefragt, wie es weitergeht und ob sie noch mehr solche Verfahren bekommt. Sie meinte, es gäbe ein Rotationsprinzip und ohnehin seien eigentlich Verkehrsrichter*innen für die Blockaden verantwortlich. Da jetzt aber so viele Verfahren anstehen, bekommt sie vielleicht ja noch eine zweite Chance.

Offene Fragen

Wenn es nur versuchte Nötigung war, weil die Straße nicht komplett blockiert war, dann müssten ja auch alle anderen Prozesse nur wegen versuchter Nötigung geführt werden, weil es immer eine Rettungsgasse gibt, über die der gestaute Verkehr abfließen kann. Die Blockade ist dennoch wirksam, weil die Polizei dann oft die ganze Autobahn für mehrere Stunden sperrt.

Die Letzte Generation besetzt Signalleitanalage und blockiert die A100, Berlin, 29.06.2022, Bild: Stefan Müller

Quellen

Bönte, Mathis. 2021. Ziviler Ungehorsam im Klimanotstand. HRRS  Onlinezeitschrift für Höchstrichterliche Rechtsprechung zum Strafrecht 22. (https://www.hrr-strafrecht.de/hrr/archiv/21-04/index.php?sz=6)

No logo? Logo!

Ich ärgere mich seit Jahren über Achtlosigkeit und verschenkte Chancen, weshalb ich mich entschlossen habe, einen Post darüber zu schreiben.

Zerstörte Bilder

Bei Demonstrationen und auch bei Aktionen zivilen Ungehorsams kommt es vor, dass Menschen nicht darüber nachgedacht haben, was sie zur Veranstaltung anziehen. Ich habe immer wieder Diskussionen darüber, weshalb ich hier ein paar krasse Beispiele und ein paar positive Beispiele bringen möchte.

Das erste Bild hat bei mir echt Fragen ausgelöst!

Werbung für J*e*e*p South Africa-Club

Warum hat ein Mensch mit ökologischen Einstellungen so eine Mütze? J*e*e*p stellt schwere Geländewagen her, die leider auch in der Stadt gefahren werden. Südafrika ist von Berlin nur mit einem Langstreckenflug erreichbar. Was vermittelt so ein Logo auf der Mütze? Ich war in Südafrika und habe dort eine Safari gemacht? Ich fand das so toll, dass ich mir im Souvenir-Laden des Naturparks eine Mütze gekauft habe? Ich bin in den Jeep-Club eingetreten und habe diese Mütze bekommen? Ich habe die Mütze hier in einem Laden gekauft und nicht weiter darüber nachgedacht, was ich kaufe? In jedem Fall ist die Nachricht verheerend. Sie steht direkt im Widerspruch zu dem, was das restliche Bild zeigen würde.

Beispiel zwei ist auch sehr schön. Ein Klimaaktivist macht Werbung für das amerikanische Militär. Pazifismus ist ja ein bisschen aus der Mode gekommen, aber das amerikanische Militär hat einen enormen CO2-Ausstoß (mehr als Schweden, Welt 29.08.2022). Insbesondere Flugzeuge sind klimaschädlich. Insgesamt dürfte klar sein, dass solche Aufschriften auf Demos daneben sind und von der eigentlichen Bildaussage ablenken.

Pullover mit Aufschrift Air Force Academy

Letztes Beispiel: Werbung. Diese Person macht Zigarettenwerbung:

Zigarettenwerbung

Mit Inkrafttreten des Tabakwerbeverbots haben Tabakfirmen ihre Strategien umgestellt. Sie haben versucht, Farben zu besetzen und auch Bekleidungsmarken ins Leben gerufen. Niemand, der politisch denkt, sollte seinen Körper für Tabakwerbung zur Verfügung stellen.

Menschen, die lesen können, müssen Schrift lesen. Das passiert automatisch und unbewusst. Menschen, die Kleidungsstücke mit Nachrichten tragen, transportieren diese Nachrichten, machen Firmen oder Institutionen populär.

Photoshop

Wenn Ihr Fotograf*innen richtig wütend machen wollt, dann sagt ihnen: „Ach, das kann man doch alles mit Photoshop wegmachen.“ Solche Aussagen sind eine grobe Missachtung der Arbeit der Fotograf*innen, denn die Aussage ist: „Ich denke nicht nach darüber, was ich anziehe, denn Du kannst ja Deine Zeit damit verbringen, meine Gedankenlosigkeit irgendwie auszubügeln.“

Außerdem bitte ich Folgendes zu bedenken:

  • Es sind nicht nur Fotograf*innen anwesend, die der Klimabewegung wohlgesonnen sind. Ich wurde 2021 von meiner Agenturchefin gebeten, Fotos von vermüllten Demonstrationsorten zu machen. Es gäbe dafür Abnehmer.
  • Im Pressebereich zählen Sekunden. Je nach Situation/Aktion kann man nicht anfangen, jedes Bild einzeln zu bearbeiten. Problematische Bilder fliegen raus. Im schlimmsten Fall übersieht man Problemfälle und Bilder landen in Pressedatenbanken.
  • Bei langen Veranstaltungen kommen 1000–2000 Bilder zusammen, aus denen dann vielleicht mehrere Hundert ausgewählt werden. Da von Fotograf*innen zu erwarten, dass die diese bearbeiten, ist eine Sauerei. Ehm, sorry.
  • Ja, man kann einige Dinge mit Photoshop machen, aber zum Beispiel das Logo auf der Mütze gehört zu den schwierigeren Sachen, denn die umgebende Struktur ist detailliert und Manipulationen würden auffallen.
  • Die Bearbeitung von Reportagebildern ist grenzwertig.

Bei folgendem Bild habe ich die Werbung für einen Texttilkonzern so stark abgedunkelt, dass sie praktisch nicht mehr sichtbar ist.

Da war das Original:

T-Shirt-füllende Werbung für Bekleidungsmarke

Man kann nicht anders, als es von links nach rechts zu lesen. Und da steht zuerst Lee und man ist mit Gedanken irgendwo weit weg. Zum Beispiel in Indien bei den 60.000 Arbeiter*innen, die 5.000 Jeanshosen pro Tag produzieren.

Abgedunkeltes, fast nicht mehr sichtbares Firmenlogo

Das Abdunkeln des Logos ist aus Reportagesicht grenzwertig. 2013 gab es Wirbel um das Gewinnerbild des World Press Photo Awards (Süddeutsche Zeitung, 14.05.2013), weil dem Fotografen das Aufhellen von Bildstellen vorgeworfen wurde. Fotograf*innen arbeiten meist mit RAW-Dateien. Das sind die Daten, wie sie der Sensor der Kamera liefert. Da muss in jedem Fall an den Helligkeiten und Kontrasten gedreht werden, sonst würde zum Beispiel das Bild oben wie folgt aussehen:

Bilder sind also fast immer bearbeitet, aber die Frage ist, wie weit man in den Bildinhalt eingreift. In jedem Fall wäre es besser gewesen, wenn das T-Shirt keine Werbebotschaft verkündet hätte.

Nutzt die Möglichkeiten!

Wir reden über Werbung, über Nachrichten in Bildern. Die Proteste brauchen Berichterstattung in den Medien. Aktivist*innen wollen sichtbar sein und wollen ihre Anliegen sichtbar machen. Wir können von den Profis lernen. Schaut man sich Sportübertragungen und Pressekonferenzen nach Sportereignissen an, so sieht man, dass Getränke sorgfältig platziert werden, dass die Akteure Firmenlogos auf der Kleidung haben und sogar auf dem Kragen, so dass man sie auch bei Nahaufnahmen von Personen im Bild hat. Warum also nicht die eigene Message verbreiten?

Hoodies können das Logo, den Schriftzug einer Gruppe tragen:

Basti und Amelie Meyer von Extinction Rebellion bei Protest vor der FDP-Zentrale für 9-Euro-Ticket, Reinhardtstraße, Berlin, 02.09.22

Ein Anstecker ans Kleid ist möglich und reversibel:

Mütter von Mothers Rebllion demonstrieren vor einer Filiale der Deutschen Bank, um gegen die Finanzierung fossiler Projekte zu protestieren. Das war die weltweit erste Aktion von Mothers Rebellion, einer Vereinigung von Müttern, die mit zivilem Ungehorsam gegen unzureichende Klimapolitik demonstrieren. Berlin, 08.09.22

Bei dem Bild ist ein Teil des Banners zu sehen, die Logos der Deutschen Bank und es ist sehr gut, dass die Frau ein (farblich kontrastierendes) XR-Logo am Kleid hat.

Auch Gesichtsmasken oder Gesichter kann man mit Nachrichten und Logos verzieren.

Rebellin von Extinction Rebellion bei der Blockade des Landwirtschaftsministeriums, Berlin, 19.08.21
Teilnehmer am Klimastreik von Fridays For Future kurz vor den Bundestagswahlen: „Vote earth“, Berlin, Reichstag, 24.09.21

Auch Beutel kann man für Nachrichten nutzen. So steht auf dem Beutel von Isabelle Bungart: „Kapitalismus tötet. Systemwandel statt Klimawandel“:

Aktivisten vom Aufstand der Letzten Generation graben die Rasenstücke vor dem Bundeskanzleramt um, um dann dort Kartoffeln und Zwiebel zu stecken (Kartoffeltüte links im Bild). Reichstag im Hintergrund, Berlin, Bundeskanzleramt, 12.02.22

Der beste Beutel ist der hier, der tragbare Politik fordert:

Rebell von Extinction Rebellion wird bei Auflösung der Blockade des Landwirtschaftsministeriums weggetragen. Er hat einen Beutel von der Partei Die PARTEI mit der Aufschrift: „Tragbare Politik“, Berlin Wilhelmstraße, 19.08.21

Zusammenfassung

Bitte lasst Kleidung, Taschen, Beutel usw. mit Firmenlogos zu hause. Zieht neutrale Sachen an, trennt Firmen-Logos ab, dreht Mützen, T-Shirts, Einkaufstüten oder -beutel um oder noch besser: Nutzt den Platz für Slogans oder Logos Eurer Bewegungen.

Danke!

Sorry, das musste mal raus.

Warum individuelle Verhaltensänderungen wichtig sind

In der Klimabewegung wird immer wieder darauf hingewiesen, dass der individuelle Fußabdruck Teufelszeug ist und dass angeblich individuelle Verhaltensänderungen nichts bringen würden, da die Lösung der großen Probleme um Größenordnungen wichtiger ist (z.B. Mau, 2022). Das sind verschiedene Punkte, die mitunter vermischt werden.

Fußabdruck vs. Handabdruck

Der CO2-Fußabdruck ist ein Maß dafür, wie viel CO2 einer konkreten Person zugerechnet werden können. Heizung, Ernährung, Mobilität, Konsum spielen eine Rolle. All das kann man reduzieren bzw. umstellen, aber auf bestimmte Faktoren hat die Einzelperson keinen Einfluss. In Mietwohnungen gibt es normalerweise keine Möglichkeit, den Vermieter dazu zu bringen, dass er eine Wärmepumpe einbaut oder eine Solaranlage auf dem Dach installiert.

Psycholog*innen sehen deshalb den so genannten Handabdruck als besseres Maß. Dabei geht es darum, wie viele Menschen man dazu bringt, weniger CO2 auszustoßen. Während man beim eigenen Fußabdruck an Grenzen kommt und zur Frustration, sorgt man beim Handabdruck letztendlich dafür, dass andere ihren Fußabdruck reduzieren und bis man da an Grenzen stößt, werden noch einige Jahre ins Land gehen.

Bleibt, wie Ihr seid, macht, was Ihr immer macht. Ist schon OK. Not.

Nun findet man aber auch Äußerungen in der Presse oder in sozialen Medien, dass es nicht darum geht, dass Einzelpersonen ihre Gewohnheiten ändern sollen. Ich habe einen Extremfall aus dem Freitag bereits diskutiert. Hier ist ein anderes kurzes Beispiel:

Lang ging es in der Klimakommunikation darum zu vermitteln dass es einen anthropogenen Klimawandel gibt. Das scheint (weitgehend) erreicht. Nun folgt der nächste Marathon: zu vermitteln dass es nicht um „weniger Fleisch und mal das Auto stehenlassen“ geht.

Ich würde ein „nur“ zwischen „nicht“ und „um“ einfügen, aber so wie es oben steht, halte ich die Aussage für falsch. Es gibt ein ganz einfaches Argument. Wir müssen unseren CO2-Ausstoß auf null Gramm CO2 senken (oder Null Tonnen, Null ist Null, nichts). Da die Fleischerzeugung dafür sorgt, dass große Mengen CO2 freigesetzt werden, muss das reduziert werden. Genauso sieht es bei Verbrenner-Autos und kerosinbetriebenen Flugzeugen aus.

Jetzt kann man sagen: Jo, ist aber alles egal, wenn weiter Kohlekraftwerke laufen, Ölfelder erschlossen werden usw. Das stimmt: #CarbonBombs. Und wenn es darum geht, Massen zu mobilisieren, oder Massen die Angst vor einer grünen Regierung zu nehmen, dann ist es vielleicht taktisch geschickt zu sagen: Hej, Ihr seid großartig. Bleibt wie Ihr seid. Wählt uns, wir machen das dann für Euch. Es ist nun aber so, dass wir gewählt haben. Wir haben die bestmögliche Regierung. Drei Parteien mit 1,5°-Ziel im Parteiprogramm und noch 270 Gt Restbudget. Diese Regierung wird das 1,5°-Ziel krachend reißen. Die nächsten Wahlen sind weit weg. Wir haben ein CO2-Restbudget von 27,7t pro Person, wenn wir 1,5° mit 83% Wahrscheinlichkeit halten wollen. Das heißt, das reicht noch für knapp drei Jahre. Mit Autofahren und viel Rumfliegen ist da nichts. Das Ernährungssystem muss umgestellt werden, wenn wir die Weltbevölkerung ernähren wollen. Man kann sich jetzt auf den Standpunkt stellen, dass das die Regierung machen muss. Es muss Vorgaben geben, die für alle gelten.

Das Problem ist nun aber, dass Regierungen, egal welcher Art (meine Vorhersage ist, dass die nächste Regierung Grün-Schwarz sein wird), nur das tun, was sie für opportun und durchsetzbar halten.

Monika Herrmann, ehem. Bezirksbürgermeisterin von Friderichshain/Kreuzberg spricht beim Klimamontag, Wrangelkietz: „Wir müssen die Straßen zerstören.“, Berlin, 02.0.522

Wenn also alle SUV fahren, Rindfleisch essen und nach Thailand fliegen toll finden und für unverzichtbar halten, werden sich Regierungen schwer damit tun, SUVs zu verbieten, Fleisch zu versteuern, die Subventionen für das Fliegen abzubauen und die ökologischen Schäden in Tickets einpreisen zu lassen. Wenn alle ihre Autos benutzen wollen, wird ein Umbau der Städte in Schwammstädte und ein verkehrsreduziertes Leben nicht möglich werden. Wenn dagegen 70 Prozent der Deutschen ohnehin vegetarisch leben würden, der Rest nur – wie früher – einen Sonntagsbraten essen würde und 60 Prozent der Deutschen in Bayern, Thüringen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg Urlaub machen würden, kämen die Regierungen vielleicht auch auf die Idee, das zu fördern.

Experimente haben gezeigt, dass Menschen andere Menschen beeinflussen. Dieser Einfluss wirkt nicht nur direkt (Person A beeinflusst Person B) sondern auch über mehrere Stufen hinweg: Person A beeinflusst Person B, wodurch Person C beeinflusst wird. Dabei haben Person A und Person C keinen unmittelbaren Kontakt, sie müssen sich nicht einmal kennen. Die folgende Abbildung veranschaulicht das.

Fowler & Christakis (2010: 5337): Verhaltensausbreitung über drei Stufen hinweg

In einem Experiment, in dem es darum ging, Geld zu geben, von dem dann die gesamte Gruppe mehr hat als wenn alle ihr Geld behalten (siehe Anhang), konnten Fowler & Christakis (2010) zeigen, dass der Einfluss bis zu drei Graden weiter reicht. Eleni beeinflusst Lucas, Lucas Erika, Erika Jay und Jay Brecken. Gleichzeitig beeinflussen Lucas und Erika und Jay aber auch noch andere Menschen. Es ist zu vermuten, dass das auch in realen sozialen Kontexten so funktioniert. Das Ergebnis wäre dann, dass sich zukunfstkompatibles Verhalten weiter verbreitet. Das muss natürlich durch die Politik ermöglicht und gefördert werden. Es ist eine komplexe Interaktion nötig. Aber die Menschen komplett zu entlasten und zu sagen: „Ej, mach ma wie Du immer machst, wir kriegen das schon irgendwie hin!“ (Mau, 2022), wird nicht funktionieren.

Anhang

In dem von Fowler & Christakis (2010) beschriebenen Experiment hat jeder Teilnehmerin 20 MU (money units). Wenn er oder sie eine MU in die Kasse einer Gruppe einzahlt, bekommt jeder in der Gruppe 0,4 MU (Es entstehen also 1,6MU). Wenn alle all ihr Geld abgeben, bekommt jede/r 32 MU. Wenn jemand asozial ist und 20 MU für sich behält, während alle anderen alles einzahlen, bekommt er 44 MU. Man kann nun feststellen, dass das Verhalten der Teilnehmer*innen sich über mehrere Personen hinweg in Richtung Kooperation verbessert. Menschen tun, was andere Menschen tun.

Quellen

Fowler James H. & Christakis Nicholas A. 2010. Cooperative behavior cascades in human social networks. Proceedings of the National Academy of Sciences. Proceedings of the National Academy of Sciences 107(12). 5334–5338. (doi:10.1073/pnas.0913149107)

Mau, Katharina. 2022. Wer rettet das Klima: Ich oder wir? der Freitag. (https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/klimawandel-kann-der-einzelne-wirklich-einen-unterschied-machen)

Die Klimakatastrophe: Dokumentation von katastrophalen Auswirkungen in der Gegenwart

Die Klimabewegung fordert immer wieder eine adäquate Berichterstattung über Klimathemen in den Medien. Ja, es ist wahr, angesichts der Bedeutung der Klimakatastrophe für die Menschheit müssten die Themen mindestens so präsent sein, wie der Ukraine-Krieg im Februar und März. Aber es ist nicht so, dass die Klimathemen gar nicht vorkämen. Wir neigen nur dazu, Dinge wieder zu vergessen. Da ich das immer wieder für Diskussionen, Vorträge und Blog-Posts brauche, habe ich beschlossen, hier eine Seite mit Medien-Berichten über Katastrophen anzulegen.

Dürre

Überall auf der Welt gibt es Gebiete, die von Dürrekatastrophen betroffen sind. In Somalia gab es 2022 die schlimmste Dürre seit 40 Jahren. Hundertausenden droht laut UN der Hungertod (tagesschau, 11.06.2022). In Indien ist es viel früher im Jahr als üblich sehr heiß. Lang anhaltende Hitzeperioden von über 40° kann der menschliche Körper nicht aushalten. (taz, 23.05.2022: Extreme Hitze in Indien und Pakistan: Gelebte Klimakrise)

Auch in Kalifornien gibt es Dürre-Katastrophen und Notstand wird ausgerufen. Wegen der hohen Brandgefahr werden Kraftwerke abgeschaltet und die Stromversorgung ist tagelang unterbrochen (tagesschau, 16.05.2022). Auch in Deutschland gab es bereits Gemeinden, in denen das Trinkwasser knapp geworden ist (Spiegel 34/2020).

Der Po in Italien ist in weiten Teilen des Landes versiegt. Die Ernte in Norditalien ist verloren.

Die gleichen Probleme gibt es in Spanien. (tagesschau: 14.06.2022: Ungewöhnlich heftige Hitzewelle lässt Spanien schwitzen; taz, 08.07.2022)

In den USA sind 40 Millionen (!) Menschen von Wassermangel bedroht, weil der Colorado River nicht mehr genug Wasser führt (Los Angeles Times, 14.06.2022: Major water cutbacks loom as shrinking Colorado River nears ‘moment of reckoning’).

“What has been a slow-motion train wreck for 20 years is accelerating, and the moment of reckoning is near,” said John Entsminger, general manager of the Southern Nevada Water Authority, which supplies the Las Vegas area.

He pointed out that Lake Mead’s water level, now at 1,045 feet above sea level, has continued to decline toward critically low levels. Hoover Dam could still release water down to a level of 895 feet, but below that, water would no longer pass through the dam to supply California, Arizona and Mexico — a level known as “dead pool.”

“We are 150 feet from 25 million Americans losing access to the Colorado River, and the rate of decline is accelerating,” Entsminger told the senators.

Avoiding “potentially catastrophic conditions,” Entsminger said, will require reductions that many water managers previously considered unattainable.

Los Angeles Times, 14.06.2022: Major water cutbacks loom as shrinking Colorado River nears ‘moment of reckoning’

Hitze

Durch die zunehmende Erwärmung werden Regionen, in denen es jetzt schon heiß ist, unbewohnbar werden. Aber auch Europa ist stark betroffen. Im Hitzesommer 2003 sind in Südeuropa 45.000–70.000 hitzebedingt gestorben (Wikipedia: Hitzewelle 2003). Eine Modellierung, die 2022 im Ärzteblatt veröffentlicht wurde, zeigt, dass 2018–2022 über 19.000 Menschen an Hitze gestorben sind (Hitzebedingte Mortalität in Deutschland zwischen 1992 und 2021).

Kälte

Ja, auch wenn Menschen wie Trump das nicht verstehen (wollen), auch Kältewellen zählen zu den Folgen der Klimaänderungen. Es gibt im Polargebiet einen starken Luftwirbel. Dieser wird klimawandelbedingt ab und zu unterbrochen, weshalb dann sehr kalte Luft in südliche Gebiete gelangt (Wille, 2021).

Brände

In Kannada, den USA, Russland, Australien gibt es riesige Waldbrände. Zum Teil gab es die auch früher schon, aber jetzt sind die Wälder trocken und die Brände nehmen enorme Ausmaße an und sind nicht mehr zu kontrollieren. Auch in Brandenburg hat es 2022 gebrannt und die Feuerwehr hat den Brand nur unter Kontrolle bringen können, weil es geregnet hat.

Flutkatastrophen

Flutkatastrophen gab es in Australien in 2022 mehrfach, es gab welche in Australien (tagesschau: 01.03.2022: Überschwemmungen in Australien: Mindestens zehn Menschen sterben), in den USA (tagesschau: 03.09.2021: Jahrhundertunwetter: Viele Opfer nach verheerenden Sturzfluten in der Region New York; tagesschau 14.06.2022: Yellowstone-Nationalpark: „Überschwemmungen wie noch nie“), Kanada (tagesschau, 18.11.2021: Überschwemmungen in Kanada: Provinz British Columbia ruft den Notstand aus), Brasilien (tagesschau 31.05.2022: Unwetter in Brasilien: Viele Tote bei Erdrutschen), in China (taz, 23.07.2021: Hochwasserkatastrophe in Henan: Zehntausende bauen Hilfsliste auf), Südafrika (Unwetter und Überschwemmungen: Mehr als 250 Tote in Südafrika), in Bangladesh und Indien (tagesschau 19.06.2022: Fluten in Bangladesch und Indien: Tote nach heftigen Überschwemmungen).

Stürme

Starkregen

Siehe Überflutungen und Quellen unten. Erinnert sei auch an das Starkregenerignis 2017 in Berlin. In China und in New York waren Menschen in der U-Bahn eingeschlossen, standen in U-Bahnwagen bis zur Brust im Wasser.

Hungersnöte

Siehe Dürre.

Erste Welt und Deutschland

Das ist doch alles weit weg und betrifft uns nicht! Oder? Selbst wenn man zynisch ist oder irgendeinen Weg sucht, die Katastrophe zu verdrängen, wird das nicht lange funktionieren, denn es ist alles verknüpft und verwoben. Die erste Welt ist auf die Lieferungen aus der zweiten angewiesen. Unsere Computer, Telefone und bald auch Autos werden in Regionen hergestellt, die massiv betroffen sind. Siehe Dürre in Taiwan verschärft Chip-Krise. Aber wie ich oben gezeigt habe, sind die USA, Kanada, Australien und auch Europa von Hitze, Waldbränden, Dürren, Kälteeinbrüchen und Überflutungen betroffen. Erinnerung: Wir sind jetzt bei 1,2°. Das 1,5°-Ziel ist nach Aussage von Wissenschaftler*innen nur noch unter höchsten Anstrengungen zu erreichen und dass die erfolgen, ist unrealistisch. Das heißt, es werden 1,6 oder sogar mehr Grad werden. Wie der UN-Generalsekretär António Guterres gesagt hat: Jeder Bruchteil eines Grades zählt. (Rede, 28.02.2022, offizielle Übersetzung)

Quellen

AFP Deutschland. 2021. Dürre in Taiwan verschärft Chip-Krise. (https://www.youtube.com/watch?v=8H4F584UYWM)

Braun, Michael. 2022a. Trockenheit in Südeuropa: Norditalien geht das Wasser aus. taz. Berlin. (https://taz.de/Trockenheit-in-Suedeuropa/!5859386/)

Braun, Michael. 2022b. Dürre in Italien: Klimawandel hautnah. taz. Berlin. (https://www.taz.de/!5862219)

Capucci, Matthew. 2022. Record heat has gripped India since March. It’s about to get worse. Washington Post. (https://www.washingtonpost.com/weather/2022/04/25/india-record-heat-march-april/)

Die Welt. 2021. Spinnenplage Australien: Nach Hochwasser hüllen teils giftige Spinnen Australien in ihre Netze. WELT Nachrichtensender. (https://www.youtube.com/watch?v=b96Q6YT4cwo)

dpa. 2022. Somalia steht vor einer Hungerkatastrophe. Frankfurter Allgemeine Zeitung. (https://m.faz.net/agenturmeldungen/dpa/somalia-steht-vor-einer-hungerkatastrophe-18087575.amp.html)

Hrishikesh, Sharanya. 2022. Heat wave in India leaves millions struggling to cope. BBC news. (https://www.bbc.com/news/world-asia-india-61242341)

Kretschmer, Fabian. 2021. Hochwasserkatastrophe in Henan: Zehntausende bauen Hilfsliste auf. taz. Berlin. (https://www.taz.de/!5787142)

Mix, Henry M. & Schwarz, Boas. 2021. Arktis im Wandel: Gefährliche Viren aus dem Permafrost und Rentiere auf Umwegen. (https://www.mdr.de/wissen/arktis-fluesse-versiegen-rentier-eisbaer-dominoeffekt-100.html)

Müller, Christoph. 2022. Klima-Schocks schreiben Geschichte. taz. Berlin. (https://www.taz.de/!5852413)

reuters. 2022a. Über 300 Tote nach starken Unwettern in Südafrika. (https://www.youtube.com/watch?v=UbiNdHDLM2k)

reuters. 2022b. Brasilien: Mindestens 79 Tote nach Unwettern. reuters. (https://www.youtube.com/watch?v=R9quTTLkkAo)

Schmidt, Thea. 2022. Hitzewelle in der Antarktis: nur ein „äußerst unwahrscheinliches“ Ereignis? RND Redaktionsnetzwerk Deutschland. (https://www.rnd.de/wissen/antarktis-temperaturen-40-grad-zu-hoch-ist-die-hitzewelle-nur-ein-aeusserst-unwahrscheinliches-3GKA6GBUIJBXHBS5OARICI2GNA.html)

Schwarz, Susanne. 2021. Hilfsorganisation warnt: Wetter wird teurer. taz. Berlin. (https://www.taz.de/!5817639)

Seidler, Christoph. 2020. Dürresommer in Deutschland: Wird sogar das Trinkwasser knapp? Der Spiegel 34. (https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/duerre-in-deutschland-wird-sogar-das-trinkwasser-knapp-a-00000000-0002-0001-0000-000172492990)

tagesschau. 2019. Rekord-Kältewelle in weiten Teilen der USA. tagesschau. (https://www.youtube.com/watch?v=21aPphgfBk4)

tagesschau. 2021a. Kältewelle in Nordamerika: Niagara-Fälle teilweise eingefroren. tagesschau. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-827413.html)

tagesschau. 2021b. Dürre-Notstand und höchste Brandgefahr in Kalifornien. tagesschau. (https://www.youtube.com/watch?v=aAKkJ-2ak5A)

tagesschau. 2021c. Hohe Temperaturen im Nordwesten: Hunderte Hitzetote in Kanada. tagesschau. (https://www.tagesschau.de/ausland/hitze-kanada-103.html)

tagesschau. 2021d. Wegen extremer Hitze in Kanada brennen vereinzelte Ortschaften. tagesschau. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-884869.html)

tagesschau. 2021e. Starkregen in China: Mindestens 12 Menschen sterben. tagesschau. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-893071.html)

tagesschau. 2021f. Überschwemmungen: Zahl der Flutopfer in China steigt drastisch. (https://www.tagesschau.de/ausland/asien/china-ueberschwemmungen-131.html)

tagesschau. 2021g. Jahrhundertunwetter: Viele Opfer nach verheerenden Sturzfluten in der Region New York. Welt. (https://www.youtube.com/watch?v=msLx4ZdjUFU)

tagesschau. 2021h. Mindestens 44 Tote nach Starkregen in New York. tagesschau. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-913415.html)

tagesschau. 2021i. Überschwemmungen in Kanada: Provinz British Columbia ruft den Notstand aus. tagesschau. (https://www.youtube.com/watch?v=3DKGoELrCN0)

tagesschau. 2022a. Wintereinbruch in Südeuropa: Seltener Schnee in Athen. (https://www.youtube.com/watch?v=tQkcJInQhiY)

tagesschau. 2022b. Überschwemmungen in Australien: Mindestens zehn Menschen sterben. tagesschau. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-996263.html)

tagesschau. 2022c. Unwetter und Überschwemmungen: Mehr als 250 Tote in Südafrika. tagesschau. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-1017251.html)

tagesschau. 2022d. Unwetter in Brasilien: Viele Tote bei Erdrutschen. tagesschau. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-1039619.html)

tagesschau. 2022e. Somalia droht Hungerkatastrophe: Dürrekrise und Folgen des Ukraine-Krieges. tagesschau 20 Uhr. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-1044713.html)

tagesschau. 2022f. Früher, stärker, länger: Hitzewellen in Deutschland und Europa. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-1047813.html)

tagesschau. 2022g. Fluten in Bangladesch und Indien: Tote nach heftigen Überschwemmungen. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-1048147.html)

tagesschau. 2022h. Waldbrand außer Kontrolle: Feuer in Brandenburg Wohngebiete. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-1048159.html)

tagesschau. 2022i. Waldbrände Brandenburg: Regen bringt etwas Erleichterung. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-1048639.html)

tagesschau. 2022j. Historischer Wassertiefstand: Extreme Trockenheit in Norditalien. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-1051311.html)

tagesschau. 2022k. Gletscherbruch in den Dolomiten: Mindestens sechs Tote und zahlreiche Verletzte. tagesschau. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-1054529.html)

tagesschau. 2022l. Dürre in Italien: Notstand für fünf Regionen in der Po-Ebene verhängt. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-1055601.html)

tagesschau. 2022m. Nach Starkregen: Massive Überschwemmungen in Ost-Australien. tagesschau. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-1056167.html)

Vitense-Lukat, Nicola. 2022. Vielerorts fehlt auch Wasser: Tödliche Hitze: Fast 50 Grad in Indien. Panorama. ZDF. (Heute.) (https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/indien-hitze-klima-folgen-100.html#xtor=CS5-62)

Wikipedia. 2019. Hitzewelle in Europa 2003. Wikipedia. (https://de.wikipedia.org/wiki/Hitzewelle_in_Europa_2003)

Wikipedia. 2022. Hochwasser in West- und Mitteleuropa 2021. Wikipedia. (https://de.wikipedia.org/wiki/Hochwasser_in_West-_und_Mitteleuropa_2021)

Wille, Joachim. 2021. Wintereinbruch in Norddeutschland: Wenn es den Polarwirbel zerlegt. klimareporter°. (https://www.klimareporter.de/erdsystem/wenn-es-den-polarwirbel-zerlegt)

Winklmayr, Claudia & Muthers, Stefan & Niemann, Hildegard & Mücke, Hans-Guido & an der Heiden, Matthias. Hitzebedingte Mortalität in Deutschland zwischen 1992 und 2021. Ärzteblatt. (doi:10.3238/arztebl.m2022.0202)

Sind Fluggäste Mörder?

In diesem Blog-Post beschäftige ich mich mit dem CO2-Impact von Flügen. Aber er kann auch dazu dienen, eine allgemeine Vorstellung von CO2-Auswirkungen zu bekommen.

Bild: Gellinger Pixabay

Langstreckenflüge und die 1000-Tonnen-Regel

In der Semantik gibt es bestimmte Ansätze, die die Bedeutung von Wörtern in kleinere Bestandteile zerlegen und somit komplexe Bedeutungen auf einfachere Bedeutungen zurückführen. Das Standard-Beispiel ist kill `töten´. Die Bedeutung wird mit cause(x,become(not(alive(y)))) angegeben (McCawley, 1968: 73; Katz, 1970: 244; siehe Wierzbicka, 1975 für kritische Kommentare). Die Formel kann man so lesen: x bewirkt, dass y in den Zustand des Nicht-lebendig-Seins übergeht. In diesem Blogpost beschäftige ich mich mit den Auswirkungen unseres CO2-Ausstoßes am Beispiel des Fliegens. Klar ist, dass letztendlich die Energiequellen für alles, was wir tun, umgestellt werden müssen und dass wir den Energieverbrauch insgesamt reduzieren müssen. Das heißt, dass wir an den großen politischen Stellschrauben drehen müssen. Aber das Problem ist einfach zu groß für uns Menschen, um es komplett zu verstehen und die Dimension begreifen zu können (Parncutt, 2019:11). Wie die ehemalige Bundesumweltministerin Svenja Schulze 2019 auf die Frage nach dem Restbudget an CO2 ausweichend sagte: „Unter diesen ganzen Tonnen und so kann sich doch keiner was vorstellen.“ (Mihatsch, 2019; Kontraste, ARD, 30.09.2019).

Ich suche immer nach Wegen, die Zerstörung, die wir anrichten, und die Winzigkeit des verbleibenden Rest-Budgets greifbar zu machen (siehe Zu unserem CO2-Restbudget: Car is over). Ich glaube, dass das Beispiel vom Fliegen recht anschaulich ist. Auch wird man beim Fliegen die Energieträger auf lange, lange Zeit nicht auf erneuerbare Energien umstellen können. Die Luftfahrt-Industrie geht von 2050 aus.

„Am Boden beiben“ blockiert den Flughafen Tegel. Diese Frau hält das Cover von „The Illusion of Green Flying“ hoch. Berlin, 10.11.2019, Bild: Stefan Müller, CC-BY

Wie ich im Anhang zeige, erzeugt ein Flug von Berlin nach Sydney und zurück einen Ausstoß von über 2259 Tonnen CO2. 1000 Tonnen verbrannter Kohlenstoff ergeben einen vorzeitigen klimabedingten Tod (Parncutt, 2019). 1000 Tonnen verbrannter Kohlenstoff entsprechen 3700 Tonnen CO2, d.h. die Sydney-Reise ist equivalent zur Verbrennung von 610 Tonnen Kohlenstoff. Man kann also sagen, dass die 329 Passagiere zusammen 0,61Menschen töten. Zwei Flüge Berlin-Sydney und zurück bewirken den Tod von mehr als einem Mensch. Zu Langstrecken-Flügen direkt siehe auch Parncutt (2019: 12).

Tötung? Totschlag? Mord?

Flugpassagiere töten Menschen. Bewusst, unbewusst? Fahrlässig? Absichtlich? Ignorant? Im Folgenden möchte ich weiter über die Einordnung nachdenken. Ein Flug Berlin-Sydney bewirkt, dass ein Mensch stirbt. Wie? Ich habe jemanden getötet? Ich habe doch gar nichts gemacht, saß nur im Flugzeug. Selbst wenn man nicht direkt jemanden mit Händen oder Waffen tötet, kann eine Tötung oder fahrlässige Tötung vorliegen. Zum Beispiel ermittelte die Polizei wegen fahrlässiger Tötung, als ein Restaurantgast an einem verunreinigten Getränk starb (BR24, 13.02.2022).

Fahrlässige Tötung

Fahrlässige Tötung liegt vor, wenn die Sorgfaltspflicht verletzt wird (Wikipedia: Fahrlässigkeit). Hat man als Mensch die Pflicht, die Konsequenzen seines Handelns zu überdenken? Auch wenn alle etwas tun? Auch wenn man mit 329 Menschen gemeinsam etwas tut? Auch wenn morgen und übermorgen und überübermorgen das nächste Flugzeug fliegt? Wenn man Flugtickets normal im Internet und in Reisebüros kaufen kann? Und wenn man doch überhaupt nicht gewusst hat, wie schädlich das Fliegen ist? (Unter diesen ganzen Tonnen kann sich doch keiner etwas vorstellen!) Dieser Blog-Post will das ändern. Wer ihn gelesen hat und dennoch fliegt, tötet bewusst Menschen.

Totschlag

Einfaches Bewirken reicht für Totschlag nicht aus (Wikipedia: Totschlag). Die Tötung muss vorsätzlich geschehen.

Mord

Bei Mord müssen zusätzlich noch bestimmte Tatmerkmale vorliegen (Wikipedia, 2022: Mordmerkmale). Dazu gibt es drei Fallgruppen: 1) Niedrige Beweggründe: Mordlust, Befriedigung des Geschlechtstriebs, Habgier, Sonstige. 2) Verwerfliche Begehungsweise: Heimtücke, Grausamkeit, Gemeingefährliche Mittel. 3) Deliktische Zielsetzung: Ermöglichungsabsicht, Verdeckungsabsicht. Was jetzt kommt, ist nicht ganz ernst gemeint und Gerichte würden das sicher anders sehen, aber es geht darum, unser Handeln und die Gründe dafür zu reflektieren und dazu sind die folgenden Vergleiche wohl geeignet.1

Mordlust

Fliegen aus Freude am Spaß fällt wohl unter Mordlust. Ich habe zufällig einen entsprechenden Flug auf Flightradar gefunden.

Die Cessna flog von einem Flugplatz in der Pampa mal eine Runde über Berlin und dann wieder zurück. 30.03.2022: 22:24

Es war nur ein kleiner Mord im Vergleich zu einem Flug nach Sydney, aber der Flug war komplett sinnlos und diente nur zur Belustigung der Insassen.

Befriedigung des Geschlechtstriebs

Darunter fällt natürlich der Sextourismus. Zu den Reisezielen gehören Thailand, Vietnam und die Philippinen, Kuba, die Dominikanische Republik, Brasilien, Kenia, Gambia, alles Länder, die nur über Langstreckenflüge erreichbar sind.

Habgier

Das mit der Habgier ist jetzt vielleicht etwas weit hergeholt, aber darunter könnte man alle geschäftlichen Flüge zählen: Menschen, die aus beruflichen Gründen fliegen, tun das, weil Dinge sich in persönlichen Gesprächen besser besprechen lassen und das der Firma nützt oder weil sie einen Konferenzvortrag halten wollen und das der Karriere nützt. Die ganze Sache ist nicht so einfach, weil das gesamte Wissenschaftssystem so aufgebaut ist, dass internationale Kontakte, Zusammenarbeit und Projekte belohnt werden. Bis zum heutigen Tag scheint es mir für wissenschaftliche Karrieren nötig zu sein, weltweit unterwegs zu sein. Zumindest ist es von Vorteil. Diese Reisen kann man natürlich sinnvoll organisieren und auf ein Minimum begrenzen. Insgesamt müssen Flüge teurer werden und das gesamte Wissenschaftssystem muss sich ändern und wieder lokaler werden.

Heimtücke

Zu Heimtücke fällt mir nichts ein.

Grausamkeit

Es muss wohl als grausam gelten, wenn man jemanden verhungern2 lässt, wenn man jemanden in der Hitze3 4 oder Kälte5 umkommen lässt, ihn ertrinken6 7 lässt oder wenn man dafür sorgt, dass das Haus einer Person einstürzt bzw. abbrennt und diese Person ihrer Lebensgrundlagen beraubt wird. All das sind Effekte, die die menschengemachten Klimaveränderungen hervorrufen. Eine gute Übersicht und viele, viele Quellen findet sich in Parncutt, 2019. Ich habe eine Übersichtsseite mit Medienberichten zusammengestellt. Einige Videos der Tagesschau oder von reuters sind auch unten bei den Quellen verlinkt. Menschen werden an Hitze sterben (Abschätzung der Zahl der Hitzetoten: Bressler, 2021), die Hitze und Trockenheit verstärkt die Häufigkeit und Auswirkung von Waldbränden, Missernten führen zu Hungerkatastrophen, Menschen sterben in Fluten. Fluten und Brände machen Menschen obdachlos. Viele der Katastrophen passieren in weit entfernten Gegenden, so dass wir sie prima ausblenden können, aber die Dürre und die Waldbrände gibt es bereits auch in Brandenburg und die Katastrophe im Ahrtal hat gezeigt, was für verheerende Auswirkungen Starkregenereignisse hierzulande haben können.

Gemeingefährliche Mittel

Der Mord an einer Person durch einen Flug verwendet gemeingefährliche Mittel, denn die Art und Weise, wie diese Person ermordet wird, betrifft die gesamte Erde. Fliegen ist gemeingefährlich.

Ermöglichungsabsicht

Dieses Mordmerkmal liegt vor, wenn Täter*innen den Mord begehen, um dann weitere Verbrechen begehen zu können. Ein Beispiel hierfür wäre eine touristische Reise in die USA mit dem Ziel, diese dann mit einem Verbrenner-Auto zu durchfahren. (Habe ich selbst 1993 gemacht. Sorry Welt.)

Verdeckungsabsicht

Wenn man jemanden tötet, um ein Verbrechen zu verschleiern, liegt ein Mordmerkmal vor. Hierzu fällt mir auch nichts ein.

Schlussfolgerung

Es liegt natürlich kein Mord vor, aber es gibt keine Gründe für das Fliegen, die über Menschenleben gehen. Kurzstreckenflüge lassen sich meistens durch Bahn- oder Busreisen ersetzen und Langstreckenflüge sollte man einfach nicht mehr machen.

Die Moral von der Geschicht

Man tötet keine Menschen. In vielen Religionen und Wertesystemen ist das fest verankert. „Du sollst nicht töten.“ ist das fünfte Gebot der christlichen Religionen. Interessanterweise fällt bei den Katholiken auch Selbstmord unter dieses Gebot (Kathpedia: Selbstmord). Parncutt (2019: 4) schreibt zu den Opfern der Klimakatastrophe, dass „ca. 109 Reiche dabei sind, die Leben von 109 Armen vorzeitig zu beenden.“8 Die Wahrscheinlichkeit, dass die Reisenden ihren eigenen Tod bewirken, ist relativ gering, da Menschen, die Fernreisen unternehmen zu den Wohlhabenderen auch unter der Bevölkerung der wohlhabenden Länder gehören dürften. Aber selbst diese Länder sind zum Beispiel von Hitze, Waldbränden und Überflutungen mit Toten und großen materiellen Schäden betroffen, wie die jüngsten Ereignisse gezeigt haben (Überflutungen im Ahrtal9, Kanada, Australien, Brände in den USA, Kanada, Australien). Wenig bekannt ist auch der Hitzesommer in Europa im Jahre 2003, der zu 45.000–70.000 vorzeitigen Toden geführt hat. Zu den Details siehe Wikipedia: Hitzewelle in Europa 2003.

Die Schlussfolgerung, die auch Parncutt (2019: 12) zieht ist: „Deshalb sollte das Fliegen teurer gemacht werden (z.B. durch Kohlenstoffsteuern) und auf Notfälle und Lebensrettungsmaßnahmen beschränkt werden.10 An dieser Stelle muss auch noch einmal darauf hingewiesen werden, dass Deutschland das Fliegen immer noch durch das Nichterheben einer Keosinsteuer subventioniert (Wikipedia: Kerosinsteuer).

Disclaimer

Internet-Trolle freuen sich immer, wenn sie in Scoial-Media-Profilen von Aktivist*innen Bilder finden, die auf Langstreckenflüge hinweisen. Bei mir braucht niemand lange zu suchen, denn ich habe meine Flüge selbst bestens dokumentiert.

Meine Flüge auf Flightradar24.

Dienstliche und private. Siehe Ich fliege nicht mehr. Dabei habe ich 45,3 t CO2 ausgestoßen. Wegen der Höhenwirksamkeit muss man diese Menge mit einem Faktor zwischen 2 und 3 multiplizieren. Ich habe also mittels meiner Flüge ein Zehntel zur Tötung eines Menschen beigetragen. Seit 2008 fliege ich privat nicht mehr und seit 2019 auch dienstlich nicht. So wird meine Schuld hier nicht größer.

Anhang: Berechnung CO2-Impact Berlin–Sydney

Parncutt (2019: 12) hat die 1000-Tonnen-Regel auch auf Langstreckenflüge angewendet. Er schreibt dazu:

A typical passenger jet carries 300,000 l of fuel and consumes 200,000 on a long flight, creating 500 tonnes of CO2 corresponding to 135 tonnes of carbon. That is about 1/8 of 1,000 tonnes, or 1/8 of a human life, according to the 1,000-tonne rule. Aircraft also emit other GHGs, and the high altitude at which the GHGs are emitted must also be considered. If the overall warming effect is at least twice the effect of the CO2 alone (Penner et al., 1999), a future person dies for every four long flights, on average. Therefore, flying should be made more expensive (e.g. by carbon taxes) and reserved for emergencies and life-saving projects.

Parncutt, Richard. 2019. The Human Cost of Anthropogenic Global Warming: Semi-Quantitative Prediction and the 1,000-Tonne Rule. Frontiers in Psychology 10(2323). 1–17.

Im Folgenden habe ich die Berechnungen anhand von konkreten Beispielen nachvollzogen. Ich habe habe dafür einen Billiganbieter (Scoot) ausgesucht. Billiganbieter sind meist effizient, da ihre Maschinen voll ausgelastet werden und der Sitzplatzabstand minimal ist. Der Flug geht über Singapur und man kann diese Details bei atmosfair eingeben. Man bekommt dann für Economy-Flüge und für Business-Class-Flüge folgendes Ergebnis für die von Scoot verwendeten Flugzeuge Boeing 787-8 und 787-9.

CO2-Impact eines Economy-Fluges von Berlin nach Singapur mit Boeing 787-8
CO2-Impact eines Business-Calss-Fluges von Berlin nach Singapur mit Boeing 787-8

Scoot bestuhlt die Boeing 787-8 mit 18 Business-Class-Sitzen und 311 Economy-Sitzen (Sitzplan). Damit ergibt sich bei voll ausgelasteter Maschine ein CO2-Impact von 311 * 2,064t + 18 * 3,870t = 711,564 t für den Flug nach Singapur.

Für den Flug nach Sydney wird die größere Boeing 787-9 verwendet. Sie hat 340 Economy-Class-Sitze und 35 Business-Class-Plätze.Der CO2-Impact beträgt 1,174t bzw. 2,202t für Economy und Business-Class.

Für den gesamten Flug Singapur-Sydney sind es 340*1,174t + 35 * 2,202t = 476,23t. Die Berechnung für die gesamte Reise Berlin–Sydney ist nicht so einfach, denn in der Singapur-Sydney-Maschine sitzen auch Menschen, die nicht aus Berlin kommen, da 787-9 ja größer ist als die 787-8.11 Rechnet man den Anteil der Berliner*innen aus, ergeben sich 417,812t. Insgesamt ergibt sich für Berlin–Sydney also ein CO2-Impact von 1129,376t. Für den Hin- und Rückflug ergeben sich 2258,752t. Diese entsprechen 610,474t Kohlenstoff.

Die 329 Menschen haben also 0,61 Menschenleben auf dem Gewissen.

Quellen

Bressler, R. Daniel. 2021. The mortality cost of carbon. nature communications 12(4467). 1–12. (doi:10.1038/s41467-021-24487-w)

dpa. 2022. Somalia steht vor einer Hungerkatastrophe. Frankfurter Allgemeine Zeitung. (https://m.faz.net/agenturmeldungen/dpa/somalia-steht-vor-einer-hungerkatastrophe-18087575.amp.html)

Katz, Jerrold J. 1970. Interpretative semantics vs. generative semantics. Foundations of Language 6(2). 220– 259.

Mihatsch, Christian. 2019. Neue Initiative German Zero: Deutschland bis 2035 klimaneutral. klimareporter°. (https://www.klimareporter.de/deutschland/germanzero-will-deutschland-klimaneutral-machen)

Parncutt, Richard. 2019. The Human Cost of Anthropogenic Global Warming: Semi-Quantitative Prediction and the 1,000-Tonne Rule. Frontiers in Psychology 10(2323). 1–17. (doi:10.3389/fpsyg.2019.02323)

reuters. 2022. Über 300 Tote nach starken Unwettern in Südafrika. (https://www.youtube.com/watch?v=UbiNdHDLM2k)

tagesschau. 31.01.2019: Rekord-Kältewelle in weiten Teilen der USA. (https://www.youtube.com/watch?v=21aPphgfBk4)

tagesschau. 01.07.2021. Hohe Temperaturen im Nordwesten: Hunderte Hitzetote in Kanada. (https://www.tagesschau.de/ausland/hitze-kanada-103.html)

tagesschau. 21.07.2021: Starkregen in China: Mindestens 12 Menschen sterben. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-893071.html)

tagesschau. 11.06.2022 20 Uhr. Somalia droht Hungerkatastrophe: Dürrekrise und Folgen des Ukraine-Krieges. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-1044713.html)

Vitense-Lukat, Nicola. 2022. Vielerorts fehlt auch Wasser: Tödliche Hitze: Fast 50 Grad in Indien. Panorama. ZDF. (Heute.) (https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/indien-hitze-klima-folgen-100.html#xtor=CS5-62)

Wierzbicka, Anna. 1975. Why “kill” does not mean “cause to die”: The semantics of action sentences. Foun­dations of Language 13(4). 491–528.

Wikipedia. 2022. Hochwasser in West- und Mitteleuropa 2021. (https://de.wikipedia.org/wiki/Hochwasser_in_West-_und_Mitteleuropa_2021)

Sind wir individuell für die Klimakatastrophe mitverantwortlich? Ja, natürlich!

CO2-Fußabdruck und British Petrol

Vielleicht bin ich merkwürdig. Anders als alle anderen. Die Klimabewegung sagt seit einigen Jahren, die Ölkonzerne (konkret British Petrol) hätten sich die Sache mit dem individuellen CO2-Abdruck ausgedacht, um uns von den eigentlich wichtigen Sachen abzulenken. So gibt es zum Beispiel das folgende Video von Funk (Angebot von ARD und ZDF für 14-29jährige):

Das Video ist insgesamt gut, schaut es Euch an.

Für mich macht die Argumentation, wie man sie oft findet, jedoch keinen Sinn. Alle weisen darauf hin, dass man seinen CO2-Impakt nur begrenzt reduzieren könne und dass es doch besser sei, gegen die Energiekonzerne vorzugehen, die für den Teil verantwortlich sind, den wir selbst nicht beeinflussen können.

CO2-Fußabdruck: Was sagt er uns und ist er nützlich?

Ich habe schon einige Jahre den CO2-Rechner vom Umweltbundesamt benutzt und halte ihn für ein hervorragendes Werkzeug zur Veranschaulichung der Folgen des eigenen Handelns. Dabei ist klar, dass wir bestimmte Komponenten nicht komplett kontrollieren können. Wir benutzen einen bestimmten Anteil von Infrastruktur, der vom Staat für alle Bürger*innen gestellt wird und welche Art Energie diese benutzt bzw. wie effizient Gebäude gedämmt sind, können wir nicht direkt beeinflussen. Ob wir fliegen oder Auto fahren, wie wir Urlaub machen, können wir dagegen sehr wohl beeinflussen. Auch unsere Ernährung haben wir zu einem großen Teil unter Kontrolle. Der durchschnittliche CO2-Fußabdruck in Deutschland lag 2018 bei 11,6t. Meiner bei 5,69t. Man kann also durch bewusste Entscheidungen seinen CO2-Abdruck fast halbieren.

Individueller CO2-Ausstoß in Deutschland nach CO2-Rechner des Bundesumweltamts, 2022

Die Abbildung zeigt die Bereiche, die wir zum Teil selbst beeinflussen können. Wohnen & Strom, Mobilität, Ernährung, Konsum. Bei mir sieht das so aus, dass ich in einem Passivhaus wohne (Heizung bleibt aus, in Kälteperioden wird es bis zu 19°, dann Pullover), Rad und Bahn fahre, nie fliege und außer Fotokram und gelegentlich Anziehsachen praktisch nichts konsumiere.

Wenn wir den Abdruck von Deutschland mal eben halbiert hätten, wären wir schon großartig. Und wenn nur ganz schnell ein Drittel weg wäre, wäre das auch schon gut. Nicht jede/jeder kann alles, aber alle können vieles.

Ich ärgere mich schon lange über Artikel über den CO2-Fußabdruckrechner. Auslöser für diesen Post war ein Artikel im Freitag, der von Klimaakativist*innen geteilt und gutgeheißen wurde: Wer rettet das Klima: Ich oder wir? Katharina Mau fragt:

Wäre der Klimawandel wirklich gestoppt, wenn nur alle Menschen auf Plastiktüten verzichten und auf Ökostrom umsteigen würden? Wie groß ist der Spielraum des individuellen Handelns? Und wo muss der Staat ran, und die Politik, um systemische Veränderungen anzustoßen?

Katharina Mau weist darauf hin, dass den größten Teil des CO2-Ausstoßes der Energiesektor zu verantworten hat und dass unser individueller Umstieg das Problem nicht komplett löst, weil verschiedene Industriezweige auf eben jene fossile Energie zurückgreifen. Da wir entsprechende Produkte kaufen, haben wir immer noch einen Anteil an diesem Ausstoß.

Selbst dann wären Industrie, Gewerbe, Handel und Dienstleistungen immer noch für drei Viertel des Stromverbrauchs verantwortlich. Vor allem muss sich also das System ganz grundsätzlich ändern.

Sie fährt fort:

Denn was noch dazukommt: Unser Stromverbrauch wird in Zukunft steigen. Autos sollen elektrisch fahren, Wärmepumpen unsere Häuser heizen, und grüner Wasserstoff, hergestellt mit Erneuerbaren, soll als Brennstoff für die Industrie bereitstehen. Der Think-Tank Agora Energiewende prognostiziert, dass sich der Stromverbrauch bis 2045 verdoppeln wird.

Was in Artikeln wie dem vom Freitag immer wieder passiert, ist, dass diverse schwarze Peter hin und hergeschoben werden. Industrie und Handel und Dienstleistungen sind für drei Viertel des Stromverbrauchs (nicht des CO2s wohlgemerkt) verantwortlich. Ja, prima! Aber der Punkt ist ja, dass wir unser Konsum reduzieren sollen. Das bedeutet, dass auch diese drei Viertel sinken. Wir brauchen mehr Strom für Autos? Nein, danke! Wir brauchen weniger Autos. Wir können unser Problem nicht lösen, indem alle, die jetzt einen Verbrenner fahren, dann ein E-Auto fahren. Das ist Wahnsinn und ineffizient. Schon der Bau dieser Autos würde für CO2-Ausstoß sorgen, den wir uns nicht mehr leisten können. Wenn weniger Autos benutzt werden, müssen auch nicht so viele hergestellt werden, weshalb „die Industrie“ auch weniger Energie und sonstiges braucht. Die Wärmepumpen brauchen zwar Energie, aber viel weniger als bei Verbrennung.

Natürlich kann und sollte auch jeder und jede Einzelne Strom sparen, indem sie das Licht aus- oder den Stand-by-Modus des Fernsehers abschalten: Laut der gemeinnützigen Beratungsgesellschaft co2online könnten wir über 15 Millionen Tonnen CO₂ einsparen, wenn alle Privathaushalte in Deutschland ihr Stromsparpotenzial voll ausschöpfen würden. Das klingt nach viel, es sind aber nur sieben Prozent von dem, was die Energiewirtschaft im Jahr 2020 verursacht hat.

Ehm. Ja? Wir müssen auf Null. Lieber heute als morgen! Was ist das für ein unglaublicher Unfug! Jeder, jede kann mit minimalem Aufwand zu Hause Energie sparen. Was soll dieser Öko-Whataboutism? Warum schreiben Öko-Redakteur*innen so etwas? Man sollte ihnen sofort ihr Gehalt um 7% kürzen. Freut den Verlag sicher und sie sollen sich nicht so haben!

Es geht weiter:

Wer also die Wahl hat, einen Nachmittag lang alle Glühbirnen durch Energiesparlampen auszutauschen oder auf die Straße zu gehen – ja, der sollte wohl lieber zu Plakat und Trillerpfeife greifen.

Was soll das? Wenn ich einmal meine Glühlampen austausche, allgemein sparsam mit Energie umgehe, sparsame Geräte kaufe, spare ich langfristig Energie ein. Zum Beispiel kann man seinen Wäschetrockner abschaffen. Der verbraucht einen Haufen Energie und ist unnütz, denn die Wäsche trocknet auch so. Tausende Generationen vor uns haben ohne Trockner gelebt. Wenn man die Lampen getauscht hat und jeweils sparsame Geräte kauft, braucht man keine weitere Zeit für ein sparsames Leben und kann Plakate malen und lostrillern.

Was hier gemacht wird, von Ökoredakteur*innen und auch von Öko-Aktivist*innen ist eine systematische Entlastung: Ej, ich geh ja zwei Mal im Jahr zu FFF demonstrieren, ich kann also super weiter SUV fahren, Energie verschwenden und tonnenweise Avocados essen (siehe unten). Nein! Kannst’e nicht! Privates ist politisch! Du bist für die Scheiße verantwortlich, die Du machst. Ja!

Essen ist politisch. Teilnehmer*innen der Demo „Wir haben es satt!“, Brandenburger Tor, Berlin, 19.01.2019, Bild: Stefan Müller, CC-BY

Flugscham. Ja, bitte! Und SUV-Scham gleich noch dazu

Womöglich markiert das Aufkommen des Begriffs „Flugscham“ jenen Moment, da die Diskussion über die Klimaschädlichkeit unserer Mobilität vollends zu einer moralischen wurde: Was, du fliegst noch?!? Oder umgekehrt: Was, ihr wollt den Leuten ihren wohlverdienten Urlaub in Mallorca madig machen?!? Hier kommt ein Vorschlag zur Versachlichung.

Der Sektor Verkehr innerhalb Deutschlands – also erst mal ohne internationale Flüge und Schiffsreisen – macht ein Fünftel der nationalen Treibhausgase aus. Etwa 60 Prozent dieser Emissionen verursachen Autos – Inlandsflüge nur 1,4 Prozent. Ja, das Flugzeug ist zwar das klimaschädlichste Verkehrsmittel überhaupt. Weil wir aber im Inland so viel Auto fahren und so wenig fliegen, fallen die Flüge kaum ins Gewicht.

Sag ich doch: Whataboutism! Das ist ja nur 1,4% (Die Zahl ist wahrscheinlich falsch, siehe unten). Dieselbe Art Argumentation findet man übrigens auch bei so Leuchten, die von der AfD beeinflusst sind: Deutschland produziert ja nur 2% des CO2. Vergessen wird dabei immer, dass wir nur 1% der Weltbevölkerung sind.

Der Punkt ist: Wir müssen auf Null. Das heißt, wir müssen uns überlegen, wie wir die 60% der Autos und die 1,4% der Inlandsflüge wegbekommen. Da man die Inlandsflüge einfach durch Bahnfahrten ersetzen kann, gibt es hier überhaupt nichts zu diskutieren. Das Flugbenzin ist übrigens staatlich subventioniert. Auch das sollte schleunigst abgeschafft werden.

Die Zahlen mit 60% scheinen mir auch falsch. Muss ich noch überprüfen.

Insgesamt kann man durch die Ernährung also einen relativ großen Einfluss auf den individuellen Klima-Fußabdruck nehmen. Aber: Ein schneller Kohleausstieg hätte eine viel größere Wirkung, als wenn einzelne Menschen sich vegan, regional und saisonal ernähren oder Bio kaufen. Die Stromerzeugung aus Kohle verursachte im Jahr 2020 123 Millionen Tonnen CO₂ – fast doppelt so viel wie die gesamte Landwirtschaft.

Wie gesagt: Extrem ärgerlich. Wir müssen auf Null. Und das so schnell wie möglich. „Jeder Bruchteil eines Grades zählt“, wie UN-Generalsekretär António Guterres sagte (Rede zur Veröffentlichung des IPCC-Reports). Und für das 1,5°-Ziel bleiben noch 3 Jahre.

Ernährung am Beispiel der Avocado

Zurück zur Avocado: 2018 wurden laut statistischem Bundesamt 94.000 Tonnen Avocados importiert. Nach Angaben des Umweltbundesamts hat ein Kilo Avocado einen CO₂-Fußabdruck von 0,6 Kilogramm Treibhausgase. Das macht etwa 0,06 Millionen Tonnen Treibhausgase für alle 94.000 Tonnen Avocados. So wenig? Ja, es handelt sich ja nur um eine kleine Einzelentscheidung. Die auch zeigt, worauf wir unsere Energie eher richten sollten, als mit dem Finger auf unsere Avocado-Toasts zu zeigen – zum Beispiel auf den Kohleausstieg.

94.000 Tonnen ergeben 56.400 Tonnen CO2? Und das CO2 ist noch nicht alles! Wasser! Der Avocado-Anbau ist extrem wasserintensiv: Für ein Kilogramm Avocados werden durchschnittlich 1000 bis 1500 Liter Wasser benötigt – etwa acht Mal so viel wie für ein Kilogramm Kartoffeln. Und das, obwohl Avocados in Chile oder Israel angebaut werden. Ich empfehle zum Thema Avocados den Artikel: Avocado: Wasserverbrauch und Umweltbilanz. In diesem Artikel wird außerdem auf die Lagerung und Reifung von Avocados und einigen anderen Wahnsinn eingegangen. Es werden Tipps zum Kauf von Avocados gegeben, wenn man denn dann überhaupt noch welche kaufen will.

Sind wir alle doof? Nee, oder?

Der Artikel endet so:

Wer seine mentale Energie mit Entscheidungen verbraucht wie „Bio in Plastikverpackung oder konventionell unverpackt?“, „Käse aus Brandenburg oder Sojaschnitzel aus Dänemark?“, darf sich ruhig mal ein Stück Sahnetorte beim Bäcker gönnen. Fünkchen auszupusten, während das Feuer daneben munter weiterbrennt, bringt uns nicht weiter. Vor allem, wenn wir darüber vergessen, den Eimer zu nehmen – und anzufangen zu löschen.

Wie ich oben gezeigt habe, kann man durch sein individuelles Verhalten den CO2-Fußabdruck um fast die Hälfte reduzieren. Ein SUV ist kein Fünkchen. Er ist klimatechnischer Wahnsinn. Lebensmittel und Blumen, die um die ganze Welt gekarrt bzw. geflogen werden, sind unsinniger Luxus. Flugreisen für ein Wochenende in Tallin sind unverantwortlich. Das Rockkonzert in London funktioniert nur wegen der Subventionen der Flugindustrie und wir müssen darum kämpfen, dass diese abgeschafft werden. Aber bis das passiert, sollten Individuen sich selbst aus Einsicht in die sich aus der katastrophalen Lage ergebende Notwendigkeit nicht mehr zum Spaß für eine Nacht nach London fliegen.

Menschen, die so etwas tun, obwohl wir noch ein CO2-Budget für drei Jahre haben, wenn wir das 1,5°-Ziel halten wollen, sind unverantwortlich und sollen sich wenigstens schlecht dabei fühlen. Davon ausnehmen kann man vielleicht Aktivist*innen, weil die hoffentlich in der Tat etwas bewirken. Was man aber immer bedenken sollte, wenn man solche Artikel verfasst, liest und preist: Es waren 1,4 Mio Menschen mit Fridays For Future auf der Straße. Vielleicht kann man 3 Mio Menschen zu denen zählen, die jemals irgendetwas für das Klima getan haben, politisch aktiv wurden. Die restlichen 80 Mio werden solche Artikel einfach als Rechtfertigung für ein Weiterso benutzen. Whataboutism.

Auch empfinde ich es als Beleidigung, wenn die Autorin davon ausgeht, dass wir intellektuell damit überfordert wären, uns dafür zu entscheiden saisonale, regionale, vegetarische oder besser noch vegane Produkte zu kaufen. Welche Früchte und welches Gemüse gerade lokal verfügbar ist, lernt man in der Schule oder der Domäne Dahlem, wo es herkommt und steht auf der Verpackung. Handelt man nach der Devise LeiderGeil, dann ist man eben Egoist. Da gibt es kein Vertun. Das ist dann so, als würde man im Krieg während eines Luftangriffs und Verdunklungsanordnung mit seinen Kumpels eine Party bei offenem Fenster und Festbeleuchtung feiern. Macht Spaß, aber nicht lange und auch für die anderen im Wohnblock nicht.

Ein Gerücht

So, ich setze jetzt mein erstes Gerücht in die Welt: Die These, dass der Fußabdruck schlimm sei und von BP benutzt wurde, um uns von der Energiewirtschaft abzulenken, wird massiv von einem Thinktank gepuscht, dessen Ziel es ist, uns alle zu beruhigen. Wir sollen glauben, dass das sowieso nur über die großen Stellschrauben gelöst werden kann, dass wir vielleicht mal richtig wählen müssten und ansonsten könnten wir einfach fröhlich weiter konsumieren, als gäbe es kein heißes Morgen.

Das habe ich mir komplett ausgedacht, aber wenn ich in einem solchen Thinktank arbeiten würde, würde ich mir das auch ausdenken. So. Gerücht. Verbreite Dich!

Handabdruck

Gestern habe ich vom Handabdruck als positiver Alternative zum Fußabdruck gelernt. Letztendlich ist das Ergebnis dasselbe: weniger Fleisch, nicht fliegen, weniger und kleinere Autos, wenn möglich, Auto stehen lassen und Rad fahren (geht auch auf dem Dorf), zum Bäcker laufen usw. Um reflektiertes Handeln kommen wir nicht herum.

Entschuldigung

Ich möchte mich bei Katharina Mau entschuldigen, denn dieser Blog-Post zerpflückt hauptsächlich ihren Artikel und wir sind ja eigentlich im selben Team. Ich habe Ihr Twitter-Profil gefunden und gesehen, dass sie sich mit Klimakrise und Psychologie beschäftigt. Ich habe von Psychologie keine Ahnung und wahrscheinlich ist genau das das mein Problem. Ich kann verstehen, dass es darum geht, Massen zu aktivieren und diese nicht durch Verbote abzuschrecken. Das ändert aber nichts daran, dass es Verhaltensänderungen in allen Lebensbereichen geben muss und zwar sehr schnell. Die Artikel, über die ich mich immer ärgere, sind falsch geschrieben. Vielleicht nur in Nuancen, aber so, wie sie jetzt sind, sind sie Entlastungen und für solche weitgreifenden Entlastungen haben wir nicht mehr genug CO2-Restbudget. Wie oben geschrieben: Wir sind im Krieg, die Flugzeuge sind in der Luft, wir müssen die Fenster schließen!

Disclaimer

Ej, ich bin auch nicht perfekt. Ich esse tierische Produkte wie Butter, Käse, Eier und Joghurt. Milch trinke ich praktisch keine mehr. Hafermilch geht für’s Müsli. Butter esse ich viel (ich weiß, die hat einen hohen CO2-Abdruck), die anderen Lebensmittel weniger. Schokolade und Käse kaufe ich nicht, esse ich aber gern. Der Punkt ist: Mir ist das klar und ich arbeite daran.

Zu unserem CO2-Restbudget: Car is over

(Update 26.06.2022 Inzwischen hat der Sachverständigenrat für Umweltfragen, der die Bundesregierung berät, eine Berechnung des Restbudgets veröffentlicht (SRU, 2022). Die Wissenschaftler*innen haben ein noch kleineres Budget als ich berechnet. Es verbleiben 2Gt für das 1,5°-Ziel bei 67% (S. 7). Ich hatte 2,3Gt bei 83%. Sie haben also weniger und die Wahrscheinlichkeit, dass das 1,5°-Ziel erreicht wird, ist auch noch geringer. Das liegt daran, dass der SRU die Verteilung auf die Bevölkerung ab 2016, dem Zeitpunkt des Pariser Abkommens, gerechnet hat, wohingegen ich von einer gleichmäßigen Verteilung Pro-Kopf ab jetzt ausgegangen bin.)

Neulich war ich mit jemand (TM) im Tiergarten spazieren. Wir haben uns über Klimafragen unterhalten. Ein Punkt war der neue IPCC-Bericht und das verbleibende CO2-Budget für das Erreichen des 1,5°-Ziels. Der IPCC-Bericht wird von führenden Wissenschaftler*innen als Zusammenfassung von Fachartikeln zusammengestellt. Das geschah mit Fachartikeln von 2020 im Jahre 2021. Der Bericht wurde 2022 übersetzt und dann im März und April der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Fast alle politischen Parteien waren sich vor der Wahl einig, dass sie das 1,5°-Ziel anstreben. Die folgende Tabelle zeigt, welches Rest-Budget an CO2-Ausstoß wir 2020 hatten, wenn wir bestimmte Temperatursteigerungen mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit erreichen wollen. Die erste Zeile zeigt das 1,5°-Ziel mit Wahrscheinlichkeit von 17%, 33%, 50%, 67%, 83%.

Tabelle mit den verbleibenden CO2-Mengen und den entsprechenden Temperatursteigerungen und Wahrscheinlichkeiten. Quelle: IPCC, 2021. 6. IPCC-Sachstandsbericht. S. 32

Klimaentwicklungen sind komplex. Mit dem Klima ist es wie mit dem Wetter. Je nach Wetterlage kann man nicht voraussagen, ob es morgen regnet oder nicht. Aber man kann es mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit vorhersagen. So ist das mit den Klimaentwicklungen auch. Wenn wir von 2020 ausgehend 650 Gt CO2 ausstoßen, erreichen wir das 1,5°-Ziel mit 33% Wahrscheinlichkeit. Das bedeutet, dass in einem von drei Fällen das von uns Erwartete eintritt. Wir haben das alle in der Schule mit Würfeln gelernt. Also: klappt, Mist, Mist, klappt, Mist, Mist. Bei 50% wäre es klappt, Mist, klappt, Mist und bei 67% dann klappt, klappt, Mist, klappt, klappt, Mist. Jemand hat das auf einer Veranstaltung mal mit abstürzenden Flugzeugen verglichen. Eins von dreien stürzt ab. Das ist nicht ganz korrekt, denn über 1,5° kann alles Mögliche sein. 1,52° ist auch ein Verfehlen des 1,5°-Ziels. Was in dem restlichen Drittel passiert, ist wieder mit Wahrscheinlichkeiten behaftet. Die Details kenne ich nicht, weil ich kein Fachwissenschaflter bin, aber mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit werden wir in einer 2°-Welt landen, mit einer anderen Wahrscheinlichkeit in einer 3°-Welt und so weiter. Alle diese Wahrscheinlichkeiten zusammen für den Bereich über 1,5° ergeben 33%. Klar ist: Dort wollen wir nicht hin. Es ist jetzt schon schlimm genug (zu einer Sammlung von Katastrophenberichten aus den Medien). Also müssen wir die Wahrscheinlichkeit, dass wir dorthin gelangen, so tief wie möglich drücken. Die Tabelle zeigt uns noch den Fall für ein Erreichen des 1,5°-Ziels mit 83% Wahrscheinlichkeit. Das wäre: klappt, klappt, klappt, klappt, Mist. Geht schon, oder? Jedenfalls besser als 1 von 3 (67%), denn auch die Wahrscheinlichkeiten im Mist-Bereich verschieben sich ja zu unseren Gunsten, wenn wir weniger CO2 ausstoßen. Wenn wir 83% Sicherheit wollen, müssen wir mit 300Gt verbleibendem CO2-Ausstoß 2020 rechnen. Inzwischen hat die Menschheit aber leider weiter CO2 ausgestoßen. 2020 waren das 34.807 Mio Tonnen (Quelle: Statista). 2021 haben wir wieder annähernd das Niveau von 2019 erreicht (Quelle: Deutschlandfunk) also 36.702 Mio Tonnen. Zusammen sind das für 2020 und 2021 also ca. 70 Gt. Das heißt, dass uns für das Erreichen des 1,5°-Ziels mit 83% Wahrscheinlichkeit noch 300–70 = 230 Gt bleiben. Für die gesamte Menschheit. Wir können jetzt überlegen, wie wir dieses Restbudget aufteilen. Man könnte einfach gucken, wer seit Beginn der Industrialisierung wie viel ausgestoßen hat und die Mengen gerecht aufteilen. Wenn wir das machen, … Oh. Geht nicht, denn dann haben wir nichts mehr übrig.

Länder dargestellt nach CO2-Ausstoß anstatt ihrer wirklichen Größe. Quelle: The Carbon Map, 13.05.2022.

Update: 26.06.2022: Nun könnte man sagen, dass wir ja nichts dafür können, denn zu Beginn der Industrialisierung konnte niemand ahnen, was für katastrophale Folgen das Verwenden von Dampfmaschinen, Stahl und Zement haben würde. Aber selbst das kann uns nicht entlasten, denn wenn wir den Ausstoß ab der Veröffentlichung des ersten Sachstandsberichts des IPCC 1990 zugrundelegen, wäre unser Budget für 1,5° bereits aufgebraucht. Das 2°-Budget bei 50%iger Wahrscheinlichkeit der Zielerreichung voraussichtlich Anfang 2023. (SRU, 2022: 10)

Dann versuchen wir mal das Zweitbeste: Wir nehmen das, was noch übrig ist, und teilen das durch die Anzahl der Menschen, die auf dieser Welt leben. Da die Deutschen 1% der Weltbevölkerung sind, haben wir 1% von 230 Gt = 2,3 Gt. Eine frühere Umweltministerin hat mal gesagt: „Unter den ganzen Tonnen kann sich doch niemand etwas vorstellen.“ Drum brechen wir das noch weiter runter. In diesem Land leben 83 Mio Menschen (Quelle: Wikipedia). 2,3 t * 10^9 / 83 * 10^6 = 27,7 t pro Person.1

An dieser Stelle sollten wir jetzt nachdenklich werden. Extinction Rebellion hat in Berlin die Brücke vor dem ARD-Hauptstadtstudio besetzt und das so zusammengefasst:

Brückendekoration während einer Blockade von Extinction Rebellion: We are fucked, Berlin, 05.03.2022, Bild: Stefan Müller, CC-BY

Der durchschnittliche Jahresausstoß einer Person in Deutschland beträgt 10,78t. Das heißt, wir haben in drei Jahren alles aufgebraucht.2 Alles alle! Oh.

Die Ergebnisse des Sachverständigenrates für Umweltfragen sind noch viel schlimmer, denn, da sie von 2016 an rechnen, kommen sie auf 2Gt bei nur 67% Wahrscheinlichkeit des Erreichens des 1,5°-Ziels. Das wären dann 24 t pro Person.

Durchschnittlicher deutscher CO2-Ausstoß laut Umweltbundesamt, 2022

Mein Gesprächspartner hat nun auf eine interessante Tatsache hingewiesen: Wenn man heute ein Auto mit Verbrennungsmotor kauft, dann wird dieses in der Zeit, in der Autos in Deutschland zugelassen sind (10,1 Jahre; Kraftfahrt-Bundesamt, 2022: 7), so viel CO2 ausstoßen, dass das Restbudget der jeweiligen Person aufgebraucht ist. Laut Atmosfair stößt ein Mittelklassewagen, der 12.000km im Jahr fährt, 2t aus. SUVs haben einen entsprechend größeren Ausstoß. Es folgt, dass eigentlich kein einziges Verbrenner-Auto mehr zugelassen werden dürfte. Ich höre Euch sagen: „Tja, ok, überzeugt. Ich kaufe mir ein Elektroauto und fahre nur noch mit Ökostrom.“ Aber nee. Pustekuchen. Ein 100% elektrischer Kleinwagen braucht nur für die Herstellung bereits bis 11t CO2 unseres Restbudgets (Der Verbrenner hat natürlich auch einen CO2-Impact in der Herstellung! Das hatten ich bisher der Pointe wegen ignoriert. Bei Verbrennern sind es: Kleinwagen: bis 4 Tonnen CO2, Mittelklassewagen: bis 8 Tonnen CO2, Mittelklassewagen Hybrid: bis 12 Tonnen, CO2 Luxus-SUV: bis 25 Tonnen CO2. Quelle: Carbon connect, 2020)

Die Gesamtschlussfolgerung ist, dass Autos keine Lösung für den Individualverkehr sind. Zur Zeit mag es auf dem Land ohne Auto schwierig sein, aber dieses Problem muss schnellstmöglich politisch gelöst werden. Ein Weiter-so ist schlicht unmöglich, wenn wir weiter leben wollen. Car is over!

Familie bei Fridays For Future Demonstration am Brandenburger Tor in Berlin, 20.09.2019, Bild: Stefan Müller CC-BY

Zusammenfassung

Runtergebrochen auf eine Person verbleiben noch 27,7t CO2. Das sind laut atmosfair weniger als 14 Jahre Auto fahren, wenn 12.000 km pro Jahr mit einem Mittelklasse-Verbrenner gefahren werden (ohne Herstellung des Autos). Oder weniger als 6 Flüge nach LA und zurück (je 5,095t) bzw. weniger als drei Flüge nach Sydney Economy Class (10,683 t). Business Class (20t) oder First Class (26,7t) könnt Ihr nur einmal machen. Bei vielen anderen Arten des Konsums spielt der Energiemix eine Rolle. Das ist bei Verbrenner-Auto und Flugzeug nicht der Fall, weil da klar ist, dass fossile Brennstoffe verbrannt werden. Deshalb sind wirklich individuelle Entscheidungen hier maßgeblich. Vielleicht sollte man sich diese Dinge dann einfach verkneifen. Wenigsten ab und zu. Bitte!

Nachtrag

Ich danke Hartmut Ehler, der mich auf folgenden Rede von Greta Thunberg hingewiesen hat:

Rede von Greta Thunberg vor der Französischen Nationalversammlung 23.07.2019

Dort hat sie gesagt:

Once you realize how painfully small the size of our remaining carbon dioxide budget is, once you realize how fast it is disappearing, once you realize that basically nothing is being done about it and once you realize that almost no one is even aware of the fact that carbon dioxide budgets even exists, then tell me what exactly do you do? And how do we do it without sounding alarmist? That is the question we must ask ourselves, and the people in power.

Das war vor drei Jahren und das Gesamtbudget ist noch viel kleiner geworden seitdem. Ich hoffe, dass inzwischen mehr Menschen wissen, dass es diese Budgets gibt und dass ich mit meinem Beitrag verständlich machen konnte, wie klein es inzwischen ist und was das für jede/jeden Einzelnen bedeutet.

Danksagungen

Ich danke Dr. Cornelia Huth von Scientist Rebellion für Denkanstöße und Hilfe mit den Zahlen und Quellen und Jemand (TM) für die Sache mit dem persönlichen Restbudget und dem CO2-Ausstoß von Autos.

Quellen

carbon-connect AG. 2020. Der CO2-Fussabdruck eines neuen Autos: Elektro versus Verbrennungsmotor: die nicht ganz einfache Klimabilanz. Volketswil. https://www.carbon-connect.ch/de/co2-emissionen-autoproduktion/.

IPCC, 2021. Zusammenfassung für die politische Entscheidungsfindung. In Beitrag von Arbeitsgruppe I zum Sechsten Sachstandsbericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen [Masson-Delmotte, V., P. Zhai, A. Pirani, S.L. Connors, C. Péan, S. Berger, N. Caud, Y. Chen, L. Goldfarb, M.I. Gomis, M. Huang, K. Leitzell, E. Lonnoy, J.B.R. Matthews, T.K. Maycock, T. Waterfield, O. Yelekçi, R. Yu, and B. Zhou (eds.)] (ed.), Naturwissenschaftliche Grundlagen. https://www.de-ipcc.de/media/content/AR6-WGI-SPM_deutsch_barrierefrei.pdf.

Kraftfahrt-Bundesamt. 2022. Fahrzeugzulassungen (FZ) Bestand an Kraftfahrzeugen und Kraftfahrzeuganhängern nach Fahrzeugalter 1. Januar 2022. Flensburg: Kraftfahrzeugbundesamt. https://www.kba.de/SharedDocs/Downloads/DE/Statistik/Fahrzeuge/FZ15/fz15_2022.pdf?__blob=publicationFile&v=5.

Sachverständigenrat für Umweltfragen. 2020. Für eine entschlossene Umweltpolitik in Deutschland und Europa (Umweltgutachten). (https://www.umweltrat.de/SharedDocs/Downloads/DE/01_Umweltgutachten/2016_2020/2020_Umweltgutachten_Entschlossene_Umweltpolitik.html)

Sachverständigenrat für Umweltfragen. 2022. Wie viel CO2 darf Deutschland maximal noch ausstoßen? Fragen und Antworten zum CO2-Budget. Berlin: Sachverständigenrat für Umweltfragen. (https://www.umweltrat.de/SharedDocs/Downloads/DE/04_Stellungnahmen/2020_2024/2022_06_fragen_und_antworten_zum_co2_budget.html)

Schwarz, Susanne. 2022. Budget für Deutschland: Nur noch wenige Gigatonnen CO2. taz. 15.06.2022 Berlin. (https://taz.de/Budget-fuer-Deutschland/!5858119/)

Die Klimabewegung: Menschen, Bürger*innen, Aktivist*innen (im Entstehen)

Auf Demos und im Netz hört man/liest man mitunter merkwürdige Kommentare wie „Geht doch mal arbeiten! Habt Ihr sonst nichts zu tun?“ Ich möchte an dieser Stelle einfach mal zeigen, was für Menschen protestieren, wie vielfältig die Klimabewegung ist – gerade auch die mit zivilem Ungehorsam – und was für Biographien dahinter stehen. Ich habe Bilder aus Aktionen, die ich photographiert habe, zusammengestellt und wenn ich Portraits habe, auch ein Portraitbild dazugetan. Zu jedem Bild gibt es ein kleines Zitat der abgebildeten Person und Verweise auf Zeitungsberichte. Begonnen, mit dem zivilen Ungehorsam, haben die Schüler*innen von Fridays for Future, indem sie nicht zur Schule gegangen sind. Ich fange hier aber mit den Ältesten an.

Ernst Hörmann (geb. 1950, 72 Jahre, X Kinder, 8 Enkel)

Ernst Hörmann, 72 Jahre alt und 8 Enkel ist Teil des Aufstands der Letzten Generation. Er blockiert Straßen und Flughäfen.

Ernst Hörmann (72, 8 Enkel), Aktivist vom Aufstand der Letzten Generation, bei der erkennungsdienstlichen Behandlung nach der Blockade der A100, Berlin, 04.02.22
Ernst Hörmann, Aktivist vom Aufstand der Letzten Generation, blockiert die A100. Auf der Straße liegen Lebensmittel, die von Supermärkten weggeworfen wurden, Berlin, 04.02.22

Bilder auf Flickr

Quellen: Süddeutsche Zeitung, Februar 2022

Lothar Hermstädt (geb. 1953, 69 Jahre)

Lothar Hermstädt ist Maschinenbauingenieur, hat bei BMW gearbeitet und jetzt bei Scientist Rebellion.

Lothar Hermstädt, Maschinenbauingenieur, bei der Paper-Pasting-Aktion von Scientist Rebellion am Bundesverkehrsministerium, Berlin, 08.04.22

Bilder auf Flickr

Prof. Dr. Nikolaus Froitzheim (

Nikolaus Froitzheim ist Professor für Strukturgeologie in Bonn. Er ist schon seit 2021 bei Extinction Rebellion dabei und engagiert sich jetzt auch bei Scientist Rebellion.

Prof. Dr. Nikolaus Froitzheim, Professor für Strukturgeologie in Bonn, während einer Blockade einer Brücke durch Scientist Rebellion, Kronprinzenbrüce, Berlin, 06.04.22
Prof. Dr. Nikolaus Froitzheim, Geologe an der Uni Bonn, im Lock On am Lautsprecherwagen von Extinction Rebellion bei der Blockade des Brandeburger Tors. Berlin, 20.08.21

Motivation: Youtube 06.04.22

Bilder auf Flickr

Quelle: Generalanzeiger Bonn: Wer ist der Bonner Professor, der sich fürs Klima auf die Straße setzte? 17.05.2021

Manon Gerhardt (50 Jahre, geb. 1972, X Kinder)

Manon Gerhardt ist Bratschistin an der Deutschen Oper Berlin. Sie ist bei Extinction Rebellion aktiv.

Manon Gerhardt spielt Bratsche Rebellion wave: Tag1, Die In auf der Marschallbrücke während der Demonstration von Extinction Rebellion „Trauerzug der Toten Bäume“, Berlin, 05.10.2020

Bilder auf Flickr

Quelle: Klimareporter: Für den Schutz der Lebenswelt, 2020

Edmund Schultz

Edmund Schultz aus Braunschweig ist Projektmanager im Klimabereich. Er ist Mitglied vom Aufstand der Letzten Generation.

Edmund Schultz, vorn mit grauen Haaren, blockiert mit 100 anderen vom Aufstand der Letzten Generation die Straße vor dem Brandenburger Tor am 100sten Tag, an dem die Bundesregierung im Amt ist. Berlin, 18.03.2022

Bilder bei Flickr

Dr. Tadzio Müller (1976)

Tadzio Müller hat in Heidelberg, Boston, und Sussex Politikwissenschaft und Globale politische Ökonomie studiert und hat dann in Sussex in Internationalen Beziehungen und Politik promoviert. Er hat an der Universität Kassel und bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung gearbeitet. Er war und ist an verschiedenen stellen in der Klimabewegung aktiv. Unter anderem hat er Ende Gelände mitgegründet.

Klimakativist Tadzio Müller hält ruft am Brandenburger Tor bei der Klimademo #AlleFürsKlima vor 270.000 Menschen zu Ungehorsam für alle auf. Berlin, 20.09.19

Bilder bei Flickr

Quelle: Wikipedia

Christian Bläul (2 Kinder)

Christian Bläul aus Dresden ist ausgebildeter Physiker und arbeitet jetzt als Softwareentwickler. Er hat seine Arbeitszeit reduziert, damit er sich für den Klimaschutz einsetzen kann. Er ist beim Aufstand der Letzten Generation und bei Scientist Rebellion.

Christian Bläul vom Aufstand der Letzten Generation hat sich bei der Besetzung der A100 an die Straße geklebt. Westend, Berlin, 10.02.22

Motivation: Youtube

Bilder bei Flickr

Dr. Cornelia Huth

Dr. Cornelia Huth ist Ernährungswissenschaftlerin und Epidemologin (Ökotrophologin), war 20 Jahre in der Wissenschaft, dann in einer Bundesbehörde und ist jetzt in der Industrie. Sie hat zwei Kinder und ist bei Scientist Rebellion.

Dr. Cornelia Huth, Ökotrophologin, blockiert mit Scientist Rebellion die Kronprinzenbrücke, Berlin, 06.04.22

Motivation: Youtube

Bilder bei Flickr

Dr. Nana-Maria Grüning

Dr. Nana-Maria Grüning ist Biologin und bei Scientist Rebellion aktiv.

Dr. Nana-Maria Grüning, Biochemikerin, blockiert mit Scientist Rebellion in Berlin eine Brücke, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen, Kronprinzenbrücke, Berlin, 06.04.22

Motivation: Youtube

Bilder auf Flickr

Anja Freiwald (1 Kind)

Anja Freiwald ist Biotechnologin (M. Sc.) und bei Scientist Rebellion aktiv.

Anja Freiwald, Biotechnologin, blockiert in Berlin gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern von Scientists Rebellion eine Brücke, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen. Sie haben sich mit Ketten aneinandergekettet, Kronprinzenbrücke, Berlin, 06.04.22

Motivation: Youtube

Sina Trölenberg

Sina Trölenberg ist Humangeographin und bei Scientist Rebellion aktiv.

Sina Trölenberg, Humangeographin, spricht bei Paper-Pasting-Aktion von Scientist Rebellion, Bundesverkehrsministerium, Berlin, 08.04.22

Dr. Michael Hofmann

Dr. Michael Hofmann ist theoretischer Physiker und bei Scientist Rebellion aktiv.

Michael Hofmann, theoretischer Physiker, blockiert in Berlin gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern von Scientists Rebellion eine Brücke, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen. Sie haben sich mit Ketten aneinandergekettet, Kronprinzenbrücke, Berlin, 06.04.22

Motivation: Youtube

Daniele Artico

Daniele Artico ist Physiker und Doktorand.

Daniele Artico, Physiker, blockiert mit Scientist Rebellion in Berlin eine Brücke, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen, Kronprinzenbrücke, Berlin, 06.04.22

Florian Zander (1992)

Geowissenschaftler und Doktorand der TU Delft (Niederlande)

Florian Zander, Geowissenschaftler und Doktorand der TU Delft, blockiert mit Scientist Rebellion in Berlin eine Brücke, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen, Berlin, 06.04.22

Motivation: Youtube

Bilder auf Flickr.

Wolfgang Metzeler-Kick

Wolfgang Metzeler-Kick ist Ingenieur für technischen Umweltschutz und bei Scientist Rebellion und dem AUfstand der Letzten Aktion aktiv.

Wolfgang Metzeler-Kick, Ingenieur für technischen Umweltschutz, von den Scientist Rebellion bei der Blockade des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz, Berlin, 08.04.22

Motivation: Youtube

Dr. Stephanie Rach

Stephanie Rach ist Tierärztin und Dr. der Veterinärmedizin. Sie ist bei Scientist Rebellion aktiv.

Dr. Stephanie Rach, Tierärztin und Dr. der Veterinärmedizin, blockiert mit Scientist Rebellion die Kronprinzenbrücke, Berlin, 06.04.22

Motivation: Youtube

Andreas Zilker

Andreas Zilker hat einen B.Sc in Geographie, Freizeit und Umwelt an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und einen M.Sc nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit an der TU Kaiserslautern. Er ist bei Scientist Rebellion aktiv.

Andreas Zilker während der Blockade der Kronprinzenbrücke durch Scientist Rebellion. Er hat einen B.Sc in Geographie, Freizeit und Umwelt an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und einen M.Sc nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit an der TU Kaiserslautern. Berlin, 06.04.22

Motivation: Youtube

Bilder bei Flickr

Amelie Meyer

Amelie Meyer, Wirtschaftsmathematikerin, ist bei Scientist Rebellion aktiv.

Amelie Meyer, Wirtschaftsmathematikerin, spricht bei Paper-Pasting-Aktion von Scientist Rebellion, Bundesverkehrsministerium, Berlin, 08.04.22

Friedrich Gräber

Friedrich Gräber, B. Sc. Biochemie, unterbricht sein Studium der Neurowissenschaften im Master, um sich für Klimaschutz zu engagieren. Er ist bei Scientist Rebellion aktiv.

Friedrich Gräber, B.Sc. Biochemie, unterbricht sein Studium der Neurowissenschaften im Master und blockiert in Berlin mit anderen Wissenschaftlern von Scientist Rebellion eine Brücke, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen. Sie haben sich mit Ketten aneinandergekettet. Kronprinzenbrücke, Berlin, 06.04.22

Motivation: Youtube

Kyle Topfer

Kyle Topfer ist Umweltwissenschaftler (B. Sc.). Er kommt aus Australien und ist bei Scientist Rebellion aktiv.

Kyle Topfer von Scientist Rebellion nach der Blockade des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz, Berlin, 07.04.22

Motivation: Youtube.

Dr. Valeria Scagliotti

Valeria Scagliotti ist promovierte Biologin und bei Scientist Rebellion.

Dr. Valeria Scagliotti, Biologin, blockiert hochschwanger mit Scientist Rebellion in Berlin eine Brücke, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen. Kronprinzenbrücke, Berlin, 06.04.22

Amelie Meyer

Amelie Meyer ist Wirtschaftsmathematikerin und bei Scientist Rebellion aktiv.

Amelie Meyer, Wirtschaftsmathematikerin, spricht bei Paper-Pasting-Aktion von Scientist Rebellion, Bundesverkehrsministerium, Berlin, 08.04.22

Lars Werner (30)

Lars Werner aus Göttingen ist Kinderpsychologe. Er arbeitet jetzt nur noch in Teilzeit und engagiert sich in der restlichen Zeit für den Aufstand der Letzten Generation. Im Mai 2022 hat er Erdölpipelines zugedreht.

Lars Werner vom Aufstand der letzten Generation nach dem Gespräch der Hungerstreikenden mit Olaf Scholz, im Hintergrund Carla Hinrichs, Berlin, Friedrich-Ebert-Stiftung, 12.11.21

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Rumen Grabow

Rumen Garbow aus Greifswald ist Bäcker. Er war am Hungerstreik der Letzten Generation beteiligt.

Rumen Grabow, Hungerstreikender der letzten Generation, am 23. Tag des Hungerstreiks, Berlin, Spreebogen, 21.09.21

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Henning Jeschke

Henning Jeschke aus Greifswald hat sein Studium unterbrochen, um sich dem Kampf gegen die Klimakatastrophe zu widmen. Er war bei Extinction Rebellion, danach am Hungerstreik der Letzten Generation beteiligt (27 Tage und dann im trockenen Hungerstreik) und ist nun beim Aufstand der Letzten Generation aktiv.

Henning Jeschke vom Hungerstreik der letzten Generation am 16. Tag des Hungerstreiks, Berlin, 14.09.21
Henning Jeschke wird mit Schmerzgriff nach der Blutaktion von Extinction Rebellion an der CDU-Zentrale abgeführt, Berlin, 17.08.21

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Carla Hinrichs (25, 1997)

Carla Hinrichs (25) aus Bremen hat ihr Jura-Studium unterbrochen, um sich dem Kampf gegen die Klimakatastrophe zu widmen. Sie war als Unterstützern beim Hungerstreik der Letzten Generation dabei und ist jetzt Sprecherin der Letzten Generation.

Carla Hinrichs, Sprecherin vom Aufstand der Letzten Generation, Berlin, 12.02.22
Carla Hinrichs wird von der Polizei von der Straße getragen nach der Blockade der A100 durch den Aufstand der Letzten generation. Westend, Berlin, 10.02.22

Motivation: Youtube

Bilder auf Flickr

Quelle: t-online: „Olaf Scholz versteht die Fakten einfach nicht“, 20.02.2022

Luisa Neubauer (1996)

Luisa Neubauer hat Fridays for Future Deutschland mit gegründet. FFF waren die ersten, die zivilen Ungehorsam geleistet haben, denn sie sind nicht in die Schule gegangen.

Luisa Neubauer beim Klimastreik von Friday for Future, Brandenburger Tor, Berlin, 25.03.2022

Wikipediaeintrag

Bilder auf Flickr

Lea Bonasera (25? Jahre, 1997?)

Lea Bonasera hat Internationale Beziehungen in Amsterdam und Oxford studiert und promoviert am Wissenschaftszentrum Berlin zu zivilem Ungehorsam. Sie war bei Extinction Rebellion aktiv und dann anfänglich als Sprecherin und gegen Ende selbst als Hungerstreikende beim Hungerstreik der Letzten Generation aktiv. Jetzt ist sie beim Aufstand der Letzten Generation.

Lea Bonasera vom Aufstand der Letzten Generation bei der Blockade der A100. Sie hat sich an die Straße geklebt. Berlin, Westend, 10.02.2022

Motivation: Youtube

Bilder auf Flickr

Quellen: Augsburger Allgemeine: Klimaaktivistin Lea Bonasera: „Die Grünen stehen nicht an unserer Seite“, 26.11.2021

nd: „Im Zweifel auch ins Gefängnis gehen“, 13.12.2021

Mephisto (

Mephisto war bei Extinction Rebellion aktiv, hat den Landtag in NRW besetzt und war dafür schon im Gefängnis. Nach dem August Rise Up von Extinction Rebellion nahm sie am Hungerstreik der Letzten Generation und danach an diversen weiteren Aktionen von Extinction Rebellion teil.

Lina Eichler und Mephisto von den Hungerstreikenden der letzten Generation bei der Pressekonferenz am 17. Tag des Hungerstreiks. Spreebogen, Berlin, 15.09.21

Bilder auf Flickr

Isabell Bungart

Isabell Bungart studiert an der FU Berlin Physik. Sie war bei diversen Fridays For Future-Demos, als Unterstützerin beim Hungerstreik der Letzten Generation, im zivilen Ungehorsam bei Extinction Rebellion und beim Aufstand der Letzten Generation.

Isabell Bungart im Klimacamp des Hungerstreiks der Letzten Generation, Berlin, Spreebogen, 21.09.2021
Isabell Bungart während der Räumung der Blockade von Extinction Rebellion durch die Polizei. Rebellen von Extinction Rebellion haben die Marschallbrücke blockiert, um auf den IPCC-Report hinzuweisen. Berlin, 05.03.22

Bilder auf Flickr

Carla Reemtsma (23 Jahre, 1998)

Carla Reemtsma studiert in Münster Politik- und Wirtschaftswissenschaften. Sie ist bei Fridays for Future aktiv und hat mit Extinction Rebellion im Oktober 2021 die SPD-Zentrale blockiert.

Carla Reemtsma von Fridays For Future spricht beim Klimastreik, Berlin, Brandenburger Tor, 22.10.2021
Pauline Brünger und Carla Reemtsma von Fridays For Future sprechen auf einem Traktor bei der Blockade der SPD-Parteizentrale bei einer gemeinsamen Aktion von Fridays For Future und Extinction Rebellion „Gerechtigkeit jetzt“, Berlin, 22.10.2021

Bilder auf Flickr

Quellen: Wikipedia

Greta Thunberg (2003)

Bilder auf Flickr

Quellen: Wikipedia

Lina Eichler (19 Jahre)

Lina Eichler (19), Schülerin aus Essen, hat ihr Abitur abgebrochen, um sich dem Kampf gegen die Klimakatastrophe zu widmen.

Lina Eichler nach Beendigung des Hungerstreiks, Berlin, Spreebogen, 21.09.21
Lina Eichler klebt sich bei der Blockade des BER durch den Aufstand der Letzten Generation auf der Straße an. Ein Polizist versucht das zu verhindern, ist aber zu langsam. Berlin-Schönefeld, 23.02.2022

Bilder auf Flickr

Quellen: Süddeutsche Zeitung, Februar 2022

Prof. Dr. habil. Stefan Müller (1968, 2 Kinder)

Normalerweise benutze ich meine Titel nicht, aber hier muss es wohl sein. Ich habe Informatik studiert (4 Jahre an der Humboldt-Uni, inklusive Auslandsjahr in Edinburgh), in Saarbrücken in Informatik promoviert und dann in Computerlinguistik habilitiert. Dann Professuren in Bremen (Theoretische Linguistik und Computerlinguistik), an der FU Berlin (Allgemeine Sprachwissenschaft und Deutsche Grammatik) und jetzt an der HU (Sprachwissenschaft des Deutschen/Syntax). Ich war gewählter Vertreter im Fachkollegium Sprachwissenschaft der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die Fachvertreter werden alle vier Jahre von allen promovierten Wissenschaftler*innen eines Faches gewählt und entscheiden dann über die Annahme oder Ablehnung von Forschungsanträgen und die Bewilligung entsprechender Gelder. Ich bin seit 2014 Mitglied der Academia Europaea, Section Linguistic Studies.

Stefan Müller, Professor für deutsche Syntax an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktkandidat der Partei Die PARTEI für den Wahlkreis 242 Erlangen für die Bundestagswahl 2021, 14.08.2021, Bild: CC-BY Arne Reinhardt

Ich bin professioneller Musikphotograph (mit angemeldeter Nebentätigkeit). Veröffentlichungen in Spiegel, Zeit, Stern, taz und Berliner Lokalzeitungen. Große Sachen wie Metallica, Deichkind, Lindenberg, Westernhagen, Helge Schneider, Billy Idol und Abseitiges wie The Fall, COR, Deez Nuts, Exploited, DDR-Untergrund wie Herbst in Peking, Die Art, Sandow und die Firma. Seit dem dritten Streiktag von Fridays for Future fotografiere ich systematisch die Klimabewegung. Siehe hierzu die Alben auf Flickr.

Ich bin immer artig, mache, was die Polizei möchte, und leiste keinen Widerstand. Zivilen Ungehorsam oder so was Ähnliches habe ich aber doch betrieben. Mit meinen Kolleg*innen Prof. Dr. Dr. Martina Schäfer, Prof. Dr. Gisbert Fanselow und Hartmut Ehler haben wir Researchstrejk gegründet. Wir haben von Mai 2019 bis 2020 jeweils Mittwochs eine Stunde gestreikt. Es gab Streiks an allen Berliner Unis, in Potsdam und in Leipzig. Bilder von allen Standorten auf der Seite climatewednesday.org und meine Bilder auf Flickr. Die Idee war, dass die Kids Freitags streiken, die Wissenschaftler*innen Mittwochs, die Sparkassenangestellten Montags usw. Weil das mit dem Streiken natürlich überhaupt nicht geht, schließlich sind wir ja Beamte, wurde das Ganze in Forschungsmittagspause umbenannt. Die Klimamittwoche endeten mit Corona. Es gab aber eine viel, viel bessere Fortführung von anderen: die Klimamontage (Bilder auf Flickr). Das war einmal im Monat und 18:00.

Weil Stefan Müller von der CSU seit 2002 das Direktmandat in Erlangen gewinnt, hatte Fridays for Future Erlangen die Idee, den Erlanger*innen einen alternativen Stefan Müller zu bieten. Die Partei Die PARTEI, Erlangen hat dann ein Stefan-MüllerX-Casting veranstaltet, das ich gewonnen habe. Da die SPD Anfang 2021 bei 12% lag, hat Martin Sonneborn erklärt, dass, wenn Kleinstparteien wie die SPD Kanzlerkandidat*innen stellen können, die Partei das auch könne. Er hat kurzerhand alle Direktkandidat*innen zu Kanzlerkandidaten gemacht.

Plakatierung für den Direktkandidaten der Partei Die PARTEI in Erlangen und Erlangen-Höchstadt: Stefan Müller, Erlangen, 27.08.21, CC-BY Marius Beyer

So kam es, dass ich letztendlich der einzige Kanzlerkandiat war, der auf die Forderung der Hungerstreikenden nach einem Gespräch vor der Wahl eingegangen ist. Und zwar schon am Tag sechs von 27 des Hungerstreiks (Bilder auf Flickr). Ich habe im Wahlkampf weder Kosten noch Mühen gescheut, weshalb ich auch die Etappe der Deutschlandtour von Ilmenau nach Erlangen gewonnen habe. Das ist ein Profi-Radrennen, der Wiesenbote berichtete. Letztendlich bin ich aber froh, dass ich nicht Bundeskanzler geworden bin. Mit dem Klima wäre ich fertig geworden (Meine Regierung hatte ich schon entsprechend zusammengetellt.), aber mit dem Krieg hätte ich als Pazifist so meine Probleme gehabt. Ich hatte zwar schon detaillierte Pläne, wie ich mit Putin verfahren wollte, aber die sind – wie ich nun einsehen muss – wenig realistisch und vielleicht nicht mal lustig.

Von all den Organisationen und Gruppierungen, die ich photographiert habe, bin ich nur in einer: Scientist for Future. Das ist die Organisation, die Fridays for Future wissenschaftlich berät und wissenschaftliche Vorträge hält. Ich habe da die bundesweite Campagne zum Verzicht auf Kurzstreckenflüge #unter1000 mitorgansiert. Zivilen Ungehorsam machen sie nicht. Bei den Großveranstaltungen von Fridays for Future bin ich im Photographenteam.

Fotograf*innen von Fridays for Future beim 10. Globalen Klimastreik, Invalidenpark, Berlin, 25.03.22

Das ist immer recht aufwendig organisiert, Routenplanung, Podeste. Die machen das sehr gut, ich bin nur ab und zu mal bei Sitzungen dabei gewesen.

Warum mache ich das alles? Warum photographiere ich mit großem Aufwand all diese Menschen? Ich weiß nicht, ob das, was sie tun und wie sie es tun, richtig ist. Ich weiß nicht, ob sie Erfolg haben werden, aber ich weiß, dass es sehr wichtig ist, etwas zu tun. Nichts unversucht zu lassen. Ich habe als Zwanzigjähriger den Hyperion von Hölderlin gelesen. Darin schreibt er:

Ihr entwürdiget, ihr zerreißt, wo sie euch duldet, die geduldige Natur, doch lebt sie fort, in unendlicher Jugend, und ihren Herbst und ihren Frühling könnt ihr nicht vertreiben, ihren Aether, den verderbt ihr nicht.

Hölderlin, 1797, Hyperion, Projekt Gutenberg

Er hat sich geirrt. Sehr. Bereits damals, als ich den Hyperion gelesen habe, war das Problem mit Treibhausgasen bekannt. Die Zeitung vermeldete einmal in der Woche neue Wetterrekorde. Diese Zeilen aus dem Hyperion haben sich mir deshalb eingeprägt.

Meine Schwester ist Meterologin. Sie hat am Südpol in der Forschungsstation überwintert (14 Monate), hat Eisborkerne angefertigt, mit denen man langfristige Entwicklungen im Klima nachweisen kann. Ich bin kein Fachmann auf dem Gebiet Klima oder angrenzenden Gebieten, aber ich bin Wissenschaftler, habe über all die Jahre viel gelesen und ich weiß und verstehe, dass wir mehr tun müssen, viel mehr als auch die jetzige Regierung tut. Ich habe Angst.

Quellen: Wikipedia, Erlanger Nachrichten, 12.09.2021

100 Tage Ampel: Gut oder nicht?

Malte Kreutzfeldt und Stefan Reinecke haben eine gute Schilderung der Regierungstätigkeiten in den ersten 100 Tagen verfasst. Wenn man sie liest, könnte man geneigt sein, zu glauben, es sei alles OK. Alle reden miteinander, Olaf Scholz sorgt für Ausgleich, die Koalitionspartner gehen aufeinander zu.

Man könnte sich fragen, was diese komischen Klima-Chaoten denn noch wollen, die Grünen regieren ja schon mit und es geht in die richtige Richtung.

Aber nach 100 Tagen #Ampel ist der CO2-Ausstoß noch weiter gestiegen. CDU und SPD mussten sich vom Bundesverfassungsgericht sagen lassen, dass ihre Politik verfassungswidrig war. Dann gab es blitzschnell noch vor den Wahlen ein Klimagesetz. Nun werden die gesetzten Klimaziele verfehlt. Im Bereich Energie und Heizung (klar geht nicht in 100 Tagen) und im Bereich Verkehr. D.h. dass die neue Regierung hier auch nicht verfassungskonform handelt.

148 Millionen Tonnen Kohlendioxid haben Deutschlands fossil betriebene Autos, Lkws und Loks verursacht, ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Das sind 3 Millionen Tonnen mehr, als das Klimaschutzgesetz dem Verkehrswesen für 2021 zugesteht.

Susanne Schwarz: Daten des Umweltbundesamts: CO2-Emissionen wieder gestiegen, taz, 15.03.2022

Es ist klar, dass eine ganz einfache Sache, nämlich das Tempolimit, an der FDP liegt. Und hier sieht man recht deutlich die Grenzen unseres Demokratischen Systems. Die FDP wurde wegen ihrer verkorksten Haltung gewählt (Freiheit und so). Sie kann davon nicht ohne Schaden abrücken. Das kann man nur reparieren, indem man die Demokratie erweitert und verbessert, nämlich durch Bürgerräte. Diese finden CDU (Wolfgang Schäuble, Horst Köhler), SPD, Grüne und FDP toll und sie stehen sogar im Koalitionsvertrag. Wenn einem wirklich an der Lösung der Klimaprobleme gelegen wäre, dann müsste man diese Bürger*innenräte als erstes angehen. Damit könnte man Maßnahmen eines Klimabürgerrates umsetzen, die auf 80% Zustimmung in der Bevölkerung stoßen. Es hat bereits ein solcher stattgefunden und die vorgeschlagenen Maßnahmen wurden evaluiert. Sollte die jetzige Regierung das irgendwie anzweifeln, könnte sie die nötigen Schritte wiederholen.

Die Bürger*innenräte einzuführen, bedeutet Macht abzugeben. Es bedeutet aber auch Macht zu gewinnen, nämlich handlungsfähig zu werden angesichts einer globalen Katastrophe, in die wir gerade hineinsteuern.

So lange diese Räte nicht eingerichtet werden, werden die nötigen Schritte nicht erfolgen und deshalb haben Bewegungen wie Extinction Rebellion, Scientist Rebellion und der Aufstand der Letzten Generation, die allesamt solche Bürger*innenräte fordern, ihre Berechtigung und werden auch nicht aufhören zu nerven.