Sind Fluggäste Mörder?

Zuletzt geändert am 3. Juli 2024

In diesem Blog-Post beschäftige ich mich mit dem CO2-Impact von Flügen. Aber er kann auch dazu dienen, eine allgemeine Vorstellung von CO2-Auswirkungen zu bekommen.

Bild: Gellinger Pixabay

Langstreckenflüge und die 1000-Tonnen-Regel

In der Semantik gibt es bestimmte Ansätze, die die Bedeutung von Wörtern in kleinere Bestandteile zerlegen und somit komplexe Bedeutungen auf einfachere Bedeutungen zurückführen. Das Standard-Beispiel ist kill `töten´. Die Bedeutung wird mit cause(x,become(not(alive(y)))) angegeben (McCawley, 1968: 73; Katz, 1970: 244; siehe Wierzbicka, 1975 für kritische Kommentare). Die Formel kann man so lesen: x bewirkt, dass y in den Zustand des Nicht-lebendig-Seins übergeht. In diesem Blogpost beschäftige ich mich mit den Auswirkungen unseres CO2-Ausstoßes am Beispiel des Fliegens. Klar ist, dass letztendlich die Energiequellen für alles, was wir tun, umgestellt werden müssen und dass wir den Energieverbrauch insgesamt reduzieren müssen. Das heißt, dass wir an den großen politischen Stellschrauben drehen müssen. Aber das Problem ist einfach zu groß für uns Menschen, um es komplett zu verstehen und die Dimension begreifen zu können (Parncutt, 2019:11). Wie die ehemalige Bundesumweltministerin Svenja Schulze 2019 auf die Frage nach dem Restbudget an CO2 ausweichend sagte: „Unter diesen ganzen Tonnen und so kann sich doch keiner was vorstellen.“ (Mihatsch, 2019; Kontraste, ARD, 30.09.2019).

Ich suche immer nach Wegen, die Zerstörung, die wir anrichten, und die Winzigkeit des verbleibenden Rest-Budgets greifbar zu machen (siehe Zu unserem CO2-Restbudget: Car is over). Ich glaube, dass das Beispiel vom Fliegen recht anschaulich ist. Auch wird man beim Fliegen die Energieträger auf lange, lange Zeit nicht auf erneuerbare Energien umstellen können. Die Luftfahrt-Industrie geht von 2050 aus.

„Am Boden beiben“ blockiert den Flughafen Tegel. Diese Frau hält das Cover von „The Illusion of Green Flying“ hoch. Berlin, 10.11.2019, Bild: Stefan Müller, CC-BY

Wie ich im Anhang zeige, erzeugt ein Flug von Berlin nach Sydney und zurück einen Ausstoß von über 2259 Tonnen CO2. 1000 Tonnen verbrannter Kohlenstoff ergeben einen vorzeitigen klimabedingten Tod (Parncutt, 2019). 1000 Tonnen verbrannter Kohlenstoff entsprechen 3700 Tonnen CO2, d.h. die Sydney-Reise ist equivalent zur Verbrennung von 610 Tonnen Kohlenstoff. Man kann also sagen, dass die 329 Passagiere zusammen 0,61Menschen töten. Zwei Flüge Berlin-Sydney und zurück bewirken den Tod von mehr als einem Mensch. Zu Langstrecken-Flügen direkt siehe auch Parncutt (2019: 12).

Tötung? Totschlag? Mord?

Flugpassagiere töten Menschen. Bewusst, unbewusst? Fahrlässig? Absichtlich? Ignorant? Im Folgenden möchte ich weiter über die Einordnung nachdenken. Ein Flug Berlin-Sydney bewirkt, dass ein Mensch stirbt. Wie? Ich habe jemanden getötet? Ich habe doch gar nichts gemacht, saß nur im Flugzeug. Selbst wenn man nicht direkt jemanden mit Händen oder Waffen tötet, kann eine Tötung oder fahrlässige Tötung vorliegen. Zum Beispiel ermittelte die Polizei wegen fahrlässiger Tötung, als ein Restaurantgast an einem verunreinigten Getränk starb (BR24, 13.02.2022).

Fahrlässige Tötung

Fahrlässige Tötung liegt vor, wenn die Sorgfaltspflicht verletzt wird (Wikipedia: Fahrlässigkeit). Hat man als Mensch die Pflicht, die Konsequenzen seines Handelns zu überdenken? Auch wenn alle etwas tun? Auch wenn man mit 329 Menschen gemeinsam etwas tut? Auch wenn morgen und übermorgen und überübermorgen das nächste Flugzeug fliegt? Wenn man Flugtickets normal im Internet und in Reisebüros kaufen kann? Und wenn man doch überhaupt nicht gewusst hat, wie schädlich das Fliegen ist? (Unter diesen ganzen Tonnen kann sich doch keiner etwas vorstellen!) Dieser Blog-Post will das ändern. Wer ihn gelesen hat und dennoch fliegt, tötet bewusst Menschen.

Totschlag

Einfaches Bewirken reicht für Totschlag nicht aus (Wikipedia: Totschlag). Die Tötung muss vorsätzlich geschehen.

Mord

Bei Mord müssen zusätzlich noch bestimmte Tatmerkmale vorliegen (Wikipedia, 2022: Mordmerkmale). Dazu gibt es drei Fallgruppen: 1) Niedrige Beweggründe: Mordlust, Befriedigung des Geschlechtstriebs, Habgier, Sonstige. 2) Verwerfliche Begehungsweise: Heimtücke, Grausamkeit, Gemeingefährliche Mittel. 3) Deliktische Zielsetzung: Ermöglichungsabsicht, Verdeckungsabsicht. Was jetzt kommt, ist nicht ganz ernst gemeint und Gerichte würden das sicher anders sehen, aber es geht darum, unser Handeln und die Gründe dafür zu reflektieren und dazu sind die folgenden Vergleiche wohl geeignet.1

Mordlust

Fliegen aus Freude am Spaß fällt wohl unter Mordlust. Ich habe zufällig einen entsprechenden Flug auf Flightradar gefunden.

Die Cessna flog von einem Flugplatz in der Pampa mal eine Runde über Berlin und dann wieder zurück. 30.03.2022: 22:24

Es war nur ein kleiner Mord im Vergleich zu einem Flug nach Sydney, aber der Flug war komplett sinnlos und diente nur zur Belustigung der Insassen.

Befriedigung des Geschlechtstriebs

Darunter fällt natürlich der Sextourismus. Zu den Reisezielen gehören Thailand, Vietnam und die Philippinen, Kuba, die Dominikanische Republik, Brasilien, Kenia, Gambia, alles Länder, die nur über Langstreckenflüge erreichbar sind.

Habgier

Das mit der Habgier ist jetzt vielleicht etwas weit hergeholt, aber darunter könnte man alle geschäftlichen Flüge zählen: Menschen, die aus beruflichen Gründen fliegen, tun das, weil Dinge sich in persönlichen Gesprächen besser besprechen lassen und das der Firma nützt oder weil sie einen Konferenzvortrag halten wollen und das der Karriere nützt. Die ganze Sache ist nicht so einfach, weil das gesamte Wissenschaftssystem so aufgebaut ist, dass internationale Kontakte, Zusammenarbeit und Projekte belohnt werden. Bis zum heutigen Tag scheint es mir für wissenschaftliche Karrieren nötig zu sein, weltweit unterwegs zu sein. Zumindest ist es von Vorteil. Diese Reisen kann man natürlich sinnvoll organisieren und auf ein Minimum begrenzen. Insgesamt müssen Flüge teurer werden und das gesamte Wissenschaftssystem muss sich ändern und wieder lokaler werden.

Heimtücke

Zu Heimtücke fällt mir nichts ein.

Grausamkeit

Es muss wohl als grausam gelten, wenn man jemanden verhungern2 lässt, wenn man jemanden in der Hitze3 4 oder Kälte5 umkommen lässt, ihn ertrinken6 7 lässt oder wenn man dafür sorgt, dass das Haus einer Person einstürzt bzw. abbrennt und diese Person ihrer Lebensgrundlagen beraubt wird. All das sind Effekte, die die menschengemachten Klimaveränderungen hervorrufen. Eine gute Übersicht und viele, viele Quellen findet sich in Parncutt, 2019. Ich habe eine Übersichtsseite mit Medienberichten zusammengestellt. Einige Videos der Tagesschau oder von reuters sind auch unten bei den Quellen verlinkt. Menschen werden an Hitze sterben (Abschätzung der Zahl der Hitzetoten: Bressler, 2021), die Hitze und Trockenheit verstärkt die Häufigkeit und Auswirkung von Waldbränden, Missernten führen zu Hungerkatastrophen, Menschen sterben in Fluten. Fluten und Brände machen Menschen obdachlos. Viele der Katastrophen passieren in weit entfernten Gegenden, so dass wir sie prima ausblenden können, aber die Dürre und die Waldbrände gibt es bereits auch in Brandenburg und die Katastrophe im Ahrtal hat gezeigt, was für verheerende Auswirkungen Starkregenereignisse hierzulande haben können.

Gemeingefährliche Mittel

Der Mord an einer Person durch einen Flug verwendet gemeingefährliche Mittel, denn die Art und Weise, wie diese Person ermordet wird, betrifft die gesamte Erde. Fliegen ist gemeingefährlich.

Ermöglichungsabsicht

Dieses Mordmerkmal liegt vor, wenn Täter*innen den Mord begehen, um dann weitere Verbrechen begehen zu können. Ein Beispiel hierfür wäre eine touristische Reise in die USA mit dem Ziel, diese dann mit einem Verbrenner-Auto zu durchfahren. (Habe ich selbst 1993 gemacht. Sorry Welt.)

Verdeckungsabsicht

Wenn man jemanden tötet, um ein Verbrechen zu verschleiern, liegt ein Mordmerkmal vor. Hierzu fällt mir auch nichts ein.

Schlussfolgerung

Es liegt natürlich kein Mord vor, aber es gibt keine Gründe für das Fliegen, die über Menschenleben gehen. Kurzstreckenflüge lassen sich meistens durch Bahn- oder Busreisen ersetzen und Langstreckenflüge sollte man einfach nicht mehr machen.

Die Moral von der Geschicht

Man tötet keine Menschen. In vielen Religionen und Wertesystemen ist das fest verankert. „Du sollst nicht töten.“ ist das fünfte Gebot der christlichen Religionen. Interessanterweise fällt bei den Katholiken auch Selbstmord unter dieses Gebot (Kathpedia: Selbstmord). Parncutt (2019: 4) schreibt zu den Opfern der Klimakatastrophe, dass „ca. 109 Reiche dabei sind, die Leben von 109 Armen vorzeitig zu beenden.“8 Die Wahrscheinlichkeit, dass die Reisenden ihren eigenen Tod bewirken, ist relativ gering, da Menschen, die Fernreisen unternehmen zu den Wohlhabenderen auch unter der Bevölkerung der wohlhabenden Länder gehören dürften. Aber selbst diese Länder sind zum Beispiel von Hitze, Waldbränden und Überflutungen mit Toten und großen materiellen Schäden betroffen, wie die jüngsten Ereignisse gezeigt haben (Überflutungen im Ahrtal9, Kanada, Australien, Brände in den USA, Kanada, Australien). Wenig bekannt ist auch der Hitzesommer in Europa im Jahre 2003, der zu 45.000–70.000 vorzeitigen Toden geführt hat. Zu den Details siehe Wikipedia: Hitzewelle in Europa 2003.

Die Schlussfolgerung, die auch Parncutt (2019: 12) zieht ist: „Deshalb sollte das Fliegen teurer gemacht werden (z.B. durch Kohlenstoffsteuern) und auf Notfälle und Lebensrettungsmaßnahmen beschränkt werden.10 An dieser Stelle muss auch noch einmal darauf hingewiesen werden, dass Deutschland das Fliegen immer noch durch das Nichterheben einer Keosinsteuer subventioniert (Wikipedia: Kerosinsteuer).

Disclaimer

Internet-Trolle freuen sich immer, wenn sie in Scoial-Media-Profilen von Aktivist*innen Bilder finden, die auf Langstreckenflüge hinweisen. Bei mir braucht niemand lange zu suchen, denn ich habe meine Flüge selbst bestens dokumentiert.

Meine Flüge auf Flightradar24.

Dienstliche und private. Siehe Ich fliege nicht mehr. Dabei habe ich 45,3 t CO2 ausgestoßen. Wegen der Höhenwirksamkeit muss man diese Menge mit einem Faktor zwischen 2 und 3 multiplizieren. Ich habe also mittels meiner Flüge ein Zehntel zur Tötung eines Menschen beigetragen. Seit 2008 fliege ich privat nicht mehr und seit 2019 auch dienstlich nicht. So wird meine Schuld hier nicht größer.

Anhang: Berechnung CO2-Impact Berlin–Sydney

Parncutt (2019: 12) hat die 1000-Tonnen-Regel auch auf Langstreckenflüge angewendet. Er schreibt dazu:

A typical passenger jet carries 300,000 l of fuel and consumes 200,000 on a long flight, creating 500 tonnes of CO2 corresponding to 135 tonnes of carbon. That is about 1/8 of 1,000 tonnes, or 1/8 of a human life, according to the 1,000-tonne rule. Aircraft also emit other GHGs, and the high altitude at which the GHGs are emitted must also be considered. If the overall warming effect is at least twice the effect of the CO2 alone (Penner et al., 1999), a future person dies for every four long flights, on average. Therefore, flying should be made more expensive (e.g. by carbon taxes) and reserved for emergencies and life-saving projects.

Parncutt, Richard. 2019. The Human Cost of Anthropogenic Global Warming: Semi-Quantitative Prediction and the 1,000-Tonne Rule. Frontiers in Psychology 10(2323). 1–17.

Im Folgenden habe ich die Berechnungen anhand von konkreten Beispielen nachvollzogen. Ich habe dafür einen Billiganbieter (Scoot) ausgesucht. Billiganbieter sind meist effizient, da ihre Maschinen voll ausgelastet werden und der Sitzplatzabstand minimal ist. Der Flug geht über Singapur und man kann diese Details bei atmosfair eingeben. Man bekommt dann für Economy-Flüge und für Business-Class-Flüge folgendes Ergebnis für die von Scoot verwendeten Flugzeuge Boeing 787-8 und 787-9.

CO2-Impact eines Economy-Fluges von Berlin nach Singapur mit Boeing 787-8
CO2-Impact eines Business-Calss-Fluges von Berlin nach Singapur mit Boeing 787-8

Scoot bestuhlt die Boeing 787-8 mit 18 Business-Class-Sitzen und 311 Economy-Sitzen (Sitzplan). Damit ergibt sich bei voll ausgelasteter Maschine ein CO2-Impact von 311 * 2,064t + 18 * 3,870t = 711,564 t für den Flug nach Singapur.

Für den Flug nach Sydney wird die größere Boeing 787-9 verwendet. Sie hat 340 Economy-Class-Sitze und 35 Business-Class-Plätze. Der CO2-Impact beträgt 1,174t bzw. 2,202t für Economy und Business-Class.

Für den gesamten Flug Singapur-Sydney sind es 340*1,174t + 35 * 2,202t = 476,23t. Die Berechnung für die gesamte Reise Berlin–Sydney ist nicht so einfach, denn in der Singapur-Sydney-Maschine sitzen auch Menschen, die nicht aus Berlin kommen, da die 787-9 ja größer ist als die 787-8.11 Rechnet man den Anteil der Berliner*innen aus, ergeben sich 417,812t. Insgesamt ergibt sich für Berlin–Sydney also ein CO2-Impact von 1129,376t. Für den Hin- und Rückflug ergeben sich 2258,752t. Diese entsprechen 610,474t Kohlenstoff.

Die 329 Menschen haben also 0,61 Menschenleben auf dem Gewissen.

Quellen

Bressler, R. Daniel. 2021. The mortality cost of carbon. nature communications 12(4467). 1–12. (doi:10.1038/s41467-021-24487-w)

dpa. 2022. Somalia steht vor einer Hungerkatastrophe. Frankfurter Allgemeine Zeitung. (https://m.faz.net/agenturmeldungen/dpa/somalia-steht-vor-einer-hungerkatastrophe-18087575.amp.html)

Katz, Jerrold J. 1970. Interpretative semantics vs. generative semantics. Foundations of Language 6(2). 220– 259.

Mihatsch, Christian. 2019. Neue Initiative German Zero: Deutschland bis 2035 klimaneutral. klimareporter°. (https://www.klimareporter.de/deutschland/germanzero-will-deutschland-klimaneutral-machen)

Parncutt, Richard. 2019. The Human Cost of Anthropogenic Global Warming: Semi-Quantitative Prediction and the 1,000-Tonne Rule. Frontiers in Psychology 10(2323). 1–17. (doi:10.3389/fpsyg.2019.02323)

reuters. 2022. Über 300 Tote nach starken Unwettern in Südafrika. (https://www.youtube.com/watch?v=UbiNdHDLM2k)

tagesschau. 31.01.2019: Rekord-Kältewelle in weiten Teilen der USA. (https://www.youtube.com/watch?v=21aPphgfBk4)

tagesschau. 01.07.2021. Hohe Temperaturen im Nordwesten: Hunderte Hitzetote in Kanada. (https://www.tagesschau.de/ausland/hitze-kanada-103.html)

tagesschau. 21.07.2021: Starkregen in China: Mindestens 12 Menschen sterben. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-893071.html)

tagesschau. 11.06.2022 20 Uhr. Somalia droht Hungerkatastrophe: Dürrekrise und Folgen des Ukraine-Krieges. (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-1044713.html)

Vitense-Lukat, Nicola. 2022. Vielerorts fehlt auch Wasser: Tödliche Hitze: Fast 50 Grad in Indien. Panorama. ZDF. (Heute.) (https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/indien-hitze-klima-folgen-100.html#xtor=CS5-62)

Wierzbicka, Anna. 1975. Why “kill” does not mean “cause to die”: The semantics of action sentences. Foun­dations of Language 13(4). 491–528.

Wikipedia. 2022. Hochwasser in West- und Mitteleuropa 2021. (https://de.wikipedia.org/wiki/Hochwasser_in_West-_und_Mitteleuropa_2021)

  1. Parncatt (2019: 6) schreibt dazu: „Conversely, exaggeration should be avoided. Sociologist and human rights activist Jean Ziegler claimed that every child who dies of hunger is “murdered” (United Nations, 2002). He was right to attract attention to a very serious problem. But in everyday and legal usage, “murder” involves premeditated malicious intention, whereas “manslaughter” does not. The politicians and corporate CEOs most responsible for child mortality through hunger do not intend to kill anyone.“

    (Übersetzung: Umgekehrt sollten Übertreibungen vermieden werden. Der Soziologe und Menschenrechtsaktivist Jean Ziegler hat behauptet, dass jedes Kind, das an Hunger stirbt, „ermordet“ wird (Vereinte Nationen, 2002). Er hat zu Recht die Aufmerksamkeit auf ein sehr ernstes Problem gelenkt. Doch im alltäglichen und juristischen Sprachgebrauch setzt „Mord“ eine vorsätzliche böswillige Absicht voraus, während dies bei „Totschlag“ nicht der Fall ist. Die Politiker und Konzernchefs, die maßgeblich für die Kindersterblichkeit durch Hunger verantwortlich sind, haben nicht die Absicht, jemanden zu töten.) Anmerkung: manslaughter schließt im amerikanischen Recht fahrlässige Tötung mit ein.

  2. dpa-Meldung vom 08.06.2022: Somalia steht nach UN-Angaben an der Schwelle zu einer Hungerkatastrophe. In der vierten Regenzeit in Folge hat es dort 40 bis 70% zu wenig geregnet. Die Ernte ist praktisch ausgefallen. Rund 7,1 Millionen Menschen – das sind etwa 45 Prozent der Einwohner – hätten Probleme, genügend Essen für ihre Familien zu besorgen. Seit Mitte April sei die Zahl der am schwersten Betroffenen um 160 Prozent auf 213.000 gestiegen. Ihnen drohe der Hungertod. Seit Mitte 2021 seien rund drei Millionen Tiere wegen der Dürre und Krankheiten verendet. Dazu trägt auch der Klimawandel bei. Die Temperaturen werden in Somalia bis 2080 um 3,54 Grad steigen und das Land im Sommer somit praktisch unbewohnbar. 1,5 Millionen Kindern droht nach FAO-Angaben akute Mangelernährung. Auch Tagesschau 11.06.2022: Schlimmste Düre seit 40 Jahren.
  3. In Indien waren es in diesem Frühjahr schon vor den normalen Hitzeperioden fast 50°. Siehe ZDF-Bericht.
  4. tagesschau. 01.07.2021. Hohe Temperaturen im Nordwesten: Hunderte Hitzetote in Kanada.
  5. tagesschau. 31.01.2019: Rekord-Kältewelle in weiten Teilen der USA. Die Kälte führt zu Toten unter Obdachlosen.
  6. Zum Beispiel in der U-Bahn, die von Starkregen geflutet wird (China, New York).
  7. 220 Tote und 46 Mrd Euro Schaden. (Wikipedia: Hochwasser in West- und Mitteleuropa 2021)
  8. in round figures, 109 rich people are in the process of prematurely ending the lives of 109 future poor people.
  9. 220 Tote und 46 Mrd Euro Schaden. (Wikipedia: Hochwasser in West- und Mitteleuropa 2021)
  10. Therefore, flying should be made more expensive (e.g. by carbon taxes) and reserved for emergencies and life-saving projects.
  11. Natürlich wollen auch nicht alle in der Berliner Maschine nach Sydney weiterreisen. Das ist aber für die Berechnung egal, denn es geht um die Anteile. Wenn heute nur 250 nach Sydney wollen und beim nächsten Flug wieder 250, kann man sich ein virtuelles Flugzeug mit genau 329 Insassen berechnen. Das hat dann den Impact, den ich hier ausgerechnet habe.

4 Gedanken zu „Sind Fluggäste Mörder?

  1. Gilt kill=“töten“ als Standard-Beispiel nur für den Vorgang des Zerlegens oder auch dafür, dass dadurch ein besseres Verständnis ermöglicht wird?
    In Jura ist es jedenfalls nicht unüblich Begriffe so zu definieren, dass man mit der Definition nicht schlauer ist als zuvor. Nicht absichtlich, sondern weil es wohl nicht besser geht.

    Es kommt letztlich auf (subjektive) Wertungsfragen an, ohne die man oftmals keinen Schritt weiter kommt: Wer hat (auch) den Übergang in den Zustand des Nicht-lebendig-seins bewirkt bei KZ-Häftlingen und Todesopfern an der DDR-Grenze? Hat die Sekretärin im KZ, die „nur“ den laufenden Betrieb aufrecht erhalten hat, auch getötet? Haben die SED-Politbüromitglieder auch getötet? Die Frage lässt sich nicht wirklich einfacher (im Sinne von eindeutiger) beantworten, wenn man stattdessen nach dem „bewirken“ fragt.

    Oder für jeden Leser etwas konkreter: Haben Konsumenten am Ende der Lieferketten auch den Tod der Opfer am Anfang der Lieferketten bewirkt (ein Bsp. für viele: https://de.wikipedia.org/wiki/Geb%C3%A4udeeinsturz_in_Sabhar)?

    Haben Fußballfans den Tod von ca. 15.000 Gastarbeitern für die Fußball-WM in Katar bewirkt?

    Und aktuell: Bewirken wir Deutschen den Tod von Menschen, wenn wir die Ukraine bei der (vermeintlichen) Verteidigung von Demokratie und Freiheit unterstützen? (Wie? Ich habe ukrainische Frauen und Kinder getötet? Ich habe doch gar nichts gemacht, habe nur meine Solidarität mit der Ukraine bekundet (und mit dafür gesorgt, dass der Krieg nicht beendet wird und Waffen geliefert werden.))

    Juristisch läuft das beim Fliegen auf die Frage hinaus, ob das „Bewirken“ des Todes objektiv zurechenbar ist, s. https://de.wikipedia.org/wiki/Objektive_Zurechnung
    Das ist insbesondere dann nicht der Fall, wenn erlaubte Risiken geschaffen werden bzw. sog. sozialadäquates Verhalten vorliegt. Juristisch ist Fliegen sozialadäquat bzw. wird der damit verbundene CO2-Ausstoß als erlaubtes Risiko angesehen. -> (aktuell) keine Strafbarkeit.

    Unabhängig von der (aktuellen) juristischen Bewertung, die sich natürlich ändern kann, wäre aber zu fragen, warum nun gerade das Fliegen beim CO2-Ausstoß so herausgehoben werden sollte:
    Denn bei deinem Beispiel fliegen 329 Passagiere gemeinsam. D.h. der Einzelne hat nur einen Anteil von 1/329 an den Folgen des Hin- und Rückflugs. Also pro Passagier ergeben sich dann nur 2259:329=6,86t CO2. Diese 6,86t wären dann der effektive CO2-Anteil am Tod eines Menschen, für den es nach deinen Angaben 3.700t CO2 bedarf. Einerseits sind 6,86 relativ wenig im Vergleich zu 3.700, andererseits tauchen vergleichbare 6,86t CO2 im Emissions-Alltag der Menschen doch vergleichsweise häufig auf. Du verbrauchst bspw. im Jahr ca. 5,69t CO2, der Durchschnitt in D lag 2018 bei 11,6t (lt. vorherigem Blog-Beitrag). D.h. der individuelle Jahresverbrauch von Menschen schwankt um den Durchschnitt in der Größenordnung des Sydney-Fluges. Um das besser beurteilen und einordnen zu können, wäre eine Häufigkeitsverteilung der individuellen CO2-Fußabdrücke hilfreich. Gibts die irgendwo?

    Abgesehen davon: Das ist alles viel zu komplex. Wenn der Ukraine-Krieg und der Wirtschafts-Krieg mit Russland und den Auswirkungen weiter anhält Energie-/Rohstoff-Versorgung -> Inflation -> Rezession -> Wohlstandsverlust -> soziale Verwerfungen -> Rechtsruck in D sind die Prioritäten ohnehin erstmal andere. Wenn dann Trump nochmal wiedergewählt wird und die Konflikte mit China eskalieren …

    Solange eine Fußball-WM in einem Land wie Katar stattfinden kann (bei dem dazu bekannten Hintergrund), muss man sich doch eingestehen, dass die Wirkung von rationaler Aufklärung nur sehr begrenzt ist.

    • Es mag sein, dass das immer (??) alles (??) zu komplex sein mag. Dennoch kommt es mir sowohl so vor, als wären Begründungen wie die Ihre entweder das Neue „Wir haben nichts gewusst“ als auch eine (angebliche?) Rechtfertigung dessen, dass das eigene Handeln so lange unverändert erhalten bleiben darf(!!), wie es unverboten ist, etwas daran zu ändern. Für mich gilt auch weiterhin: Viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten können durch viele kleine Schritte das Gesicht der Welt verändern.

      Ja, vielleicht kann weder das veränderte Verhalten des Verfassers noch das meine wirklich die Welt retten aka die Klimakatastrophe aufhalten. Es erscheint mir dennoch sinnvoll, wenigstens etwas zu tun.

      • Mein Kommentar war eigentlich nicht als Rechtfertigung gedacht, sein eigenes Verhalten nicht zu ändern!

        Kernaussage ist: Warum sich die „Mordanklage“ des Artikel ausgerechnet nur gegen Fluggäste richtet?

        Fliegen hat zwar einen RELATIV hohen CO2-Ausstoß. Aber nicht so hoch, wie er nicht auch durch andere Aktivitäten des täglichen Lebens bei sehr vielen Menschen im Laufe eines Jahres zusammen kommt. D.h. Menschen, die nur ganz selten und nicht so weit fliegen, können rechnerisch viel weniger Menschen auf dem Gewissen haben, als Nie-Flieger, die für mehr CO2-Emissionen durch andere Ursachen verantwortlich sind. Und Sydney ist auch sehr extrem: wie viele Menschen waren jemals in Australien?

        Mit Hilfe des CO2-Rechners des Umweltbundesamtes kann man ganz konkret selber nachrechnen, wie viele Menschen man nach der im Artikel genannten Formel bereits umgebracht hat bzw. noch voraussichtlich umbringen wird. http://uba.co2-rechner.de/de_DE/

        Auf einem der Fotos hält eine Frau das Cover von „The Illusion of Green Flying“ hoch. – Entsprechen also „The Illusion of Green Living“!

        Das bedeutet NICHT, dass es egal ist, ob man fliegt oder nicht. Natürlich ist es für die CO2-Bilanz besser, wenn man nicht fliegt. Aber das gilt für JEDES CO2-verursachende Verhalten: es ist für´s CO2 besser, es zu unterlassen!

        Jeder Mensch lebt auf Kosten anderer Menschen, egal ob er fliegt oder nicht. Entsprechend sollte er sich Verhalten. Machen aber bekanntlich nicht genügend.

        • Es lebt nicht jeder Mensch auf Kosten anderer. Es gibt krasse Nord-Süd-Unterschiede. Gerade Menschen, die beruflich fliegen (Akademiker*innen), fliegen oft viel. Da gibt es extreme Unterschiede. Ich habe in meinem Leben 89 Tonnen durch Flüge verursacht. (Ist auch irgendwo verlinkt.) Und wie Du sagst: Man kann mit einem Flug so viel zerstören, wie man durch andere Aktivitäten mitunter in einem Jahr verpulvert. Ganz am Anfang des Artikels steht, dass es um CO2 allgemein geht und dass das Flugbeispiel nur verdeutlichen soll, was wir anrichten. Du kannst mit dem CO2-Rechner ausrechnen, wie viele Jahre Du noch weiter so leben kannst, wenn das CO2-Budget für 1,5° eingehalten werden soll. Leider haben wir alle einen bestimmten Sockelbetrag, unter den wir hier in Deutschland nicht kommen, auch wenn wir sparsam leben. Das kann nur die Politik ändern. Kohleausstieg, erneuerbare Energien, Einsparungen.

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