Aber die Übernachtung!

Bei der Diskussion der Selbstverpflichtungsaktion von Scientists4Future zum Verzicht auf Kurzstreckenflüge kommt mitunter das Argument, dass bei der Benutzung der Bahn unter Umständen ein oder sogar zwei Hotelaufenthalte nötig werden. Da das aber auch CO2 verursacht, wäre am Ende nichts gewonnen. Dieses Argument ist falsch. Ich möchte das am Beispiel Stuttgart–Hamburg mal durchrechnen.

Das Hotel

Ich selbst fahre immer mal wieder nach Bonn. Mit dem Flugzeug wäre es möglich, früh hin und abends zurückzufliegen. Da ich Bahn fahre, würde ich den Sitzungsbeginn verpassen, weshalb ich einen Tag vorher anreise. Es fällt also eine Übernachtung an. Da die Sitzung meistens bis 16:00 oder 17:00 dauert, schaffe ich noch einen Zug zurück. Für Hamburg–Stuttgart würde das je nach Sitzung eventuell nicht klappen, so dass zwei zusätzliche Übernachtungen nötig würden. Frage: Wie sieht dann die Klimabilanz aus?

Antwort: Es ist schwierig. Wie die Klimabilanz eines Hotels aussieht, hängt von sehr vielen Faktoren ab: Hat das Hotel Öko-Strom? Gibt es eine Sauna? Swimmingpool? Wie oft wird die Wäsche gewechselt? Wie arbeitet die Wäscherei? Wie gut ist das Gebäude isoliert? Wie wird geheizt? Wie hoch ist die Auslastung des Hotels? Wie groß ist die Zimmergröße? Wie lang sind die Anfahrtswege der Hotelangestellten?

Für die Berechnung der CO2-Emissionen von Geschäftsreisen gibt es einen Standard vom Verband deutsches Reisemanagement e.V. Die Formeln für den Jahresausstoß eines Hotels und den Ausstoß pro Übernachtung zeigt die folgende Abbildung.

CO2-Ausstoß eines Hotels pro Jahr nach VDR-Standard
Variablen für die Berechnung des CO2-Ausstoßes nach VDR-Standard

Ich habe lange gebraucht, im Web Durchschnittswerte zu finden, und bin dann auf die folgenden Angaben von 2014 gestoßen.

KategorieCO2-Emmission
0–2 Sterne24,7 kg
3 Sterne16,9 kg
4 Sterne21,0 kg
5 Sterne47,6 kg
CO2-Emission nach Hotlklasse DEHOGA Energiekampagne, Erhebungen der DEHOGA Landesverbände, Umwelterklärungen, Stand: 2014

Da sich inzwischen energiesparende Beleuchtung durchgesetzt haben dürfte, Geräte effizienter geworden sind und auch der Ökostrom-Anteil am allgemeinen deutschen Strommix größer geworden ist, kann man davon ausgehen, dass der CO2-Impakt von Hotels in Wirklichkeit (im Schnitt) kleiner ist. Sollte jemand aktuellere Zahlen haben, wäre ich für einen Hinweis dankbar.

Auf klimabewußte KundInnen ausgelegte Hotels können den Ausstoß nach Biohotels.de sogar auf 10kg/Nacht reduzieren.

Flug und Zug

Laut atmosfair beträgt die CO2-Belastung für die Strecke Stuttgart–Hamburg bei Hin- und Rückflug 211kg CO2 (Für Germanwings geben sie 347kg und eine durchschnittliche Airline 272kg an). Ich habe dabei angenommen, dass auf dieser Strecke ein Airbus A320 unterwegs ist (zur Zeit fliegt nur Eurowings und laut Eurowings: Technik & Flotte ist der A320 das Flugzeug, das sie am häufigsten einsetzen).

Laut CO2-online beträgt der CO2-Ausstoß für die Hin- und Rückreise mit dem ICE 39kg. Dabei hat CO2-online den durchschnittlichen deutschen Strommix unter Berücksichtigung des Ökostromanteils, den die Deutsche Bahn verwendet, angesetzt. Die Deutsche Bahn verwendet für ihr gesamtes Angebot zu 60% Ökostrom und gibt aber an, dass sie im Fernverkehr ausschließlich Ökostrom benutzt. Damit wäre die CO2-Emission für die reine Fahrleistung Null.

Nimmt man den Ökostrom, den die Bahn im Fernverkehr verwendet, ist der CO2-Ausstoß für ICEs unschalgbar gering. Selbst wenn man den Strommix, den die Bahn verwendet (60% Ökostrom), zugrundelegt, liegt die Bahn weit unterhalb von Flugzeugen und Pkws.

Je nach dem, wie man das nun sehen will, hat die Bahn auf der Strecke Stuttgart–Hamburg also einen Ausstoß von Null oder eben 39kg. Setzt man Null an, liegt der CO2-Ausstoß von Bahn-Reise + zwei Übernachtungen bei einem Sechstel (16%) des minimalen CO2-Ausstoßes für den Flug. Setzt man 39kg an, so ist die Bahnreise + zwei Übernachtungen immer noch bei einem Drittel (35%) des Fluges. Das zeigt die folgende Tabelle im Überblick.

 Bahn kg CO2Flug kg CO2Bahn in %
Öko02110
Öko+1172118
Öko+23421116
Mix3921118
Mix+15621127
Mix+27321135
Öko03470
Öko+1173475
Öko+2343479
Mix3934711
Mix+15634716
Mix+27334721
Vergleich des CO2-Ausstoßes für Bahnreise vs. Flug bei Annahme von 100% Ökostrom bzw. Strommix mit 60% Ökostrom und jeweils keiner, einer oder zwei zusätzlichen Übernachtungen in einem 3-Sterne-Hotel

Rechnet man das Ganze mit den 374 kg, die bei atmosfair als Wert für germanwings angegeben wurden, sieht alles noch verheerender aus: Selbst mit zwei Übernachtungen und Berechnung des Strommixes liegt die Bahn bei einem Fünftel des Flugzeugs.

Schlussfolgerung

Da das Bundesreisekostengesetz dahingehend geändert wird, dass Klimaaspekte bei Reisen zu berücksichtigen sind und da auch teurere Bahnfahrten und Tagegeld erstattet werden, gibt es je nach Strecke nur noch einen Grund zu fliegen: Es ist bei sehr langen Strecken schneller und man ist eher wieder zu hause (ein Reisezeitvergleich Bahn vs. Flugzeug zeigt, dass das bei den meisten Kurzstreckenflügen nicht der Fall ist). Bei WissenschaftlerInnen mit Familie kann die kürzere Reisezeit ein wichtiger Faktor sein, aber man sollte sich auch bei allen organisatorischen Problemen überlegen, ob man das zukünftige Wohl der Kinder dafür opfern möchte, dass man mit ihnen zwei bis vier Abende/Morgende gemeinsam verbringen kann.

Nazis raus aus den Stadien. Oder besser gar nicht erst rein

Vorwort

Zur Einordnung: Der Bruder meines Großvaters saß unter den Nazis im Zuchthaus, weil er Flugblätter verteilt hatte. Ich habe Auschwitz, Sachsenhausen und mehrmals Buchenwald besucht. Ich weiß, was Nationalsozialismus war und ist.

Graffito in Kahla/Thüringen, 07.2013, CC-BY Stefan Müller

Nolympia trendet im Twitter-Dorf

Du wachst im neuen Jahr auf, guckst auf dein Twitter und: „Oh, no! #Nolympia trendet.“ Was ist denn nun schon wieder los? Das Crowd-Funding war doch gerade erfolgreich und alles hatte sich etwas beruhigt. Zum Glück hatte ich gerade vorher einen Artikel von Rezo über Umweltsäue, die durchs Twitter-Dorf gejagt werden, gelesen, in dem erklärt wurde, warum man twitter nicht so ernst nehmen muss. Ich habe also tief durchgeatmet und mal drei vier tweets angesehen. Es ging um das JUNG&naiv-Video, das Tilo Jung mit Philip Siefer von Einhorn gemacht hat. Ein Tweet warf Philip Siefer Frauenfeindlichkeit und Sexismus vor. OK. Komplett absurd. Wer sich ein bisschen mit der Firma beschäftigt hat, weiß, dass das Quatsch ist. (Alle anderen sollten das Interview halt ganz ansehen.) Philip hat die Situation an der TU Ilmenau beschrieben und etwas über den Frauenanteil gesagt. Er hat das ironisch kommentiert. Versteht nicht jeder. Das andere Interview-Zitat ist leider viel, viel schlimmer. Auf die Nachfrage von Thilo Jung, ob denn auch Nazis im Stadion willkommen seien, antwortete Philip Siefer: „Ja, also, wenn sie sich konstruktiv an der Lösung der Probleme, die wir genannt haben, beteiligen möchten.“ OK. Die Antwort ist unterirdisch. Ich formulierte schon den tweet: „Wie blöd bzw. jung und naiv kann man denn sein?“ Ich habe den tweet nicht geschrieben, nicht abgeschickt. Ich habe erst mal gearbeitet und mir dann am Abend den zweistündigen Beitrag von JUNG&naiv angesehen.

Kommunikativ verunglückt. Massivst

Nachdem ich diese Ausschnitte gesehen hatte, hatte ich Bammel, was mich da erwartet: Ruiniert jetzt ein so ein blödes Video Olympia komplett? Hier ist die Stelle, um die es ging:

Auf die Frage, ob auch Nazis mitmachen dürfen, kam die Antwort „Ja, also, wenn sie sich konstruktiv an der Lösung der Probleme, die wir genannt haben, beteiligen möchten.“ Was hat ihn geritten? Man weiß es nicht. Ich bin auch jemand, der immer alle mitspielen lassen möchte. Wenn man den ganzen Osten als Nazis bezeichnet, dann sollten auch diese „Nazis“ einbezogen werden. Ich denke aber, dass es absolut falsch ist, alle AfD-WählerInnen als Nazis zu bezeichnen und habe das auch in Genau das ist das Problem: Selbstgefälligkeit und Arroganz begründet. Also, was er genau gedacht hat, weiß nur er. Die Äußerung war jedenfalls kommunikativ verunglückt.

Wenn man sich aber das Projekt insgesamt anguckt und auch was Philip danach gesagt hat, dann ist klar, dass Nazis da nicht reinpassen und auch überhaupt keine Motivation haben, dorthinzugehen. Olympia beschäftigt sich mit Ökothemen und ja, es gibt Öko-Nazis: Karl-Heinz Hoffmann ist so einer. Er bezeichnet sich selbst als Öko-Faschisten und hat wegen der Führung der rechtsterroristischen Wehrsportgruppe Hoffmann von 1973–1980 dann von 1981–1989 im Knast gesessen.1 Der Witz an Olympia ist nun, dass auch Fragen der globalen Gerechtigkeit und Probleme mit Rassismus Gegenstand der Petitionen sein werden und hier sind alle Nazis raus (aber nicht unbedingt alle AfD-WählerInnen, hoffe ich mal). Nazis finden es OK, wenn im Süden ein paar Menschen verhungern. Das passt in ihr Weltbild von survival of the fittest und ich habe das auch schon explizit so in Diskussionen gehört.

Also: Nazis, die für globale Gerechtigkeit und gegen Rassismus sind, gibt es nicht. Mathematisch betrachtet ist also die Anzahl der Nazis, die willkommen sind, gleich Null. Trotzdem hätte die Antwort statt „Ja, wenn …“ „Nein, denn …“ sein müssen.

Das war eine Stelle in einem zweistündigen Interview. Und Philip hat sie bitter bereut. Es gab sofort am Abend nach dem Online-Gehen des Videos noch eine Entschuldigung auf dem Einhorn-Kanal:

Und was ich gerade erst gesehen habe auch genau das, was ich oben geschrieben habe:

Das ganze kam dann noch mal in Schönschrift auf dem Olympia-Kanal:

Die taz lügt immer noch nicht

taz und Olympia werden wohl keine Freunde mehr. Es gab am Anfang zwei sehr negative und uninformierte Artikel, über die ich schon in taz lügt nicht geschrieben habe. Danach gab es zwei positive Artikel von Eike Peters am 27.12.2019 (Olympia kann kommen und Linke im Shitstrom-Modus). Und eine Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah die statt Olympia eine Radikalisierung der linken Aktionen fordert. Darüber habe ich in RAF, Linksradikalismus und Revolution geschrieben.

Verkürzte Wiedergabe von Sachverhalten und Kritik an Crowdfunding

Nun ein Artikel, der die Nazi-Pleite aufgreift. Was man hätte schreiben können, ist, dass Philip Siefer gesagt hat, dass Nazis willkommen sind, wenn sie keine Rassisten sind. Stattdessen steht nur da:

„Ja, also, wenn sie sich konstruktiv an der Lösung der Probleme, die wir genannt haben, beteiligen möchten.“

Volkan Agar, taz, 07.01.2020, S. 14

Man hätte auch schreiben können, dass Philip sich am Tag der Veröffentlichung des Videos entschuldigt hat. Das hätte aber nicht so gefetzt. Stattdessen wird die falsche Behauptung wiederholt, dass der Eintrittspreis Menschen ausschließt. Mit Link auf den taz-Artikel von Hengameh Yaghoobifarah. Der Artikel ist nach dem Ende des Crowd-Fundings erschienen. Als feststand, dass 39% der Tickets Soli-Tickets sind. Nur mal so taz: Es gibt bei Euch LeserInnen, die einen politischen Preis fürs Abo (64,90€) bezahlen (ich zum Beispiel), damit andere die taz billiger lesen können (33,90€). Es gibt Leute, die ihre taz in den Knast schicken, wenn sie in den Urlaub fahren (ich zum Beispiel), statt das Abo für diese Zeit abzubestellen (was Euch schaden würde). Das ist Solidarität. OK? Solidarität mit Euch und mit anderen LeserInnen. Warum wiederholt ihr diesen Mist vom Ausschluss von Menschen immer wieder? Er war auch schon in den ersten beiden Artikeln drin (siehe taz lügt nicht). Das Stadion kostet Geld, es wird gebraucht, weil Menschen nicht 9 Stunden stehen können, weil die Infrastruktur gebraucht wird, weil es wetterfest ist. Das Geld wurde über Crowd-Funding eingesammelt. Wird alles im Interview besprochen.

Abschaltung der Statistiken wegen Überlast

Ein anderer Kritikpunkt ist, dass der Umgang mit den Großspendern nicht transparent ist. Dazu wird in der Online-Ausgabe auf einen Tweet des Spiegel-Journalisten Jan Petter verwiesen2, in dem moniert wird, dass am 24.12., dem Ende des Crowdfundings, die Anzahl der verschiedenen Spendenarten nicht angezeigt wurde. Philip Siefer erklärt den Grund dafür auch im Interview und das war auch völlig transparent von startnext kommuniziert worden:

Um Lastspitzen der Olympia-Crowd abzufangen, haben wir kurzfristig komplexe Berechnungen aus dem Projekt entfernt. Deshalb werden derzeit keine Buchungsanzahlen der Dankeschöns ausgegeben. Damit das ganze transparent bleibt, blenden wir nach dem Funding (wenn die Zugriffszahlen wieder normal sind) die Zahlen wieder ein. Die entscheidende Zahl ist ohnehin das Fundingziel.

Projekt-Update vom 23.12.2019 auf der startnext-Projektseite des Olympia-Projekts

Jan Petter beschwert sich im Thread auch darüber, dass die Buchungszahlen bei anderen Projekten angezeigt werden, bei Olympia aber nicht. Das zeugt von fehlender Sachkenntnis. Diese Zahlen hätten bei Olympia fortwährend aktualisiert werden müssen. Das ist nicht trivial, wenn mehrere Nutzer gleichzeitig auf der Plattform unterwegs sind: Es muss sichergestellt werden, dass das Update aus einer Buchung nicht Änderungen aus einer anderen Buchung überschreibt. Auf den Servern laufen mehrere Prozesse parallel, die müssen – über mehrere Rechner hinweg – synchronisiert werden. (Ich bin Informatiker, weiß also, wovon ich rede.) Die Server waren am 23.12. und am 24.12. am Limit, so dass startnext alles, was nicht unbedingt nötig war, abgeschaltet hat. Zum Beispiel auch die Mailbenachrichtigungen an die FunderInnen (was in einem anderen Projekt-Update kommuniziert wurde).

Diese Seite haben Crowdfunder am 23.12. und 24.12. öfter gesehen. Die Server waren überlastet, weshalb startnext alle Dienste, die nicht unbedingt nötig waren, abgeschlatet hat.

Wie versprochen sind die Zahlen der einzelnen Buchungen jetzt wieder einsehbar.

Crowdfunding und andere alternative Finanzierungsformen

Die Geschichte mit den SpenderInnen ist ein Dauerbrenner, aber auch sie ist eigentlich absurd, insbesondere aus taz-Sicht. Einerseits wurde im Netz verlangt, die Namen der SpenderInnen zu nennen. Andererseits wurde über Sponsoring geschimpft, weil nämlich irgendwo doch Namen genannt wurden. Ich habe das in Olympia: Startups, Sponsoring und Elon Musk besprochen. In meinem Blog-Post sind auch (einige?) Namen zu sehen. Wie ich in dem Post dargelegt habe, halte ich die Nennung der Namen für falsch.

Beim Nachdenken über die GroßspenderInnen hilft vielleicht ein Vergleich: Die taz ist als Genossenschaft organisiert. Am 7.1.2019 gehörte sie 19.545 GenossenschaftlerInnen (ich bin einer davon). Laut Mitgliederinfo 2019 betrug das Genossenschaftsvermögen der taz-Genossenschaft 31.12.2018 18 Mio €. Da diese Anteile an Wert verlieren, es nie irgendwelche Gewinnausschüttungen gibt, sind das praktisch Spenden (siehe auch Warum mein taz-Kreditplan nicht funktioniert hat). Früher stand auf der Titelseite immer etwas von einer „linken radikalen Tageszeitung“. Ist die taz jetzt weniger links, weniger unabhängig, weil sie GenossenschaftlerInnen gehört? Was ist, wenn Kai Diekmann (Bild-Zeitung) Anteile kauft?3 Werden die Namen der GenosenschaftlerInnen veröffentlicht? Die Summen der jeweiligen Einlagen einzelner Genossen?

Uninformierte oder wissentliche Flaschdarstellungen

Der Gipfel im letzten taz-Artikel ist aber das hier:

Und das Unbehagen ist berechtigt. Denn Siefers Antwort zeigt: Für wen die Weltrettung eine Ware ist, dem ist der Käufer wurscht. Was den Verkäufer einzig interessiert, ist sein Ertrag. So gesehen ist der Kaufmann der toleranteste Mensch der Welt.

Volkan Agar, taz, 07.01.2020, S. 14

Das ist fies und es zeigt, dass Volkan Agar seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Die Einhörner sind Marketing-Leute und sie haben mit Spaß und Schwung die Weltrettung für 29,95€ angeboten. Schon der Preis, wo man ja nicht mal 30€ bezahlen muss, ist ein grandioser Witz. Das kommt bei Allergikern aber nicht so gut an. Über Asthma macht man schließlich auch keine Witze. Hier sind Welten aufeinander geprallt, das haben die Einhörner jetzt sicher auch gelernt. Aber, hey, sie haben die 2 Mio € zusammenbekommen. So falsch kann das Marketing also nicht gewesen sein. Nur, dass die Presse sie nicht liebt. Aber zurück zu dem Punkt, dass der zitierte Satz daneben ist: Hätte sich Volkan Agar die ganzen zwei Stunden angesehen, dann hätte er gelernt, wie die Firma Einhorn aufgebaut ist. Er hätte gesehen, dass die Firma dieselben Ideale hat, wie die taz. Bei der taz arbeiten viele tolle JournalistInnen in einer flachen Hierarchie. Am Anfang gab es bei der taz ein Einheitsgehalt. Das wurde aufgegeben, weil die ChefredakteurInnen immer weggekauft wurden. Bei den Einhörnern wird das Gehalt in der Belegschaft ausgehandelt. Wenn jemand wegen einer fiesen Mieterhöhung in Bedrängnis kommt, gibt es Geld aus einem Reservetopf. Die Firmengründer haben sich überlegt, wie man aus diesem üblen Startup-Szenario rauskommt, bei dem es nur darum geht, den shareholder value zu maximieren. Sie haben beschlossen, die Hälfte aller Gewinne zu reinvestieren und nur maximal 50% zu entnehmen. Im Fall von Einhorn haben sie diese 50% nie entnommen. Stattdessen wurden von dem überschüssigen Geld zum Beispiel zwei ArbeiterInnen bezahlt, die Unkraut auf den Kautschuk-Plantagen jäten, so dass kein Glyphosat eingesetzt werden muss.

Hätte Volker Agar das Video gesehen, wüsste er, dass die Einhorn-Gründer ihre Anteile an die Firma geschenkt haben und dass die Firma jetzt eine Self-owned Company ist, die nicht verkauft werden kann. Das wurde durch eine Übertragung in die Purpose-Stiftung sichergestellt. Hier ist die entsprechende Stelle im Video:

Erklärung der Besitzverhältnisse von Einhorn durch Gründer Philip Siefert

Im Video wird erklärt, dass die Firmenanteile vorher zu 100% den beiden Gründern gehört haben, dass die Firma 6 Mio € im Jahr Umsatz gemacht hat und durchaus etwas Wert ist. Die Gründer haben die Firma weggegeben bzw. den MitarbeiterInnen der Firma die Firma geschenkt. Aus Idealimus. So wie die taz nur mit einer gehörigen Portion Idealismus funktioniert. Ich will nicht alles aus diesen zwei Stunden wiederholen, möchte aber jedem Meckerkopp nahelegen, dass ganze Video komplett anzusehen. Für die taz-Chefredaktion würde ich vorschlagen, dass sie immer, wenn sie einen neuen Beitrag zum Thema Olympia bekommt, die AutorInnen fragt, ob sie schon JUNG&naiv geguckt haben.

Fazit: Was die von mir kritisierten taz-Artikel gemacht haben, ist twitter-Journalismus: Man guckt, was gerade trendet, zitiert ein paar tweets und fertig ist die Laube.4 Aber so einen twitter-Journalismus brauchen wir nicht, twitter haben wir selber.

Beim nächsten zu diskutierenden taz-Artikel werde ich den Blog analog zum Bild-Blog in taz-Blog umbenennen.

Nazis raus

Der erste Tweet von einhorn enthielt „Nazis raus“ und auch Luisa Neubauer hat schon am 5.1. „Nazis raus.“ getwittert:

Diese Äußerung ist in ihrer wörtlichen Bedeutung merkwürdig, was Die Goldenen Zitronen schon vor 14 Jahren auf den Punkt gebracht haben:

Und dann fragt man sich dann doch:
Wer soll eingentlich wo raus? Raus aus wo oder rein wohin?
Rein und raus, raus wohin? Wer soll eigentlich wo raus und rein wohin?

Was solln die Nazis raus aus Dütschland?
Was hätte das für ein Sinn?
Die Nazis können doch nich raus, denn hier jehörn se hin

Die Goldenen Zitronen, Flimmern, 2006

Hab das Video schon mal auf twitter versucht, hat nicht geklappt. Ich hoffe, hier funktioniert es. Die meisten haben eh nicht bis hierher gelesen.

Die Abwandlung des Spruches ist: „Nazis raus aus den Köpfen!“ Ist irgendwie gut gemeint, funktioniert aber auch nicht. Es müsste heißen: „Nazi-Ideen raus aus den Köpfen!“ So lange es noch Nazis gibt, müssen diese natürlich in unseren Köpfen bleiben. Leider. Die Überschrift dieses Blog-Posts funktioniert aber: „Nazis raus aus den Stadien!“ Wenn man sowohl die Faschos aus den Fußballstadien kriegt und keine zu Olympia reinlässt, ist viel erreicht.

So und jetzt gehe ich schlafen und morgen machen wir dann mit Inhalten weiter, OK?

Olympia: Startups, Sponsoring und Elon Musk

OK: Eine Kritik an Olympia kommt immer wieder: Die OrganisatorInnen sind so komische Startup-Heinis/Startup-Trullas, das ist alles nur Kommerz, um irgendwelche Firmen zu pushen und es sind auch sowieso die falschen Firmen. Ich habe in meinen Posts, die Firmen-Sache immer raus- bzw. ganz klein gehalten, möchte hier aber doch mal etwas ausführlicher schreiben.

Startups und Einhorn

Wie die OrganisatorInnen in der FAQ schreiben und wie ich auch in Warum ich Olympia gut finde erklärt habe, kann man als Einzelperson nicht das Olympiastadion mieten, da die Miete so hoch ist, dass der Vermieter (das Land Berlin) irgendwie sicher stellen muss, dass der Vertragspartner genügend groß ist, um eine entsprechende Veranstaltung zu planen und einen geregelten Verlauf abzusichern.

Waldemar Zeiler (Gründer Einhorn, Brille Bart), Irma Hausdorf (Fridays4Future), Thomas Loew (Scientists4Future, grau gesprekelter Pullover), Elisa Naranjo (Einhorn, Head of fairstainability), Philip Siefer (Gründer Einhorn, Mikro) und Charlotte Roche (vorn grüner Pullover) bei der Auftaktveranstaltung zur Crowdfunding-Aktion zur Mietung des Olympiastadions für die größte BürgerInnenversammlung der Welt mit bis zu 90.000 Menschen, Berlin, 18.11.19

Die Firma, die die Anmietung des Stadions übernommen hat, ist eine Startup-Firma. Ist das schlimm?

Startups

Nein. Nicht unbedingt. Was sind Startup-Firmen? Wie funktionieren sie? Zuerst sind da ein paar Menschen, die eine Idee haben. Entweder sie können die Idee direkt umsetzen oder sie brauchen Geld für irgendwelche Dinge. Ich habe selbst von 2000–2001 in einer Startup-Firma gearbeitet. Ziel war es Computerschnittstellen zu bauen, so dass man mit natürlicher Sprache Datenbankanfragen stellen kann. Ich war für die Entwicklung computerverarbeitbarer Grammatiken zuständig. Wir waren am Anfang ein Team von 6–10 Leuten. Das wurde schnell größer und irgendwann 2002 oder 2003 waren es dann 100 Leute. Diese Menschen müssen irgendwie bezahlt werden. Wenn es noch keine Produkte gibt, für die irgendjemand Geld geben würde, dann braucht man einen Vorschuss. Den kann man sich entweder von der Bank holen oder von darauf spezialisierten Investoren. Es ist klar, dass bei solchen Investments das Geld verloren sein kann, wenn die Firma pleite geht, bevor das Produkt marktreif ist oder wenn sich herausstellt, dass das Produkt doch niemand braucht. Die Fernsehserie Silicon Valley liefert einen sehr lustigen Einblick in die kalifornische Start-Up-Szene.

Die Firma, bei der ich gearbeitet habe, ist krachen gegangen und die Spracheingabe ist inzwischen technisch gelöst.

Funny Van Dannen: „Baut kleine geile Firmen auf!“

Ich habe später selbst eine Firma gegründet. 2012 habe ich mit meinem Kollegen Martin Haspelmath begonnen, den Openaccess-Verlag Language Science Press aufzubauen. Inzwischen sind über 100 Bücher von AutorInnen aus aller Welt veröffentlicht, es gibt 23 Buchreihen. AutorInnen und LeserInnen bezahlen keinen Cent. Bei anderen Verlagen müssten AutorInnen für die Veröffentlichung eines Openaccess-Buches 10.000–15.000€ (Steuergeld) bezahlen. Preise für gedruckte wissenschaftliche Bücher liegen bei 60–250€.

Download-Zahlen der Top Language-Science-Press-Bücher. Darunter sind drei Lehrbücher mit 40.000 bzw. zweimal 30.000 Downloads. Da die Bücher frei verfügbar sind, sparen Studierende, Bibliotheken und die interessierte Öffentlichkeit viel Geld.

Der Verlag ist dezentral organisiert, die Reihenherausgeber leisten einen großen Beitrag zur Bucherstellung. Dennoch kostet Language Science Press Geld. Wir beschäftigen anderthalb Personen. Die Erstellung eines Buches (Verwaltung, Abstimmung Satz, Einpflegen der Dateien in Computersysteme usw.) kostet so zwischen 3000 und 4000€. Das Geld muss irgendwo herkommen. In unserem Fall kommt es von Universitäten und Forschungseinrichtungen, die letztendlich sehr viel Geld sparen, weil sie die Bücher nicht für Bibliotheken anschaffen müssen. Noam Chomsky und Steven Pinker haben uns dabei unterstützt, das Geld zusammenzubekommen. Die Firma ist gemeinnützig, d.h. wir dürfen nur einen bestimmten Betrag auf dem Konto haben und dürfen keine Gewinne an die Gesellschafter ausschütten.

Wer den Kapitalismus hasst, muss Language Science Press lieben (alle anderen auch), denn die Gewinnmargen von Elsevier, Wiley und Springer (dem Wissenschaftsverlag) liegen irgendwo zwischen 40% und 35%. Das sind Steuergelder, die wir alle bezahlen. Hier kann man gucken, was die Vorstände der großen Wissenschaftsverlage pro Jahr verdienen. Liegt so im Millionen-Bereich.

Das heißt: Nur weil jemand eine Firma gründet, ist er noch lange kein schlechter Mensch. Sorry, dass ich Euch gerade erklärt habe, warum ich kein schlechter Mensch bin.

Es sollte jetzt aber klar sein, was Startups sind und dass man für neue innovative Projekte Geld braucht und dass solche Projekte nicht unbedingt schlecht sein müssen.

Einhorn

Vorweg: Ich habe mit Einhorn nichts zu tun. Ich habe den Namen zum ersten Mal im September 2019 beim Onboarding von Extinction Rebellion (XR) gehört. Ich dachte, das wäre ne Kneipe. Es waren aber die Büroräume, die Einhorn XR kostenlos zur Verfügung stellt. Zum ersten Mal gesehen habe ich sie auf der Kick-Off-Veranstaltung zum Crowdfunding am 18.11.2019. Ich habe dort erfahren, dass die Firma fair hergestellte vegane Kondome (kann man in Kondome Tiere reinmischen???)1 und Periodenprodukte herstellt. Kurz nach dem Kick-Off habe ich einen Fernsehbeitrag gesehen, in dem erklärt wurde, dass die Gründer ihre privaten Anteile an die Firma geben und die Firma jetzt so organisiert ist, dass niemand persönlich reich wird, wenn es der Firma gut geht. Mehr wusste ich bis vor kurzem nicht über die Firma.

Wenn mir jemand Werbung zuschickt, bestelle ich sie umgehend ab, weil ich den Quark eh nicht lese und das alles eine unglaubliche Ressourcenverschwendung ist (siehe Bestellt alles ab!). Ich habe mein Konto bei der GLS-Bank (Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken). Die GLS-Bank ist eine Genossenschaftsbank. Sie fördert solziale und ökologische Projekte. Um das zu unterstützen, bin ich zusätzlich auch Genossenschaftler. Die Bank schickt von Zeit zu Zeit einen Report (Bankspiegel 2/2019) und der lag noch bei mir rum, weil ich ihn abbestellen wollte. Beim Abbestellen fiel mein Blick auf einen Artikel über Einhorn. In diesem Artikel ist die Firma etwas genauer beschrieben. Die Firmenkultur ist sehr offen, es gibt keine Hierarchien, keine Chefs.

Denn 2017 entschieden die Gründer Zeiler und Siefer, dass sie keine klassischen Chefs mehr sein wollen. Ab dann standen die Mitarbeiter, oder „Mitunternehmer“ wie Zeiler sie nennt, mit in der Verantwortung. Sie müssen selber wissen, wann sie ins Büro kommen, wie viel Urlaub sie brauchen, welche Entscheidungen sie in ihrem Verantwortungsbereich treffen, und mit einem selbst gewählten Gehaltsrat untereinander den Lohn verhandeln. Inspiriert wurden sie durch Holacracy (Führen ohne Chefs), doch sie halten sich nicht zu eng daran. „Wofür wir eine Lösung brauchten und hier keine Antwort fanden, war, wie Innovation zustande kommt“, sagt Naranjo. Sie üben sich in gewaltfreier Kommunikation und versuchen, ihre eigenen dezentralen Entscheidungswege zu finden. „Wir kriegen in den Medien oft ein rein positives Bild. Man muss aber auch ehrlich mal sagen, so zu arbeiten, ist echt anstrengend“, meint Naranjo. Trotzdem hält sie diese neue und manchmal Unsicherheiten provozierende Arbeitskultur für richtig. Denn das macht die Haltung des Unternehmens aus.

Lisa Neal: Einhorn Bankspiegel 2/2019
Funding future: Elisa Naranjo (Einhorn, Head of fairstainability) bei der Auftaktveranstaltung zur Crowdfunding-Aktion zur Mietung des Olympiastadions für die größte BürgerInnenversammlung der Welt mit bis zu 90.000 Menschen, Berlin, 18.11.19

Im Prinzip müsste das eigentlich genau das sein, was auch die Kritiker von Einhorn und Olympia gut finden müssten: ein hierarchiefreies Kollektiv von Menschen, die gemeinsam an einer guten Sache arbeiten.

In derselben Ausgabe des Bankspiegels gibt es auch einen Beitrag Bürgerrat: „Krafträume für Demokratie“ über den Verein Mehr Demokratie e.V. Sowohl die GLS-Bank als auch dieser Verein unterstützen Olympia.

Sponsoring

Auf der Kick-Off-Veranstaltung für das Crowdfunding wurde gesagt, dass das Crowdfunding gebraucht wird, weil das Ereignis ohne Sponsoren durchgeführt werden soll. Das fand ich gut, und es hat mich sehr gewundert, dass KritikerInnen von Olympia plötzlich dieses Bild auf twitter posteten:

Wieso stehen diese Firmennamen dort? Das Hotel? Ist das nicht genau das, was Sponsoring ausmacht? OK, man kann noch sagen, dass im Stadion selbst alles werbefrei ist, aber dass Unternehmen mit dem Projekt assoziiert werden, ist verkehrt. Die meisten Firmen kannte ich vorher nicht und sie interessieren mich auch nicht. Es sind meist Öko-Firmen, weshalb sie schon zu einem Weltrettungsprojekt passen. Dennoch hätten gewinnorientierte Firmen nicht auf dem Bild auftauchen dürfen.

Ich selbst habe dieses Bild übrigens nie auf den Webseiten gesehen, obwohl ich mich seit dem 18.11.2019 für das Projekt interessiere, Olympia auf twitter folge und die Web-Seiten des Projekts und die Seiten bei Startnext angesehen habe. Ich habe mich erst heute mit den Firmen beschäftigt und einige nachgeschlagen. Es scheint also paradoxerweise so zu sein, dass die Olympia-Kritiker diesen Firmen zu Publicity verhelfen, indem sie dieses Bild teilen.

Olympia selbst hat inzwischen den Fehler erkannt und die Firmen-Namen entfernt.

Tweet von Olympia zur Liste der UnterstützerInnen vom 25.12.2019

Lush

Als links-grün versiffter Gutmensch wasche ich mich nie. OK, heute habe ich geduscht, aber es ist auch der erste Tag im Jahr. Dann dusche ich noch einmal im Mai vor der Geburtstagsparty. Kosmetik-Zeug interessiert mich deshalb nicht. Ich habe den Artikel über Lush in der taz bei Erscheinen zwar gesehen, aber nicht gelesen. Nun wurde Lush aber als Unterstützer genannt und das wurde auch prompt aufgegriffen und kritisiert. Ich habe den taz-Artikel und noch einen weiteren bei t-online (Lush: eine schmierige Naturkosmetikkette) gelesen und ja: Lush ist eine Öko-Sekte, so was wie die Öko-Version von Schlecker.2 Ich denke, dass das Investment von Lush sich nicht gelohnt hat. Viele Leute wissen jetzt Bescheid und ich freue mich, wenn ich auch mit diesem Beitrag noch ein bisschen dazu beitragen kann, dass mehr Menschen die Arbeitsweise dieses Unternehmens mit den „glücklichen“ Öko-Prostituierten kennenlernen.

Elon Musk

Auch immer wieder gern diskutiert wird der folgende Tweet des offiziellen Twitter-Accounts von Olympia an Elon Musk:

Tweet von Olympia an Elon Musk, 23.12.2019

Elon Musk ist der Mann, der die Auto-Firma Tesla gegründet hat. Ich halte diesen Olympia-Tweet für einen großen Fehler. Warum soll dieser Mensch für Olympia Geld geben? Ja, er ist irgednwie öko. So wie Lush ja auch. Aber auch E-Autos sind keine Lösung für unsere Verkehrsprobleme. Zumindest nicht in den Städten und schon gar nicht die Autos, die Musk baut. Musk will auch in Brandenburg SUVs bauen. SUVs sind absurd unökologisch und es ist eine Schande für unser Land, dass so viele Menschen hier immer noch SUVs neu anschaffen.

Nice shirt: Klimakativist Tadzio Müller hält eine mitreißende Rede am Brandenburger Tor bei der Klimademo #AlleFürsKlima vor 270.000 Menschen am Brandenburger Tor, Berlin, 20.09.19

Der Gipfel der Unsinnigkeit sind aber Elektro-SUVs. Nicht nur, dass man wie bei den Verbrenner-SUVs 1,5 Tonnen Zeug bewegen muss, um 80kg Mensch zu transportieren. Bei Elektro-SUVs kommen noch 650kg für Batterien dazu. Einfach Irrsinn und an den Erfordernissen unserer Zeit vorbei. In der Stadt braucht man gar keine Autos. Man kann das (Lasten-)Rad benutzen oder den ÖPNV oder, wenn es nicht anders geht, ein Taxi oder Mitauto (siehe Automobilstrejk for klimatet). Ich selbst habe nie ein Auto besessen. Das geht. Auch mit zwei Kindern. Und ich bin 1993 zum ersten und letzten Mal PKW gefahren (nur mal so zum Probieren, hab 1989 LKW-Fahrerlaubnis gemacht).

Steffen Zeisig hat Recht, wenn er Musks Ablehnung des ÖPNVs kritisiert:

Tweet zu Elon Musk und seinen Ansichten in Bezug auf öffentlichen Personennahverkehr

Aber der Mann will Autos verkaufen. Was soll man von ihm erwarten? Über die Ankündigung, dass Tesla nach Brandenburg gehen will, habe ich mich dennoch gefreut. Aus mehreren Gründen: 1) Macht Tesla den verschlafenen deutschen Autofirmen Druck. 2) Ist es politisch gut, wenn die Region Brandenburg Arbeitsplätze und Steuern bekommt, wo wir ihr doch die Kohle wegnehmen werden. 3) Und hier scheine ich mir zu widersprechen: Es ist gut, dass es diese teuren und luxuriösen E-Autos gibt. Der Grund ist, dass die Super-Reichen einen enorm hohen CO2-Abdruck haben. Sie sind gleichzeitig aber auch Vorreiter und Vorbild für viele andere Menschen, die nach Reichtum und Wohlstand streben. Wenn Reichtum mit E-Autos und Solarzellen assoziiert wird, werden auch in anderen Bevölkerungsschichten E-Autos usw. begehrenswert.3

Musk war bei der E-Mobilität Pionier und dafür können wir ihm danken, wir sollten aber dafür kämpfen, dass seine Monster nicht letztendlich die Städte übernehmen.

Demonstration in Kreuzberg für ein autofreies Berlin, 26.10.2019

Keine Gras-roots-Bewegung?

Auf twitter gibt es viele merkwürdige Behauptungen und wahrscheinlich muss ich dringend lernen, diese zu ignorieren (nehme ich mir für’s neue Jahrzehnt vor). Eine Behauptung war, dass die Tatsache, dass es die SpenderInnen gab, zeigt, dass Olympia keine Gras-Roots-Bewegung sei. Aber, wenn man sich die Zahl der SpenderInnen ansieht und dann die 12 GroßspenderInnen abzieht, bleiben immer noch: Tja, 12 weniger. Trotzdem noch viele übrig. Mit heutigem Stand sind das 26966 Spender, die ein Ticket oder mehrere Tickets für sich gekauft haben. 4.833 haben Einzeltickets gespendet, 2.585 haben für sich ein Ticket gekauft und eins gespendet und 3.711 haben 15€ gespendet. 36 Personen haben 100er Tickets gespendet. Wie viele Personen das letztendlich sind, weiß der Wind, weil ja Personen sowohl Tickets gekauft haben können als auch gespendet haben können, aber in jedem Fall ist es eine beeindruckende Crowd. Ja, vielleicht wäre die Summe von 1,8 Mio Euro zu Weihnachten nicht im Kasten gewesen, aber Olympia hätte dennoch stattgefunden: Es gab Angebote aus anderen Städten, es dort in Stadien mit geringeren Mietkosten durchzuführen. Und man hätte die Tickets sicher noch nach Bekanntgabe der auftretenden KünstlerInnen verkaufen können.

Ich bin in jedem Fall aber sehr froh, dass es jetzt in Berlin stattfindet, denn so kann ich die 16km zum Stadion mit dem Fahrrad zurücklegen. In eine andere Stadt wäre ich wahrscheinlich nicht gefahren. Dann wäre es wohl eine Online-Teilnahme geworden.

Transparenz und Rückgabe

Was würde ich jetzt machen? Ich würde einfach alle Großspender kontaktieren und ihnen ihr Geld zurücküberweisen. Das wären 359.400€ bzw. 12.000 Tickets. Die 12.000 Tickets würde ich einfach in den normalen Verkauf geben. Die gehen schon noch weg. Der Nachteil wäre, dass dann nur Menschen diese Tickets kaufen könnten, die sich das leisten können. Dass nur diejenigen teilnehmen können, die sich Tickets leisten können, war ja einer der (unbegründeten) Vorwürfe der Olympiagegner. Der Anteil der Soli-Tickets würde dann aber leider von derzeit 39% auf 21% sinken. Irgendwie scheint man es nicht allen recht machen zu können.

Hm.

Vielleicht geben die OrganisatorInnen wenigstens die Lush-Spende zurück ….