Ich habe mir mal den Klima-Impakt von Kreuzfahrten angeschaut. Dass Kreuzfahrten aus verschiedenen Gründen abzulehnen sind, war mir schon klar: Klimaschutz, Umweltschutz, Gesundheitsschutz, Übertourismus. Die meisten Schiffe fahren noch mit schwefelhaltigem Schweröl. Die Verbrennung erzeugt CO2 und weitere schädliche Substanzen (Schwefeldioxid SOx, Stickoxide NOx und Feinstaub). Das CO2 ist schlecht für’s Klima, die anderen Abgase schädigen die Reisenden und die Menschen in den Häfen. Neuere Schiffe fahren mit LNG (Liquified Natural Gas, verflüssigtes Erdgas = Methan), was die Probleme mit den schädlichen Abgasen behebt, aber Methan ist ein Klimagas, das 28 bzw. nach neuen Studien sogar 33 Mal schädlicher ist als das CO2 (siehe Wikipedia: Treibhauspotential Methan), und bei der Erzeugung von LNG gibt es den so genannten Methanschlupf. Wegen Undichtigkeit von Rohren bei der Förderung entweicht Methan in die Atmosphäre, aber auch in den Motoren bei der Verbrennung gibt es einen Methanschlupf. Methan zerfällt zwar schneller als CO2, die Klimawirkung ist jedoch auch sehr viel größer. Bei der Verbrennung von Methan für den Antrieb/die Energiegewinnung im Schiff wird dann auch CO2 freigesetzt.
Der Spiegel schreibt dazu:
Der Haken: Die CO2-Emissionen eines LNG-Kreuzfahrtschiffs sind nur etwas geringer. Aida Cruises spricht von minus 20 Prozent im Vergleich zu einem Marinediesel-Schiff. Tui Cruises geht von zehn Prozent weniger Emissionen aus, wenn man die gesamte Lieferkette von der Produktion bis zur Nutzung berücksichtigt.
Neuere Studien gehen davon aus, dass LNG sogar schädlicher als Marinediesel ist (Pavlenko et. al. 2020):
Eine Alternative, die elektrische Antriebstechnik mit Batterien ist nur für kürzere Strecken geeignet. Was Flüssiggas (LNG) angeht, das seit einigen Jahren zumindest als mögliche Brückentechnologie galt und das Kreuzfahrtreedereien mittlerweile gern als „grün“ vermarkten, so wird dieses in aktuellen Studien wegen seiner Methangasemissionen sogar als wesentlich klimaschädlicher als Marinediesel bewertet. Wasserstoff gilt als zukunftsträchtig, erfordert aber aufwändige Drucktanks sowohl an Bord der Schiffe wie an Land bei Lagerung und Transport.
Man könnte denken, dass Kreuzfahrten ein Randphänomen seien, aber dem ist nicht so. Die Zahl der Kreuzfahrten steigt ständig. Während 2010 noch 19,10 Millionen Menschen eine Kreuzfahrt unternahmen, waren es 2025 bereits 37,70, wie die folgende Grafik mit Cruise Lines International Association-Daten zeigt:
Entwicklung der Passagiere der Hochseeschifffahrt von 2010–2025 laut CLIA aus Wikipedia-Eintrag über Kreuzfahrtschiff
Kreuzfahrten sorgen weltweit für 3% des CO2-Ausstoßes. Also mehr als der Ausstoß Deutschalnds, der bei 2% liegt (für 1% der Weltbevölkerung).
Die Weltreise
Ich möchte im Folgenden mal anhand einer Beispielkreuzfahrt vorrechnen, welche Konsequenzen eine halbjährliche Schiffahrt hat. AIDA Cruises bietet Weltreisen an. Diese dauern 144 Tage und das folgende Bild zeigt die Route für 2027/2028 mit genauen Daten.
Weltreise 2027 in 144 Tagen mit der AIDAdiva mit 2500 anderen Passagieren
Die Daten des Schiffes AIDAdiva findet man in Wikipedia: Es wird mit Diesel- oder Schweröl betrieben und bietet Platz für 2500 Passagiere. Strom für Sauna, Party und Beleuchtung wird mit Dieselgeneratoren erzeugt.
Man kann nun versuchen auszurechnen, wie viel CO2 eine Person auf dieser Reise ausstößt. Auf Wikipedia findet man dazu diesen Satz:
Der Ausstoß von Treibhausgasen pro Passagier*in und zurückgelegtem Kilometer variiert jedoch sehr stark zwischen den verschiedenen Reedereien. Auf Basis der Daten für den Europäischen Markt (THETIS-MRV) reicht der Treibhausgasausstoß von unter 200 bis über 900 g CO2 pro Passagierkilometer – je nach Reederei ein Unterschied um mehr als das Vierfache.
Die 144-tägige Reise hat eine Länge von über 40.000 Seemeilen. Eine Seemeile sind 1852m, d.h. die Reise ist über 74.080 km lang. Setzt man 200g CO2 pro Passagierkilometer als untere Grenze an, bekommt man 74.000*2.500*200 = 37.000.000.000g = 37.000 Tonnen. Mit 74.000*2.500*900, also der oberen Grenze der Abschätzung ergeben sich 166.500 Tonnen.
37.000 Tonnen CO2 entsprechen 10.000 Tonnen verbranntem Kohlenstoff. Und 166.500 Tonnen 45.000. Parncutt (2019) hat die 1000-Tonnen-Regel aufgestellt, wonach 1000 Tonnen verbrannter Kohlenstoff einem zukünftigen Klimatoten entsprechen (zu einem Vergleich verschiedener Abschätzungen siehe Abschätzung der Tode, die wir durch unsere Treibhausgas-Emissionen verursachen). Das bedeutet, dass die 2.500 Menschen gemeinsam zwischen 10 und 45 Menschen töten werden.
Bei dieser Rechnung wurden nur Personenkilometer berücksichtigt. Es gibt aber auch noch Tage, an denen das Schiff im Hafen liegt. Auch im Hafen muss es mit Energie versorgt werden. Das kommt aus den Dieselgeneratoren (es sei denn das Schiff verfügt über einen Landstromanschluss und der Hafen über eine entsprechende Gegenstelle). Außerdem muss man die Kabinengröße berücksichtigen. Je größer die Kabine, desto mehr vom Kraftstoff muss man sich als Person zurechnen lassen.
Kabinenpreise auf der AIDA mit 8000€ Frühbucherrabatt.
Bei myclimate.org kann man den CO2-Ausstoß in Abhängigkeit von der Kabinengröße, der Schiffsgröße, der Reisezeit und den Tagen an Land berechnen. Für ein Schiff mit 2.500 Passagieren, 144 Tagen Reisezeit und 22 Landtagen ergibt sich bei einer Belegung der Kabine mit zwei Personen ein CO2-Ausstoß pro Person von 54,1 Tonnen. (Bei einer Suite wären es 65,6 Tonnen.)
Berechnung der Klima-Impacts bei myclimate.org für 144 Tage Kreuzfahrt mit 22 Tagen Landgang und einer Schiffsgröße von 2500 Passagieren.
Zum Vergleich: Der durchschnittliche Jahresausstoß eines/einer Deutschen beträgt zur Zeit 10,3 Tonnen. Wer auf Kreuzfahrt geht, muss seine Wohnung dennoch beheizen und hat auch im restlichen halben Jahr noch einen CO2-Fußabdruck. Also mal schlapp 50 Tonnen zusätzlich.
2.500*54,1 Tonnen = 135.250 Tonnen CO2. Das entspricht 36.554 Tonnen Kohlenstoff, also 36 Klimatoten.
Anders als bei Flügen, sind bei Kreuzfahrten garantiert keine dienstlichen Fahrten dabei. Es geht also um den puren Lustgewinn.
Experiment: Würdest Du es auch direkt tun?
Hier ein kleines Experiment: Wenn man eine Vorrichtung konstruieren würde, an die 2.500 Menschen angeschlossen sind, die gemeinsam einen Vorgang auslösen müssen, der dann 35 Menschen tötet, würdest Du daran mitwirken, wenn Du etwas ganz Tolles für diesen Mord bekämest? Nein? Warum nicht? Was ist der Unterschied zur Kreuzfahrt? Wie sähe es aus, wenn man nicht wüsste, welcher Abzug entscheidend ist? Wenn nur das Abdrücken von 30% der 2500 an das Auslösen der Morde gekoppelt ist? Du Dir hinterher immer sagen könntest, dass vielleicht nicht Dein Handeln zu den Morden geführt hat. Wie wäre das? (siehe zu diesem Experiment auch Fliegen tötet. Würdest Du es auch direkt tun? Ein Experiment)
Klimaschutz: „Aber ich bin doch vegan!“
Hier gibt es noch einen Beitrag von extra3 zu veganen Kreuzfahrten:
Der Punkt ist: Im Vergleich zu einem veganen Leben ist eine Kreuzfahrt so CO2-intensiv, dass das vegane Essen Pillepalle ist. Menschen beruhigen sich mitunter damit, dass sie eine Handlung vollziehen, wo eigentlich mehrere nötig wären. Das nennen Psycholog*innen Single Action Bias. „Ich wähle ja schon die Grünen, da kann ich auch fliegen.“ „Ich lebe ja vegetarisch, da kann ich auch eine Kreuzfahrt machen.“ Das Ziel ist Klimaneutralität. Das lässt sich nur erreichen, indem die Emissionen auf Null gesenkt oder zumindest so weit reduziert werden, dass der Rest anderweitig kompensiert werden kann. Die Kreuzschifffahrt strebt das für 2050 an. So lange die Probleme nicht gelöst sind, sollte man keine Kreuzschifffahrten machen UND auf Fleisch verzichten UND nicht fliegen UND jemanden wählen, der die Klimakatastrophe ernst nimmt. Niemand ist perfekt, keiner schafft alles, aber Kreuzfahrten sollte man einfach nicht machen und das Fliegen immer weiter reduzieren. Das Klimaproblem können wir letztendlich nur gemeinschaftlich lösen. Es ist deshalb wichtig, richtig zu wählen und sich in gesellschaftliche Prozesse einzubringen. Siehe auch Warum individuelle Verhaltensänderungen wichtig sind.
Niko Paech hat 2019 gesagt: „Zu fliegen ist das größte Umweltverbrechen, das man als Einzelperson legal begehen kann.“ Er lag falsch. Eine Kreuzfahrt ist das größte Umweltverbrechen, dass man legal begehen kann. Nun ja, vielleicht lag er doch richtig, denn in dem halben Jahr Kreuzfahrt könnte man auch mehrfach nach Sydney fliegen und damit in kürzerer Zeit größere Schäden anrichten. (Zu den Flügen nach Sydney siehe Sind Fluggäste Mörder? und Abschätzung der Tode, die wir durch unsere Treibhausgas-Emissionen verursachen.)
Bleibt am Boden und an Land und nähret Euch redlich!1
Quellen
Bressler, R. Daniel. 2021. The mortality cost of carbon. nature communications 12(4467). 1–12. (doi:10.1038/s41467-021-24487-w)
Parncutt, Richard. 2019. The human cost of anthropogenic global warming: Semi-quantitative prediction and the 1,000-Tonne Rule. frontiers in Psychology 10(2323). 1–17. (doi:10.3389/fpsyg.2019.02323)
Pearce, Joshua M. & Parncutt, Richard. 2023. Quantifying global greenhouse gas emissions in human deaths to guide energy policy. Energies 16(6074). 1–20. (doi:10.3390/en16166074)
Gestern war ich beim Scientists Responsibility Summit und hörte einen Vortrag von Michael Brüggemann (Universität Hamburg) mit dem Titel: How can disruptive climate protests be transformative? Inferences from media debates on Fridays for Future and Last Generation in Germany (Wie kann disruptiver Klimaprotest transformativ sein? Schlüsse aus der Diskussion von Fridays for Future und der Letzten Generation in den Medien.
Alter und Zusammensetzung der Gruppen
Michael Brüggemann merkte irgendwann an, dass die deutschen Fernsehzuschauer*innen im Fernsehen Menschen in ihrer Altersgruppe bevorzugen, weshalb es von Fridays for Future gut gewesen wäre, dass sie mit den Scientist For Future zusammengegangen wären.
In der Diskussionsphase habe ich angemerkt, dass die Letzte Generation die diverseste Klimagruppe in Deutschland gewesen ist. Alle Altersgruppen von 16 bis 86 waren vertreten.
Ronja, 16, blockiert mit dem Aufstand der Letzten Generation eine Straße in Berlin. Das Licht in ihren Augen kommt von den Scheinwerfern des Autos vor dem sie sitzt. Danziger Straße/Prenzlauer Allee, Berlin, 21.11.2022Polizist wendet Nervendrucktechniken gegen 16jährigen Aktivisten der Letzten Generation an. Dieser schreit vor Schmerzen. Drei andere kräftige Polizisten stehen dabei. Sie hätten ihn ohne Probleme transportieren können. Dieser Einsatz von Polizeigewalt muss wohl als Folter gewertet werden. Nach Besetzung der Frankfurter Allee, Berlin, 13.04.2024Zivilpolizisten tragen die 86jährige Aktivistin Jutta Heusinger von der Straße. Sie war Lehrerin an einer Hauptschule und hat im Audiobereich beim Bayrischen Rundfunk gearbeitet unter dem Namen Leskien. Während der Blockade Mollstraße/Prenzlauer Allee, Berlin, 19.09.2023Ernst Hörmann (72, 8 Enkel), Aktivist vom Aufstand der Letzten Generation, bei der erkennungsdienstlichen Behandlung nach der Blockade der A100, Berlin, 04.02.22
Es gab eine weite Streuung unter den Berufen. Vom Geigenbauer, Krankenpfleger*innen, zum Ingenieur, über Physiker, die Gasturbinen entwickelt haben, Soziolog*innen, Biolog*innen, Köche, Zerspanungsfacharbeiter, Menschen aus der Automobilindustrie in Umschulung zu Elektrofacharbeitern, Pfarrer*innen, Nachrichtensprecher*innen, Hörspielautorinnen, Kirchenmusiker*innen, Afrikanist*innen, Umweltingenieure, Qualitätsmanager, Vertriebler*innen, Künstler*innen, Elektriker*innen, Tischler*innen (auch mit Meister), Ärzt*innen, (Kinder)psycholog*innen, Druckereibesitzer*innen, Designer*innen, Ökonom*innen, Sexarbeiter*innen, Informatiker*innen, Tanzlehrer*innen, Schauspieler*innen, Schüler*innen, Lehrer*innen, Student*innen, promovierte und Professoren und sogar eine Hauptkommissarin der Polizei (Portraits von Aktivist*innen mit Altersangabe und Beruf, Menschen der LG Ü50). Menschen mit Behinderungen, die auch immer wieder an Aktionen teilgenommen haben. Neurodiverse Menschen und auch diverse nicht Neurodiverse. Queere und Transpersonen. Menschen ohne Kinder, Menschen mit vielen Kindern (ich weiß von einer Mutter mit vier Kindern und Ernst Hörmann hat 8 Enkel). Menschen aus dem Osten und dem Westen Deutschlands, Menschen aus verschiedenen Regionen.
Slow walk der Letzten Generation. Penelope Frank wird von der Straße getragen. Aktivistenhände sind zu sehen, die anklagend auf die Polizisten weisen, weil diese vorher Penelope Frank den Arm verdreht und somit nicht das mildeste Mittel verwendet haben. Penelope Frank war vorher mehrfach auf die Straße zurückgelaufen. Sie ist eine Trans-Aktivistin. Rotes Rathaus, Berlin, 24.03.2023Protestmarsch der Letzten Generation vom Brandenburger Tor zur Siegessäule, links vorn Almut Bellmann, Pfarrerin aus Berlin, in der Mitte mit Weste Sonja Manderbach, Kirchenmusikerin, zweite Reihe mit weißem Kittel Dr. Nana-Maria Grüning, Biologin von Scientist Rebellion, und Prof. Dr. Anne Bolliot, dahinter mit weißen Haaren Edmund Schultz, Berlin, 06.05.23Rollstuhlfahrer mit Schild „Schützt die Aktionen der Letzten Generation“ bei der zweite Massenblockade der Letzten Generation und anderer Klimagruppen an der Siegessäule, im Hintergrund Christian Bläul, Berlin, 28.10.2023Eva von der Letzten Generation verteilt im Mauerpark Info-Material. Berlin, 22.10.2023Letzte Generation blockiert mit Mietwagen Autobahn. In der Mitte ein Rollstuhlfahrer, Messe Nord, 28.09.2023
Aus der Web-Übertragung merkte jemand an, dass die Letzte Generation nicht divers sei, weil es keine People of Color gegeben habe. Das ist nicht richtig, denn Sarah Kaden war Aktivistin der Letzten Generation. Mir sind noch zwei weitere bekannt, einer mit vietnamesischem Hintergrund.
Sarah Kaden und Anja Windl, Aktivistinnen der Letzten Generation, in Handschellen nach Blockade des Potsdamer Platzes, Berlin, 06.10.2023
Ansonsten sind zwei Dinge anzumerken: Die Letzte Generation hat anders als andere Klimagruppen immer mit offenem Gesicht und oft mit Angabe des Namens gearbeitet. (Sonst wären mir diese auch nicht bekannt.) Die Aktivist*innen haben die Repressionen in Kauf genommen und haben immer brav ihren Ausweis vorgezeigt, wenn die Polizei kam. Das ist für People of Color nicht so einfach möglich. Zweitens bedeutet die Verwendung des Komparativs nicht unbedingt, dass der Positiv gelten muss. Beispiel: Aus: Die Ameise ist größer als die Schlupfwespe. folgt nicht, dass die Ameise groß ist. Aus der Verwendung des Superlativs folgt auch nicht, dass ein mögliches Maximum erreicht wird. Beispiel: Von diesen drei Männern ist Klaus am klügsten. kann wahr sein, ohne das Klaus normalerweise als klug zu bezeichnen wäre. Also: Daraus, dass die Letzte Generation diverser als andere Bewegungen ist, folgt nicht, dass sie alle Kriterien für Diversheit erfüllt hat.
Brüggemann scheint derselbe Fehler unterlaufen zu sein, der immer wieder in den Medien zu beobachten war. Es wurde immer wieder von „jungen Menschen“ gesprochen, obwohl die Teams bei Pressekonferenzen so aussahen:
Bei der Pressekonferenz der Letzten Generation zur nächsten Protestwelle in Berlin hält Prof. Dr. Nikolaus Froitzheim (65, Strukturgeologe) ein Blatt mit den Temperaturentwicklungen der Meeresoberfläche in die Kameras. Er antwortet damit auf die Frage nach der Beliebtheit und den Protestformen der Letzten Generation. Links von ihm Rolf Meyer (56, Physiker), rechts Hauptkommissarin Chiara Malz und Pressesprecherin Clara Hinrichs, Lina Johnsen, Kanzleramt, Berlin, 08.09.2023
Zusammengefasst: Wenn Medien jemanden in der Altersgruppe ihres Zielpublikums gesucht hätten, hätten sie jemanden finden können. Vom Kinderkanal bis zum Schunkeltreff auf ARD oder ZDF.
Aktionsformen und Disruption
Brüggemann zeigte genau dasselbe Unverständnis für die Aktionsformen der Letzten Generation wie die Kommentatoren in den Zeitschriften, die er untersucht hatte. So stellte er fest, dass der Auto- und Flugverkehr klimaschädlich sind und dass man deshalb entsprechende Blockaden nachvollziehen könne, aber Beschmadderung von Kunstwerken oder das Besprühen von Universitätsgebäuden sei nicht nachvollziehbar.
Besonders empört war er wegen einer Farbattacke auf Gebäude der Uni Hamburg, denn die Forscher*innen dort seien doch die Allies (Verbündeten) der Klimabewegung.
Michael Brüggemann spricht beim Scientists Responsibility Summit, Humboldt-Universität zu Berlin, 11.10.2025
Auch diese Aussagen bzgl. der Letzten Generation sind befremdlich, denn die Letzte Generation hat immer wieder in Pressemitteilungen und Interviews ihre Strategie und ihre Protestform erklärt. Die Proteste waren so ausgelegt, dass sie maximal disruptiv waren bzw. maximal Aufmerksamkeit erregten. Sie sollten die Menschen wachrütteln und auf das Problem der Klimakatastrophe hinweisen. Es ging nicht um den oder die einzelne Autofahrerin. Die Attacken auf Kunstwerke waren genau für Bildungsbürger*innen wie Michael Brüggemann (und mich) gedacht, die mit dem Fahrrad zur Uni fahren und die kilometerlange Staus auf Autobahnen nicht betreffen. In der Tat haben diese Attacken gegen Kunstwerke mich als Bildschaffenden am meisten bewegt, auch wenn schnell klar wurde, dass die Kunstwerke hinter Glas waren bzw. der Holzrahmen, an den sich Aktivist*innen angeklebt hatten, kein altes Original war.
Lina Eichler vom Aufstand der letzten Generation deeskaliert bei Straßenblockade am Hauptbahnhof. Sie erklärt aufgebrachten Autofahrern, warum blockiert wurde. Am Morgen desselben Tages wurde sie von einem Fahrer eines Lieferwagens mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Berlin, 22.08.2022
Die auf maximale Aufmerksamkeit ausgerichteten Proteste wurde in den Medien nicht verstanden oder bewusst anders geframet. Als Protestforscher sollte man das aber wissen und von der Medienberichterstattung trennen, die man untersucht.
Allianzen
Wenn man sagt, die Fridays seien strategisch geschickter gewesen, weil sie Allianzen mit den Scientists gebildet hätten, dann ist das unzulässig, denn es gab neben der Letzten Generation auch die Scientist Rebellion.
Wissenschaftler von Scientist Rebellion blockieren die Kronprinzenbrücke in Berlin, um auf die dramatischen Folgen der Kliamkatastrophe laut IPCC-Bericht hinzuweisen. In der Mitte mit Pyro Prof. Dr. Nikolaus Froitzheim, Geologe aus Bonn, Kronprinzenbrücke, Berlin, 06.04.22
Beide sind als Schwesterorganisationen anzusehen und haben auch gemeinsame Aktionen durchgeführt.
Aktivistinnen der Letzten Generation blockieren gemeinsam mit Scientist Rebellion den World Health Summit 2022 in Berlin. 16.10.2022
Eine weitere Zusammenarbeit eines Hungerstreiks, der unabhängig von der Letzten Generation stattgefunden hat, aber von Aktivist*innen der Letzten Generation organisiert wurde, gab es ebenfalls mit Scientist Rebellion und sogar auch mit den Psychologists for Future und den Scientists for Future. Die S4F haben die vier Forderungen der Hungerstreikenden unterstützt (nachdem sie eine kleine Korrektur angeregt hatten). Die Psychologists haben sich der Unterstürzung angeschlossen.
Pressekonferenz von „Hungern bis Ihr ehrlich seid“ Am 62. Tag des Hungerstreiks. vlnr: Wolfgang Metzeler-Kick, 49, Umweltingenieur, Dr. Bernhard Steinberger, Scientists 4 Future, Lea Dohm, Psychologists 4 Future, Adrian Lack, ab heute im stillen Hungerstreik, Marlen Stolze, Moderatorin, PD Dr. Susanne Koch, Scientist Rebellion und betreuende Ärztin, Michael Winter, 22. Tag im Hungerstreik, BMI von 16. Ganz rechts außen Lebenspartnerin von WMK. Links im Bild die Forderungen. Hungerstreikcamp, Invalidenpark, Berlin, 07.05.2024
Aktivitäten der Letzten Generation
Die Letzte Generation hat nicht nur disruptiv protestiert. Sie haben auch für die EU-Wahl kandidiert, mit über 100.000 Stimmen in Bremen! Sie haben Haustürgespräche geführt, sie haben in Kirchen mit Gemeinden gesprochen, sie waren in Polizeischulen unterwegs und haben dort Polizist*innen erklärt, was sie tun und warum.
Letztendlich ist das alles aber egal, weil sich die Medien bewusst oder unbewusst dafür entschieden haben, sich auf die Krawallaspekte zu konzentrieren.
Protestformen von Fridays for Future
Jemand meinte in der Kaffeepause, dass ihm FFF zu lahm sei. Dazu muss man anmerken, dass die ursprüngliche Form der Schulstreiks eine radikale Form zivilen Ungehorsams war. Die Schüler*innen haben nicht das gemacht, was sie sollten. Das ware ein enormer Aufreger.
Profi von morgen auf Fridays For Future Demonstration in Berlin, 15.03.2019
Christian Lindner, FDP, ein inzwischen in Vergessenheit geratener Politiker, fand, die Kinder sollten mal zur Schule gehen und die Angelegenheit den Profis überlassen, woraufhin sich Scientist for Future gründete und als Profis den Jugendlichen bestätigte, dass ihr Anliegen berechtigt sei.
Es gab später Überlegungen mit Extinction Rebellion (XR) gemeinsam zu protestieren, weshalb das August Rise Up auch nicht Rebellion Week genannt wurde, sondern ein neutralerer, offener Name gewählt wurde. Verschiedene Ortsgruppen von FFF werden unter den Gruppen, die sich beteiligen auch genannt (August Rise Up! Wer wir sind, 12.10.2025). Insgesamt hat sich FFF dann aber wohl gegen eine Teilnahme entschieden.
Geklebte Aktivistin von Animal Rebellion wird von Polizei gelöst, Blockade Landwirtschaftsministerium durch verschiedene Klimagruppen beim August Rise Up!, Berlin, 19.08.2021Breites Bündnis an Klimagruppen unterstützte das August Rise Up! Direkt vor der Bundestagswahl im Jahr 2021. Die Letzte Generation entwickelte sich aus dem Hungerstreik, der direkt nach dem August Rise Up! begann. Quelle: August Rise Up! Wer wir sind, 12.10.2025
Jedoch gab es eineige Monate später eine gemeinsame Blockade mit XR und anderen. Nach einem Protestmarsch von FFF sind Aktivist*innen verschiedener Klimagruppen zurückgekommen und haben vor der SPD-Parteizentrale die Straße blockiert. Carla Reemtsma und Pauline Brünger haben für FFF gesprochen. Man beachte die Traktoren!
Blockade der SPD-Parteizentrale durch Klimaaktivisten und Klimaaktivistinnen von Friday For Future, Extinction Rebellion und anderen Gruppierungen, Berlin, 22.10.2021Pauline Brünger und Carla Reemtsma von Fridays For Future sprechen auf einem Traktor bei der Blockade der SPD-Parteizentrale, Berlin, 22.10.2021
Luisa Neubauer war auch vor Ort, aber da war ich schon weg.
Ich finde es verständlich, dass FFF sich zurückgehalten hat, schließlich waren und sind sie auch für Kinder und sehr junge Jugendliche verantwortlich.
Übrigens war die Letzte Generation ab einem gewissen Zeitpunkt auch bei den internationalen Klimastreiks von Fridays for Future dabei. 2023 stellte die Letzte Generation sogar den größten Demoblock.
Aktivist*innen der Letzten Genration beim 13. globalen Klimastreik von Fridays for Future, Berlin, 15.09.2023
Klimaproteste und Scientist for Future
In der Diskussion sagte Nana-Maria Grüning promovierte Biologin mit Promotion in Cambridge: Nein, die Wissenschaftler*innen seien nicht ihre Allies (Verbündeten). Sie säßen in ihren Büros und ließen ein paar Kinder den Protest machen.
Nana-Maria Grüning hat Recht, wenn sie darauf verweist, dass FFF die großen Proteste angestoßen hat. Letztendlich war es Greta Thunberg, die sich über das gemeinschaftliche Verdrängen hinweggesetzt und damit eine weltweite Bewegung ausgelöst hat. (Extinction Rebellion hat sich etwa zeitgleich aus diversen Vorläuferorganisationen entwickelt.)
Dann aber haben die Scientist for Future auch einige Zeit mit FFF gemeinsame Aktionen gemacht.
Alles gesagt: Schweigemarsch der Scientists for Future unterstützt von Fridays For Future und Students For Future am Bundeskanzlerinamt, Berlin, 15.11.2019
Auch gab es ab 2019 bis zum Beginn der Corona-Lockdowns „Streiks“, die denen von FFF ähnelten. Das lief unter Researchstrejk. Gisbert Fanselows Idee war, dass jeden Tag eine andere Berufsgruppe streiken sollte. Freitags die Schüler*innen, Mittwochs die Uni-Mitarbeiter*innen, Montags die Busfahrer*innen, Dienstags die Müll-Menschen … Diese Aktionen sind unter Climatewednesday.org dokumentiert. Sie fanden in Form von Mahnwachen und öffentlichen Lehrveranstaltungen in Berlin, Potsdam und Leipzig statt. Es waren so ca. 100 Wissenschaftler*innen beteiligt.
Researchmittagspause in Potsdam vor dem Bildungsforum, Mitte karriert Prof. Dr. Gisbert Fanselow und Dr. Hartmut Ehmler, vorn weißes T-Shirt Lorena Valdivia-Steel, Potsdam, 12.06.2019Forschungspause mit Wissenschaftler*innen von der HU, FU und aus Potsdam vor der FU Berlin. Gelbes Shirt: Prof. Uli Reich, daneben in Rot: Dr. Bernhard Steinberger,kariert Dr. Hartmut Ehmler, rot Lorena Valdivia-Steel, weiß rechts Prof. Dr. Judith Meinschäfer, vorn kariert Gisbert Fanselow. 05.06.2019Forschungspause am Klimahäuschen der Humboldt-Universität. Hinten Stefan Müller, vorn mit Warming Stripes Prof. Dr. Christoph Schneider, Klimageograph, der später Vizepräsident der HU wurde, Berlin, 18.09.2019
Diese Mahnwachen waren mit den Lockdowns sinnlos geworden, weil die Universitäten geschlossen waren.
Das verwaiste Klimahäuschen an der Humboldt-Universität in Corona-Zeiten, 15.05.2020
Später veranstaltet Berlin for Future die Klimamontage, ein besseres Konzept mit Vorträgen und Musik.
Der Researchstrejk fand in den Medien kein Interesse, obwohl es sogar eine unterstützende Pressemeldung von der HU-Öffentlichkeitsarbeit (Gemeinsam für mehr Klimaschutz, 02.07.2019) und eine Erwähnung in der taz gab (taz, 17.08.2019). Es gab Berichte, diese bezogen sich aber ausschließlich auf die Selbstverpflichtungsaktion zum Verzicht auf Kurzstreckenflüge. Übersicht) Wahrscheinlich wurde der Researchstrejk durch die viel interessanteren Schulstreiks überlagert.
Also: Es gab Wissenschaftler*innen von Scientists for Future, die Formen disruptiven Protests angedacht hatten. Das war allerdings eine kleine Gruppe, die auf Berlin, Potsdam und Leipzig begrenzt war. Diese Anmerkung ist also eher ein historisch interessanter Hinweis, der nichts daran ändert, dass Menschen aus der Klimabewegung, die die Klimakatastrophe mit der ihr gebührenden Dringlichkeit behandelten, Wissenschaftler*innen egal welcher Fachrichtungen nicht als ihre Verbündeten ansahen, sondern als Menschen, die es aus ihrer Passivität und Verdrängung zu reißen galt.
Zusammenfassung
Es existieren in den Medien und eventuell auch dadurch bedingt in der Forschung falsche Vorstellungen darüber, was die Ziele und Methoden bestimmter Klimagruppen sind bzw. waren. Auch gibt es immer noch Klischees bezüglich der Zusammensetzung der Gruppen.
Telschow, Fabian. 2005. Sind koordinierte Lehrplanboykotte von Wissenschaftler:innen als Dringlichkeitssignal zur Klimakrise irgendwann notwendig? (doi:10.5281/zenodo.15331596)
Doris Akrap schreibt in der taz über Urlaub am Mittelmeer. Das ist nicht weiter schlimm, ich war auch gerade zu einer Konferenz am Mittelmeer. In Barcelona. Mit dem Zug. Es war eine schöne Reise über Paris mit dem Nachtzug nach La Tour de Carol und von da mit der Regionalbahn nach Barcelona. Rückzu 14:39 ab Barcelona, 19:00 an in Berlin. Also 28:21 Stunden Fahrzeit. Bei der Diskussion auf der Genossenschaftsversammlung im letzten September hat die taz beschlossen, keine taz-Reisen mehr anzubieten, bei denen das Reiseziel nur per Flug erreichbar ist. Es bleiben aber viele innereuropäische Reiseziele bei denen die Reisenden eben auch mit dem Flugzeug anreisen, da die Anreise in Eigenverantwortung geschieht.
Doris Akrap gibt den Tipp, nicht in der Hauptsaison zu fahren und stellt fest, dass man ja mit Kindern auch zu den Oster-, Pfingst- oder Herbstferien fahren könne:
Wozu der Stress? Kinder, die zur Schule müssen, haben auch Oster-, Pfingst- oder Herbstferien. Am Mittelmeer finden sich prima Verstecke für Haseneier und das Frühjahr zieht hier dem Außenbereich Klamotten an, die von Claudia Roth entworfen worden sein könnten. Die meisten Hotel- und Apartmentanlagen haben außerdem einen Pool, der in der Vorsaison beheizt werden kann.
Akrap, Doris, Endlich Sommerferien: Ab in den Süden? taz, 26.07.2025
Die Pfingstferien bestehen aus den Pfingstfeiertagen und einem zusätzlichen Tag (07.06.–10.06.2025). In Jahren wie 2024 gab es nicht mal diesen zusätzlichen Tag. Wenn man also mit der Bahn ans Mittelmeer fahren würde, könnte man gerade mal die Füße eintauchen und wieder abfahren. Wenn man ans Mittelmeer fliegt, hätte man zwei Tage vor Ort und zwei Reisetage.
Ich bin entsetzt, dass die taz bzw. Doris Akrap nicht reflektierter ist. Ich war in Barcelona im Meer. Die Wassertemperatur war 27,2°. Die Tiere im Meer sterben. Es ist zu heiß.
Wassertemperatur in Barcelona nach seetemperature.info. Abgerufen 27.07.2025
Wir sind mitten in der Klimakatastrophe.
Zu allem Überfluss weist Doris Arkap auch noch darauf hin, dass die Pools in der Off-Season ja beheizt werden können. Ja, das ist unser fossiler Lebensstil. Fühlt sich großartig an. Ist wie Heizpilz vor dem Cafe im Winter. Und das nach dem heißesten Juni, der je gemessen wurde. Juni ist Nebensaison, wohlgemerkt.
Am 05.06.2025 fand an verschiedenen Universitäten der Circle U ein Klimatag statt. In Berlin gab es eine Diskussionsveranstaltung mit dem Titel „Science is ignored: Why are we still teaching (climate) scientists?“ statt. Ausgangspunkt der Diskussion war ein Papier von Dr. Fabian Telschow, der vorgeschlagen hatte, einen Lehrstreik zu organisieren. Statt zu lehren, sollten Akademiker*innen mit der nicht-akademischen Bevölkerung in Kontakt treten und die Situation erklären, die sofortiges Handeln erfordert und kein weiteres Pillepalle (Angela Merkel) zulässt. Bei der Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass in anderen Ländern politische Veränderungen oft von Universitäten und Student*innen ausgehen würden.
Podiumsdiskussion zur Klimakrise mit Prof. Dr. Niko Froitzheim, Samira Ghandour, Fridays for Future, Prof. Dr. Mark Lawrence, Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit Potsdam, Dr. Judith Enders, Uni Leipzig, und Dr. Fabian Telschow, Grimm-Zentrum, Humboldt-Universität zu Berlin, 05.06.2025
Der Moderator Fabian Telschow wies darauf hin, dass man schlecht von anderen Gruppen verlangen könne, dass diese aktiv werden und bat die Anwesenden darzulegen, was sie sich für ihre eigene Gruppe als Beitrag zur Überwindung der Klimakrise vorstellen könnten. Prof. Dr. Mark Lawrence (Direktor des RIFS Potsdam) antwortete darauf, dass er nur eine Lehrveranstaltung pro Jahr geben würde und diese wichtig sei, aber es wäre doch gut, wenn alle Wissenschaftler*innen sich in Bezug auf CO2-Ausstoß vorbildlich verhalten würden: nicht fliegen, Ökostrom benutzen, kein Fleisch essen, Auto abschaffen, google statt ChatGPT benutzen, weil Anfragen an ChatGPT wesentlich mehr Energie verbrauchen als Anfragen an Google, usw. Diese Antwort hat mich erschüttert. Im Raum und auch auf dem Podium saßen Klimaaktivist*innen, die sich mit ihren Körpern für eine Änderung der Klimapolitik eingesetzt haben, die versucht haben, um jeden Preis Aufmerksamkeit auf ein drängendes Problem zu lenken, und der Vorschlag ist, dass doch alle Wissenschaftler*innen individuell weniger CO2 ausstoßen sollen? Während gleichzeitig die Erhöhung der fossilen Subventionen (Pendlerpauschale) und der Neubau von Gaskraftwerken beschlossen werden? Die Fossilindustrie würde sich schlapplachen, wenn sie denn von dieser Diskussionsveranstaltung irgendetwas mitbekommen würde. Letztendlich hat British Petrol ja die Sache mit dem ökologischen Fußabdruck gepuscht, um von der Verantwortung der Fossilkonzerne abzulenken und alle mit sich selbst zu beschäftigen.
Das konnte es nicht sein.
Aber was dann?
Rückblick: Die vergangenen sechs Jahre
Was ist in den letzten Jahren passiert und was wurde damit erreicht? Es gab in den letzten Jahrzehnten immer wieder Aktionen von NGOs. 2014 gab es eine größere Energiewendedemo mit Seeed. Breitenwirksamkeit erreichte die Klimabewegung aber erst Ende 2018–Anfang 2019 mit den Schulstreiks von Fridays for Future, einem ersten Akt zivilen Ungehorsams. Die Schüler fragten sich zu Recht, warum sie denn in die Schule gehen sollten, wenn sie doch überhaupt keine Zukunft haben. (Jedenfalls nicht so eine, wie wir sie hatten.)
wöchentliche Schulstreiks von Fridays for Future (wöchentlich, bis? Corona?)
globale Klimastreiks von Fridays for Future (zwei Mal im Jahr, 2019 bis jetzt, die Forderung 2019 war Klimaneutralität bis 2025)
Organisation von Scientists for Future. 26.000 Wissenschaftler*innen im deutschsprachigen Raum unterschrieben eine gemeinsame Stellungnahme
Unterstützung von FFF als Faktchecker
Ausarbeitung von Handlungsempfehlungen für die Regierungen in Arbeitsgruppen
wöchentliche Forschungsstreiks bzw. eine Forschungsmittagspause von ca. 100 Wissenschaftler*innen im Raum Berlin/Brandenburg und Leipzig (Wednesdays for climate)
Klimamontag von Berlin for Future: monatliche Versammlungen mit Musik und Reden
Klima after Work: wöchentliche lockere Zusammenkunft mit Vorträgen
Demos, Die Ins, Kunstaktionen, Mediationen, Straßenblockaden durch Extinction Rebellion (2019 bis jetzt)
Flughafenblockaden durch Extinction Rebellion, Am Boden belieben und Robin Wood (2019, 2020): Tegel, BER, Leipzig
Gründung der Partei radikal:klima bzw. Klimaliste 08/2020
Demokratiefestival im Olympiastadion für Klimaschutz mit großer Spendencampagne, Beteiligung berühmter Bands, Spendensumme wurde erreicht, Festival wegen Corona abgesagt, Beteiligung von FFF und S4F
Besetzung von Lützerath
Hungerstreik 2021, aus dem die Letzte Generation entstanden ist, zum Schluss trockener Hungerstreik von Henning Jeschke
Ab 2022 Aktionen der Letzten Generation in hoher Frequenz
Straßenblockaden
Hafenblockaden
Flughafenblockaden: BER, München, ???
Abdrehen von Pipelines
Störungen von Events (Autorennen, Fußball, Berlin-Marathon, Operaufführungen)
Attacken auf Bilder hinter Glas und Ankleben an wertlosen Holzrahmen
Besetzung des Naturkundemuseums und Ankleben an Stangen neben den Saurieren
Besprühen des Brandenburger Tors
Farbattacken auf das Verkehrsministerium mit einem Feuerwehrauto
Farbattacken auf das Bundeskanzleramt
Absägen von Weihnachtsbäumen
Stören von Veranstaltungen (Gas-Gipfel)
Gründung einer politischen Gruppierung, die bei den Europawahlen angetreten ist
Scientist Rebellion
Paper Pastings bei Banken, wissenschaftlichen Konferenzen
Blockade von Straßen
Blockade von Veranstaltungen (World Health Summit)
diverse Gerichtsverfahren gegen die Bundesregierung oder Firmen (Klagen von FFF, S4F, Deutsche Umwelthilfe)
Fahrraddemos (ADFC, Respect Cyclists)
jährliche Demo von „Wir haben es satt“ zur Ernährungs- und Agrarwende
Stadtradeln
Öko-Apps, die den Nutzer*innen Tipps geben, wie sie sich ökologisch verhalten können.
Diese Aufzählung hat einen starken Berlin-Fokus und ist garantiert nicht vollständig. Eine Liste von Berliner Klimagruppen wurde von der TU Berlin zusammengestellt: Datenbank Klimainitiativen.
Was waren die Ziele und was wurde erreicht? Eine Forderung von Extinction Rebellion war 2019 die Klimaneutralität bis 2025. Es ist abzusehen, dass diese bis zum Ende des Jahres nicht erreicht sein wird.
Die schwarz-rote Regierung unter Angela Merkel verabschiedete 2019 ein Klimapäckchen, obwohl 1,4 Mio Menschen mit Fridays for Future auf der Straße waren. Bei den Wahlen zum Bundestag 2021 waren die Grünen trotz massivem Gegenwind von Organisationen wie der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft erfolgreich und konnten in der Bundesregierung Ministerien besetzen. Matthias Döpfner, Millardär und Besitzer von Springer, schrieb an Reichelt „Please stärke die FDP. Wenn die sehr stark sind können sie in Ampel so autoritär auftreten dass die platzt.“. Der Plan war, dass eine Ampel-Koalition gebildet wurde, bis die Union aus Sicht Döpfners fähigeres Personal zur Verfügung hatte (Zeit, 16/2023, taz, 21.04.2023). Wie wir wissen, ist der Plan wie gewünscht durchgezogen worden. Porsche war über die FDP direkt an der Regierung beteiligt (taz 25.07.2022) und die FDP verhinderte weitergehende ökosoziale Umbauten und ließ die Koalition dann letztendlich auch scheitern. Die Ampel-Koalition verfehlte die Sektorenziele in zwei Bereichen: Verkehr und Bauen. Der Sachverständigenrat fand die Ergebnisse im Bereich Verkehr so schlecht, dass er sich weigerte, überhaupt weiter zu prüfen. Das Ergebnis war, dass die Ampel die Sektoren im Klimaschutzgesetz komplett abschaffte.
Das Ergebnis der vorgezogenen Wahlen im Jahr 2025 ist, dass die CDU den Kanzler stellt und die SPD sehr geschwächt wurde. Die neue Regierung besteht aus einem ehemaligen Blackrock-Manager als Bundeskanzler (Blackrock ist Teil der Fossil-Industrie, siehe Männer, die die Welt verbrennen), einer Klimawandelleugnerin als Bundesforschungsministerin (Sendung Maischberger, Klimaextreme kritisch betrachtet, 11.10.2017), die sich selbst „Erfahrungsklimawissenschaftlerin“ nennt, und einer Energie-Lobbyistin, die jetzt Ministerin für Wirtschaft und Energie ist und neue Gaskraftwerke bauen will.
Also was sind die Optionen? Was kann man tun?
Viele Demos und Aktivitäten fanden einfach mit Corona ihr Ende. Corona hat die Menschen verändert. Die Teilnehmerzahlen von Demos sind wesentlich niedriger als vorher. Als Fotograf kenne ich viele Demonstrant*innen und Aktivist*innen vom Sehen. Ich kann feststellen, dass die Teilnehmerzahlen und Gruppengrößen sich um bis zum Faktor Hundert verkleinert haben. Das ist ein allgemeines Phänomen, nicht nur im Bereich Klima zu beobachten. Bewegungsforscher*innen sagen, dass Bewegungen meist eine Zeit von fünf Jahren haben und dass die Klimabewegung schon gut ist, weil sie überhaupt noch da ist. Aber auch bei dieser Bewegung kann man feststellen, dass viele einfach nicht mehr können. Ausgebrannt sind. In Depressionen versinken. Verzweifeln ob der täglichen neuen Katastrophennachrichten und der Untätigkeit und Ignoranz ihrer Mitmenschen.
Also was sind die Optionen? Was kann man tun?
Mehr Demos? Neu Demos? Neue Aktionen? Bei einem Bundeskanzler, der Millionen Menschen, die gegen Rechtsextremismus demonstrieren, als linke Spinner bezeichnet und ihre Anliegen einfach abtut? Einen Bundeskanzler, dessen Hass gegen schutzsuchende Menschen oder einfach nur arme Menschen so groß ist, dass er mit der AfD gemeinsame Sache macht? Wird er zu zittern beginnen, wenn Herr Lawrence, Frau Göpel, Frau Kempfert, Frau Schmidt, Frau Meyer und Herr Müller statt ChatGPT Google verwenden und auf Ökostrom umstellen? Wird er dann einsehen, dass ein Tempolimit eine geile Sache ist, die nichts kostet, CO2-Emissionen reduziert und Menschenleben rettet? Wird er die Bahn ausbauen lassen und das 9-Euro-Ticket zurückholen? Wird er Privatflieger verbieten oder limitieren oder verteuern? Die Pendlerpauschale abschaffen oder auslaufen lassen?
Nein. Wird er nicht.
Der Plan
Ich war entsetzt, als ich den Vorschlag mit den individuellen Verhaltensänderungen gehört hatte. Das kann man als Vorschlag zur Lösung eines regionalen, nationalen, internationalen Problems nicht bringen. Aber nach einigem Nachdenken und der Feststellung, dass es keine neuen Optionen mehr gibt, es wurde einfach schon alles probiert, ist mir klar geworden, dass man auch die individuellen Verhaltensänderungen als Teil des neuen Plans braucht.
Also: Was wir brauchen ist eine Megapetition, die gleichzeitig eine Art virtuelle Partei ist. Eine Petition, die von 10 oder 20 Millionen Menschen unterschrieben wird, deren einziges Ziel der Erhalt der Menschheit ist, das heißt, das Aufhalten der globalen Erwärmung und der Stopp des Artensterbens. Diese 20 Millionen Menschen werden ein Machtfaktor bei Wahlen und bei Gesprächen davor sein. Laut Bundesumweltamt halten 88% der deutschen Bevölkerung Umwelt- und Klimaschutz für wichtig (54% sehr wichtig, 34% eher wichtig, repräsentative Umfrage, Studie 2024). Die 20 Millionen wären nur ein Bruchteil der 88% aber so organisiert ein Machtfaktor, den auch Blackrock-Manager nicht ignorieren können.
Wie ich schon gesagt habe, sind die Elemente des Plans nicht neu. Sie sind nur anders zusammengesetzt. Wolfgang Oels (COO Ecosia) hatte bei Klima after Work die Idee, dass jeder jedes Mal noch einen mitbringt und dann würde sich die Teilnehmerzahl jede Woche verdoppeln, so dass bald 10 Mio Menschen zu den Versammlungen kämen, die man dann nicht mehr ignorieren könne. Zum Jahresende waren es eher 10 als 10 Millionen, aber es war dennoch schön.
Rebel for Life: Kleines Kind mit Extinction-Rebellion-Jacke und Oma for Future beim ersten Klima after Work, Im Hintergrund mit Mütze Antonio Rohrßen von der Klimaliste Berlin, Invalidenpark vor dem Klimaministerium, Berlin, 01.07.2022
Die Frage ist, wie man auf 10 oder 20 Millionen kommen kann. Hier kommen Fuß- und Handabdruck ins Spiel: Es kann nicht einfach jeder die Petition unterschrieben. Wer unterschreibt muss glaubhaft versichern, dass er sich bemüht, seinen CO2–Fußabdruck zu minimieren. Dafür sind mögliche Parameter:
Bahn/Bus/Rad statt Flugzeug
Verzicht auf Kurzstreckenflüge
Ökostromvertrag
geringer Energieverbrauch (Elektroenergie)
geringer Heizenergieverbrauch
Balkonsolar / Solarstrom
Wärmepumpe
Heizung auf max. 20°
Heizung auf mehr als 20°, aber ein Grad weniger als früher
autofreies Leben in der Stadt
autofreies Leben auf dem Land
Stilllegung des Autos / eines Autos bei Mehr-PKW-Haushalten
Vermeidung von KI-Anwendungen (Ecosia statt ChatGPT)
Spenden an NGOs (Deutsche Umwelthilfe, BUND, GreenPeace) oder aktivistische Gruppen
grünes Investment
nur in ökologische Anlagen
nicht in Fossilindustrie
Wie man an der Liste schon sieht, kann man verschiedene dieser Dinge erfüllen. Man kann diese Punkte gewichten und somit die Unterzeichner*innen in einen Wettbewerb treten lassen. Das ist der Gamification-Aspekt. Auch das gab und gibt es schon in Form diverser Öko-Apps. Nun kommt aber die Kombination von Petition und Öko-Spiel dazu. Wenn ich 10 Millionen Menschen habe, die angeben, dass sie etwas dafür tun, dass ihr Petitionsziel ernst genommen wird, 10 Millionen Menschen, die sich mehr oder wenig klimakompatibel oder sagen wir klimaorientiert verhalten, dann ist das etwas Anderes als die 500ste Petition auf open Dingsbums, die irgendwelche Internetdudes durchgeklickt haben. OK. British Petrol hat gewonnen, weil 10 Mio Leute sich nur mit sich selbst beschäftigen und sich fertig machen, weil sie den Fehler bei sich suchen? Nicht ganz. Das Konzept, das gegen den Fußabdruck entwickelt wurde, ist der Handabdruck. Beim Fußabdruck kann man irgendwann nicht mehr weiterkommen. Wer nicht fliegt, kein Auto hat, im Passivhaus bei 19,5° lebt, einen extrem niedrigen Energiverbrauch hat, sich vegan, regional, saisonal, ökologisch ernährt, sein Geld in irgendwelche Klimafonds versenkt hat oder der Deutschen Umwelthilfe spendet, weil er sonst nicht konsumiert und es gar nicht braucht, was soll der noch tun? Der Handabdruck misst, wie viel man auf andere einwirkt, damit die etwas einsparen bzw. politisch bewegt, damit landesweit in großem Maße CO2 eingespart wird. Auch das kann man mit der Petition kombinieren. Wenn jemand andere dazu bringt, die Petition zu unterzeichnen (per Invite-Link), wird ihm das gutgeschrieben. Man kann also im Spiel vorankommen, dadurch, dass man mit anderen spricht. Über die Klimakatastrophe. Darüber, was man individuell tun kann.
Die Unterzeichnenden stimmen zu, dass die Organisator*innen der Petition ihnen maximal einmal im Monat eine Mail schicken dürfen. Zusätzliche Mails sind zulässig, wenn ein Ereignis eintritt, das wahrscheinlich der Klimakatastrophe zuzurechnen ist und bei dem mehr als fünf Personen zu Tode gekommen sind bzw. Schäden von über 100 Millionen Euro entstanden sind.
Die Petitionszeichner*innen bilden eine virtuelle Partei, deren einziges Ziel der Klimaschutz/Stopp des Artensterbens ist. In Zusammenarbeit mit den Scientist 4 Future werden vor Wahlen die Wahlprogramme analysiert und alle Zeichner*innen werden über die Ergebnisse informiert.
Im Unterschied zu Petitionen gibt es kein Ende der Zeichnungsfrist. Normalerweise zeichnen gegen Ende der Frist die meisten Menschen. Bei dieser Petition ist die Motivation zum Zeichnen durch die Gamification gegeben und es gibt Motivationsschübe bei Katastrophen.
Es wäre doch gelacht, wenn wir die 20 Millionen nicht zusammenbekämen.
Ziel der Petition
Als Ziel der Petition würde ich drei Punkte ansetzen:
Sozialverträglicher Umbau der Gesellschaft zum Erreichen der Klimaneutralität bis 2040
Sozialverträglicher Abbau von Subventionen fossiler Energieträger
Rückkehr zum Klimagesetz mit Sektorzielen, angepasst auf 2040
Die Forderung von „Hungern bis Ihr ehrlich seid“ war, dass die Bundesregierung Folgendes verkünden möge:
Der Fortbestand der menschlichen Zivilisation ist durch die Klimakatastrophe extrem gefährdet.
Der CO₂-Gehalt in der Luft ist viel zu hoch (0,42 ‰). Der Weltklimarat zeigt einen Weg (SSP1-1.9 “1,5°-Pfad”), mit dem die Menschheit die beste Überlebenschance hat.
Dieser Pfad hat einen Zielwert von 0,35 ‰ (bis zum Jahr 2150). Das bedeutet, es sind bereits jetzt hunderte Gigatonnen zu viel CO₂ in der Luft.
Wir müssen jetzt, wenn auch mit Jahren Verspätung, radikal umsteuern.
Forderungen von „Hungern bis ihr ehrlich seid“. Hungerstreikcamp, Spreebogenpark, Berlin, 07.04.2024
Klingt wie ein Plan, oder? Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht bin ich auch endgültig verrückt geworden. Meldet Euch, wenn Ihr mitmachen wollt. Wenn man es richtig machen will, braucht man mindestens eine Informatiker*in und eine Kommunikator*in, die sich kümmert. Vielleicht noch mehr.
Und fragt Euch, wer Ihr gewesen sein wollt!
Wolfgang Metzeler-Kick, 49, Ingenieur für technischen Umweltschutz am Tag 38 seines Hungerstreiks, wird aus dem Polizeikessel gebracht. Beugehebel an der Hand, Hand unter dem Kinn. Auf dem Plakat einer Frau steht: „Wer wollen wir gewesen sein?“. Nach Blockade der Frankfurter Allee, 13.04.2024
Ich habe Ihren Artikel in der taz vom 20.12.2024 als einen Angriff auf mein Leben, auf das Leben meiner Kinder und auf das Leben von Milliarden anderen Menschen wahrgenommen. Das mag als Erklärung für den nachdrücklichen Stil ausreichen.
Details
Im Tja, wo anfangen? Der Artikel befasst sich ausführlich mit meinem Artikel „Kipppunkt für unseren Klimaschutz“ in der taz. Er missversteht mich im Detail und in der allgemeinen Botschaft. Das Detail und die Beleidigungen lasse ich einfach mal beiseite, obwohl es den Philosophen wurmt, dass Argumentationsfehler unterstellt werden, die er nicht widerlegen soll.
Antwort von Bernward Gesang auf meinen Blog-Post.
Gerne können wir die Details ausdiskutieren. Sie können auch einen Gastbeitrag auf meinem Blog schreiben, wenn Sie möchten. Am Umfang meines Beitrags können Sie sehen, dass ich mich intensiv mit Ihrem Artikel auseinandergesetzt habe. Wenn ich wissenschaftliche Gutachten bekomme, die zeigen, dass Reviewer 2 mich total falsch verstanden hat, dann nehme ich das als Hinweis darauf, dass in meinem Aufsatz etwas unklar, schlecht formuliert war und versuche meinen Beitrag zu verbessern.
Beleidigungen und Clowns
Ich habe meinen Post noch einmal gelesen und kann keine Beleidigung darin entdecken. Vielleicht fühlen Sie sich durch die Clownspassage beleidigt:
Herr Gesang, in einer 4,8° wärmeren Welt wird es weder für Philosoph*innen noch für Sprachwissenschaftler*innen einen Platz geben. Wir wären unnütze Esser und auch körperlich nicht in der Lage, uns durchzusetzen. Vielleicht würde einer von uns beiden am Lagerfeuer geduldet, weil er witzig ist, aber zwei Clowns braucht keiner.
Aber diese Passage soll nur die Welt nach dem Zusammenbruch der Zivilisation beschreiben. Dass die menschliche Zivilisation gefährdet ist, sagen uns nicht nur Hungerstreikende aus der Klimabewegung, sondern auch die Fakt-Checking-Organisation Scientists For Future.
Forderungen von „Hungern bis ihr ehrlich seid“. Hungerstreikcamp, Spreebogenpark, Berlin, 07.04.2024
Das ist der Forschungsstand: Die Menschen werden wahrscheinlich nicht aussterben, aber es wird wesentlich weniger von uns geben, die Lebenserwartung wird sinken und das Leben der Menschen in der sich entfaltenden Klimakatastrophe wird nichts mit dem zu tun haben, was wir kennen und schätzen. Menschen haben 2024 fast 100 Tage dafür gehungert, diese Tatsache bekannt zu machen, und die Scientists For Future haben die wissenschaftliche Korrektheit der vier Punkte bestätigt und die Psychologists For Future haben die Forderung unterstützt.
Pressekonferenz von „Hungern bis Ihr ehrlich seid“ Am 62. Tag des Hungerstreiks. vlnr: Wolfgang Metzeler-Kick, 49, Umweltingenieur, Dr. Bernhard Steinberger, Scientists 4 Future, Lea Dohm, Psychologists 4 Future, Adrian Lack, ab heute im stillen Hungerstreik, Marlen Stolze, Moderatorin, PD Dr. Susanne Koch, Scientist Rebellion und betreuende Ärztin, Michael Winter, 22. Tag im Hungerstreik, BMI von 16. Ganz rechts außen Lebenspartnerin von WMK. Links im Bild die Forderungen. Hungerstreikcamp, Invalidenpark, Berlin, 07.05.2024
Ansonsten habe ich in der Clownspassage nur die Möglichkeit erwogen, dass Sie oder ich oder wir beide für witzig gehalten werden könnten und dass wir deshalb als unnütze Esser geduldet werden könnten. Wenn Sie nicht witzig sein wollen, dann entschuldige ich mich für diese Annahme. Es könnte auch sein, dass Sie in Ihrer Freizeit ein begnadeter Handwerker, Ingenieur oder Fallensteller sind. Auch auf diese Weise könnte ich Ihnen Unrecht getan haben. Aber: Sie werden für Ihre Aufsätze kein Essen mehr bekommen und bei 48° Höchsttemperatur werden Sie auch keine Landwirtschaft mehr betreiben können. Nur zur Erinnerung in Indien fallen die Vögel jetzt schon tot vom Himmel (rnd, 22.05.2022) und in Mexiko die Brüllaffen von den Bäumen (dpa-Meldung im Stern, 23.05.2024).
Schwarzer Brüllaffe, Bild: Steve Wikimedia, CC-BY-SA, 16.06.2007
Affen sind uns übrigens biologisch sehr nah. Wenn sie in der Hitze sterben, ist das auch für uns kein gutes Zeichen. Wenn niemand mehr Philosophen bezahlt, haben sie und Sie auch keine Mittel mehr, um Klimaanlagen zu bezahlen.
Irreführende Unterüberschrift der taz
Aber persönliche Rechtfertigung bringt uns in der Sache nicht wirklich weiter. Das größte Missverständnis in der Sache wird leider durch die taz befeuert, die in den Untertiteln des Beitrags, auf die der Autor keinen Einfluss hat, dass Fazit zieht, der Klimaschutz sei nun aufzugeben. Das ist nicht meine These!
Gut! Aber warum gab es in der taz bisher keine Richtigstellung? Ihr Artikel ist am 22.12.2024 erschienen und es gab bereits empörte Leserbriefe. Wieso haben Sie keine Gegendarstellung erwirkt?2 Wieso ist das zwei Wochen nach Erscheinen in der Online-Ausgabe immer noch genau so wie zum Erscheinen?
Das Milliardenprojekt Klimarettung ist mit der Wiederwahl Donald Trumps gescheitert. Ist unser Geld in Armutsbekämpfung besser investiert?
Ihre Antwort hier im Blog ist vom 04.01.2025. Heute ist der 08.01. Warum ist die Online-Version des Beitrags unverändert?3
Dass jemand anders Ihren Beitrag so zusammengefasst hat, sollte Ihnen auch zu denken geben. Ich war durch die Unterüberschrift geprimt, aber eine taz-Mitarbeiter*in muss das ja ohne ein solches Priming als die Kernaussage Ihres Beitrags gesehen haben.
Mängel im Ausdruck, in der Logik: Welche Rolle spielt Trump überhaupt in dem Argument?
Erstens, solange empirische Studien Zweifel haben, dass der Effekt der reaktionären Politik weltweit, wirklich so verheerend ist, wie befürchtet werden kann, muss man das ernst nehmen und weiterhin empirisch beobachten, ob nicht irgendwelche, sondern wesentliche Kipppunkte ausgelöst werden.
Was meinen Sie? Warum verwenden Sie Negationen (Zweifel) und Modalverben (kann)? Und Passiv. Warum „befürchtet werden kann“? Weil es möglich ist, dass es jemanden gibt, der etwas befürchtet? Sollten wir uns nicht mit denen auseinandersetzten, die etwas befürchten? Warum „empirisch beobachten“? Was soll das bedeuten? Wie soll man denn unempirisch beobachten? Das Wort hätten Sie beide Male weglassen können. Nun ja, vielleicht sehen sie die empirische Arbeit ja im Unterschied zu Ihrer eigenen. Dann könnte ich das verstehen, aber ich gehe eben davon aus, dass wir nur emperiebasiert entscheiden sollten.
Ihr Argument im ursprünglichen Artikel und in Ihrer Antwort ist so aufgebaut:
Trump wurde gewählt.
Trumps Politik wird schlecht für das Klima sein (obwohl Studien sagen, dass Trumps lokaler Einfluss nur 0,04° betragen wird).
Vielleicht gibt es international Nachahmer.
Eventuell werden wir (wesentliche) Kipppunkte erreichen.
Wenn wir diese Kipppunkte erreichen und nur dann, sollten wir anderen Klimaschutz betreiben.
Ich habe einen Energieexperten zitiert, der zeigt, dass die Energiewende im Sinne des Inflation Reduction Acts sehr weit fortgeschritten ist. So weit, dass die neue Form der Energiegewinnung nicht mehr umkehrbar ist. Wenn die „Studien Zweifel haben“, wie Sie in Ihrer Antwort schreiben, dann wäre das ja in meinem Sinne und nicht in Ihrem. Wie können Sie das als Voraussetzung in einem Argument zu Ihren Gunsten verwenden?
Erst dann sollte man erwägen, etwas zu verändern, bis dahin gilt sowieso weitermachen wie bisher. Das hatte ich am Ende des Textes klar formuliert.
OK. Wir laufen mit den aktuell geplanten Klimamaßnahmen auf 2,7° zu, wie ich oben im Blog-Beitrag erwähnt habe. Das bedeutet, dass wir ca. 1° über dem Pariser Ziel „deutlich unter 2°“ landen werden. Das bedeutet auch, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit die erste Gruppe von Kipppunkten gerissen würde. Das ist der aktuelle Stand ohne Trump-Effekte. Bitte erklären Sie mir die Relevanz Ihres Debattenbeitrags: Warum finden Sie, dass dieser Artikel jetzt geschrieben werden musste? Was hat Trump damit zu tun? Ihr Punkt wäre ja dann allgemeiner: Wenn wir, warum auch immer, die (ersten, wesentlichen, whatever, …) Kipppunkte nicht halten können, sollten wir anderen Klimaschutz machen. Punkt 1–3 im oben skizzierten Argument hätten Sie also weglassen können.
Klimaschutz beibehalten oder aufgeben?
Sodann hatte ich nie gefordert, allen Klimaschutz zur Disposition zu stellen. Wäre das gefordert, fragte sich in der Tat, wie man überhaupt einen Schlusspunkt von zum Beispiel 4,5° bei der Erderwärmung erzielen kann. Ich hatte zwischen Klimaschutz orientiert an den Zielen von Paris und Klimaschutz, der diese Ziele aufgibt unterschieden. Letzteren müssen wir natürlich in jedem Fall beibehalten!
Nicht schummeln: In Ihrem Szenario waren es 4,8°. Wenn ich Sie an Ihren Text erinnern darf:
Kann man es verantworten, diese Kosten-Nutzen-Abwägung zu ignorieren? Ist es sinnvoll, auf möglicherweise geringe Wahrscheinlichkeiten einen erheblichen Teil der volkswirtschaftlichen Ressourcen zu setzen? Zwar könnten wir neben der notwendigen Anpassung an Klimaschäden noch bewirken, dass der Klimawandel, nachdem entscheidende Kipppunkte gefallen sind, bei vielleicht 4,5 statt bei 4,8 Grad Celsius gestoppt wird. Das wäre zwar auch ein „Erfolg“. Dieser Erfolg wäre jedoch mit Klimaschutzpolitik, wie sie derzeit in Europa praktiziert wird, zu teuer erkauft.
4,5 vs. 4,8°. Das ist ein Unterschied! Ein wesentlicher! Und da sind wir ja an dem Punkt, der mich so aufregt, weshalb ich auch bei meiner Einschätzung bleibe, dass Sie nie wieder etwas über das Klima schreiben sollten: Der Klimaschutz zur Erreichung der Pariser Ziele besteht aus verschiedenen Komponenten und genau diese Komponenten brauchen wir auch, wenn wir die Klimaziele gerissen haben werden.
Wenn wir aufgrund reaktionärer Politik tatsächlich Kipppunkte auslösen,
Der Move mit der reaktionären Politik ist herzallerliebst, aber in Deutschland hatten wir gerade eine Rot-Grün-Gelbe Koalition, die das Klimaschutzgesetz abgeschafft hat. Es ist nicht nur Trump, der nicht klimaadäquat handelt. Aber Sie haben Recht, diese Art Politik, die Politik der Klimaleugner*innen kann alles noch wesentlich schlimmer machen.
die uns in gefährliche Dimensionen bringen, sind die Ziele von Paris Makulatur (ob das Verfassungsgericht uns auf sie, bzw. baldige Klimaneutralität festlegt oder nicht). Der Klimaschutz, der sich an ihnen orientiert, dann auch.
Der Denkfehler, und das habe ich in meinem Blog-Post versucht klarzumachen, ist, dass nach den gescheiterten 1,7 oder 1,8° nicht 4,8° das neue Ziel oder auch nur hinnehmbar ist. Es ist dann zwar so, dass es kein offizielles Ziel mehr gibt, dem alle Staaten zugestimmt hätten, aber im Sinne des Pariser Abkommens wäre das neue Ziel dann eben bei 1,75 oder 1,85°. So sieht es auch der UN-Generalsekretär. Das Video ist in meinem Beitrag und auch hier verlinkt: Jedes Zehntelgrad zählt!
Senken: Moore und Regenwälder
Es gibt aber auch andere Modelle, zum Beispiel Klimaschutz, der verstärkt auf Schutz von Senken wie Moore und Regenwälder setzt.
Gut, aber wieso das anderer Klimaschutz als der sein soll, den wir gerade betreiben, will mir nicht ganz einleuchten. Mein Bruder arbeitet an der Wiedervernässung von Mooren bei Bremen (Bremer Bildungsmoor). Die Humboldt-Universität zu Berlin möchte bis 2030 klimaneutral werden und denkt im Zuge dessen über Senken nach (siehe Klimaschutzkonzept Klimaschutzfond, S. 90, Kooperation mit Miles for Moor der Berliner Stiftung Naturschutz). Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) fördert das Moor-Projekt MOOReturn mit 4,3 Mio Euro (Pressemitteilung, 30.12.2024).
Den kann man gut mit Armutsbekämpfung verkoppeln, indem man etwa armen Bauern im Regenwald ermöglicht, ein ausreichendes Einkommen zu haben, damit sie Regenwälder nicht an Palmölkonzerne verkaufen müssen etc.
Ich möchte Ihnen dafür danken, dass Sie mich dazu gebracht haben, diese Dokumentation über den brasilianischen Regenwald zu schauen:
Darin kann man sehen, dass die Indigenen im Wald leben, dass sie eigentlich nichts außer dem Wald brauchen. Er ernährt sie. Es wird gesagt, dass Kleinbauern am Rande des Regenwalds schlimmer sind als die großen. Aber die leben auf Land, das bereits gerodet ist. Die Rodungen sind illegal. Brandrodungen, die auch bereits wieder aufgeforstetes Gebiet betreffen. Im Film wird auch thematisiert, was mit den Produkten der Großbauern passiert: Auf gigantischen Feldern wird Soja angebaut, das dann in die EU exportiert wird und hierzulande fressen es die Viecher, die wir dann fressen. Die Kleinbauern, die vorher irgendwo, natürlich nicht im Wald gelebt haben, werden enteignet, die Indigenen werden ermordet oder vertrieben. Im Film wird erklärt, wer in Brasilien in den Parlamenten sitzt: Die Großbauern haben die Macht. Ein Brasilien-Experte hat mir versichert, dass das unabhängig davon ist, wer gerade Präsident ist. Sie schlagen in Ihrer Antwort vor, dass man versuchen sollte, die Regenwälder zu retten. Sicher sollte man das, man könnte an die im Film beschriebene Initiative Yorenka Tasorentsi spenden, damit diese Gebiete aufkaufen kann. Allerdings ist das Problem mit dem illegalen Niederbrennen dann nicht gelöst. Hier sind politische Lösungen notwendig. Zum Beispiel kann man verlangen, dass es entwaldungsfreie Lieferketten gibt. An der Umsetzung einer entsprechenden EU-Verordnung arbeitet das BMEL: Das nationale Stakeholderforum für entwaldungsfreie Lieferketten. Das ist Teil des Klimaschutzes, der jetzt betrieben wird. Teil des Klimaschutzes, der im Rahmen des Pariser Abkommens betrieben wird, wogegen Sie argumentieren. Auf der privaten Ebene kann man zum Schutz der Regenwälder beitragen, indem man einfach auf pflanzenbasierte Ernährung umsteigt. Denkt man Ihre Vorschläge weiter, so bedeuten sie, dass wir als Land oder EU das Geld, das jetzt für Klimaschutz eingesetzt wird, in Brasilien an Bauern/Indigene/NGOs spenden, die damit in großem Stil Dinge tun, die dem widersprechen, was die brasilianische Politik tut. Das ist eine merkwürdige Form von Einflussnahme, die zu diplomatischen Verwicklungen führen dürfte.
Übrigens: Es wäre toll, wenn wir die Rodung des Regenwalds verhindern könnten, aber dadurch würden China, Indien, die USA und Europa kein Gram CO2 weniger ausstoßen. Ihr Klimaschutz, Herr Gesang, würde sich darauf beschränken, dass andere es nicht noch schlimmer machen, als es jetzt schon ist, zur Reduktion würde nichts beigetragen.
Kolonialistischer Ansatz: Kompensation woanders, wir machen weiter wie bisher
Ein Muster, das sich durch Ihre Vorschläge, die ich bisher in der taz gesehen habe, durchzieht, ist: Wir sollten uns nicht selbst ändern, sondern unsere Mittel irgendwo im Süden einsetzen, denn dort ist der erreichbare Effekt größer. Das ist eine Ansicht, die, wenn man von ganz weit oben auf die Welt schaut, zwar richtig ist, aber sie ist eben auch kolonialistisch. Sie nimmt den Menschen vor Ort die Möglichkeiten, selbst etwas zu tun. Im Jahr 2020/2021 hat die Themenklasse Nachhaltigkeit der Humboldt-Universität eine gute Arbeit zum Thema Dienstreisen vorgelegt (Themenklasse Nachhaltigkeit, 2021), in der es auch um Kompensation ging. Ich habe im Blog-Beitrag Dienstliche Flüge und CO2-Kompensation darüber geschrieben und auch Ihre früheren Vorschläge (Gebärstreik als Klimaschutz-Maßnahme Kinderlos fürs Klima? taz, 18.03.2024) kommentiert.
So ein nicht an Paris orientierter Klimaschutz wird etwa in F.J. Radermacher neuem Buch „All in!“ beschrieben. Dieser geht davon aus, Klimaneutralität erst 2070 zu erreichen, weil die Welt sich de facto entschlossen habe, fossile Ressourcen weiter zu nutzen. Deren fatale Wirkung soll durch Ausbau von CCS-Techniken abgefangen werden.
Ich habe mal geguckt, was so in dem Buch steht:
Wie gehen weltweiter Wohlstand und der Schutz des Planeten Hand in Hand? Antwort: Nicht gemäß der in Deutschland verfolgten Strategien. Global betrachtet ist der deutsche »All-Electric«-Ansatz ein Irrweg, denn die Entwicklungs- und Schwellenländer werden sich nicht verbieten lassen, ihre Ressourcen für ihre wirtschaftliche Entwicklung zu nutzen. Die reichen Länder haben ihre Ressourcen schließlich auch für ihre Vormachtstellung genutzt.
Die Welt braucht ein alternatives, realistisches Energiekonzept. Derzeit kommen mehr als 80 Prozent der globalen Primärenergie aus fossilen Energieträgern. Die Alternative muss pragmatisch und technologieoffen sein: Alle geeigneten Energie-quellen nutzen! Fossile mit Carbon Capture, Erneuerbare und Nuklearenergie. Alles, was bezahlbar, klimaneutral und sicher ist.
Verlagswerbung für Rademachers Buch „All in! Energie und Wohlstand für eine wachsende Welt“
Franz Josef Radermacher ist also vom Team Weiter-so+technologieoffen. Ich habe in meinem Blog-Post die Kosten für Energie aufgeführt. Atomenergie ist keine Option mehr. Kohle und Gas auch nicht.
Nicht, dass ich das auch fordern würde oder die gesetzten Prämissen plausibel fände, aber es ist eine Möglichkeit, den Gedanken an Klimaschutz nach Paris zu konkretisieren.
OK. Es gibt noch jemanden anders, der für Energieträger argumentiert, an denen einige wenige Menschen bzw. Firmen viel Geld verdienen können. Sie fordern das nicht und finden auch die Prämissen nicht plausibel. Aber was genau sollen wir aufgeben? Was ist zu teuer und warum? Und was würde es helfen, diese Ziele aufzugeben, wenn wir als Zivilisationen in der heutigen Form nur dann weiterbestehen können, wenn wir den Klimawandel stoppen, also klimaneutral werden, UND CO2 zurückholen. Zur Beachtung: CCS ist sehr energieintensiv. Es ist nur dann sinnvoll, CCS überhaupt zu betreiben, wenn die Rückholung mit Erneuerbaren Energien gemacht wird, denn sonst verwendet man einen Großteil der erzeugten Energie für die Rückgewinnung des CO2s. Es folgt also, dass man die Rückholung überhaupt nur für CO2 verwenden sollte, das nicht vermieden werden kann. Zum Beispiel CO2, das bei der Zementherstellung entsteht. Wobei man selbst hier vielleicht besser auf Neubau verzichten sollte bzw. in Holzbauweise bauen sollte.
Alles in allem möchte ich betonen, dass ich kein „Vordenker der Fossil-Lobby“ bin,
Das wäre dann auch eher ein NACHdenker.
sondern engagierter Klimaschützer, der sich anhand der katastrophalen neuen Gegebenheiten fragt, wie man angemessen darauf reagieren sollte. Maßstab dafür ist, wie sich am Ende die Bilanz in Form geretteter Leben darstellt.
Tja, dazu müssten Sie konkrete Vorschläge machen. Welche Flächen sollten erhalten werden? Was würde das kosten? Wie viel CO2 würde so eingespart werden?
Sie haben sich aber geweigert, diese Berechnungen anzustellen.
Natürlich wäre eine detaillierte Kosten-Nutzen-Analyse hilfreich. Die müsste die für den Klimaschutz aufzuwendenden Kosten mit den Wahrscheinlichkeiten vergleichen, den gewünschten Effekt zu erzielen. Allerdings fürchte ich, eine solche Analyse wäre wegen der Komplexität der Materie sowieso fehlerhaft.
Weil sie komplex sind. Weil sie Fehler enthalten können. Wissen Sie, was Tausende Wissenschaftler*innen weltweit seit Jahren tun? Sie versuchen, Wege zu finden, wie wir aus dem Schlamassel noch rauskommen können, in das wir uns seit einigen Jahrzehnten sehender Augen hineinmanövriert haben. Und jetzt sagen Sie: „Hey, Mädels und Jungs, ich hab was viel Besseres, nachrechnen möchte ich nicht, aber glaubt mir: Wenn wir das Geld irgendwie so einsetzen, dann können wir viel mehr Leben retten.“
Nochmal, was ich im ursprünglichen Blog-Post gesagt habe: Wenn wir bei 2,7° sind, werden wir zwar Kipppunkte gerissen haben, aber wir können dennoch nicht aufhören, denn es gibt weitere Kipppunkte, die erst bei höheren Temperaturen gerissen werden.
Elementare Logik-Fehler
Und noch ein Kardinalfehler in Ihrer Argumentation: Wenn Ihre Form von Klimaschutz besser wäre als die gegenwärtig praktizierte (mehr Leben retten könnte), dann wäre es unsinnig, erst darauf zu warten, dass Kipppunkte gerissen werden, denn nach den Kipppunkten kommen weiter Kipppunkte. Wenn Ihre Art Klimaschutz besser wäre, dann sollten wir sofort mit Ihrer Variante beginnen. Vorher sollten wir aber sicherheitshalber noch mal nachrechnen.
Ich hatte ja oben Ihr fünfteiliges Argument bereits auf die beiden Punkte hier reduziert:
Eventuell werden wir (wesentliche) Kipppunkte erreichen.
Wenn wir diese Kipppunkte erreichen und nur dann, sollten wir anderen Klimaschutz betreiben.
Davon bleibt nun nur noch:
Wir sollten anderen Klimaschutz betreiben.
Dafür haben Sie mit einer Zeitungsseite sehr viel Platz verbraucht. (Und zur Erinnerung: Sie hatten außer „armutsbekämpfendem Klimaschutz“ nichts zu den Details gesagt.)
Schlussfolgerung
Ich glaube, ich bleibe bei meiner Einschätzung: Sie sind entweder ein enttarntes U-Boot der Fossil-Industrie oder ein schlechter Philosoph. Sie dürfen wählen.
Quellen
Appiah-Nuamah, Maame & Berner, Richard & Gipp, Antonia & Hohmann, Theresa & Nöfer, Johannes & Pätzke, Franka & Prawitz, Hannah et al. 2021. Wissenschaftliches Reisen: THESys Humboldt-Stipendium Themenklasse Nachhaltigkeit und Globale Gerechtigkeit 2020/2021. Humboldt-Universität zu Berlin. (doi: 10.18452/23298)
Der Professor für Wirtschaftsethik Bernward Gesang hat in der taz wieder einen Artikel veröffentlicht. In Der Kipppunkt für unseren Klimaschutz argumentiert er, dass durch die Wahl Trumps Klimaschutz der Art, wie sie im Pariser Abkommen vorgesehen ist, sinnlos wird und wir unser Geld doch lieber für „auf den Klimaschutz ausgerichtete Armutsbekämpfung“ ausgeben sollten.
Das Milliardenprojekt Klimarettung ist mit der Wiederwahl Donald Trumps gescheitert. Ist unser Geld in Armutsbekämpfung besser investiert?
Bernward Gesang, 2024: Unterüberschrift zum Artikel Der Kipppunkt für unseren Klimaschutz, 22.12.2024 bis mindestens 04.01.2025 online
Der Text ist inkonsistent, extrem schwach argumentiert und gefährlich. Jemand mit einer Professur in Philosophie hat wahrscheinlich eine viersemestrige Ausbildung in Logik und weiß, wie Argumente aufgebaut sein müssen. Jemand mit einer Professur in irgendwas muss wissen, wie man wissenschaftlich arbeitet. Jemand mit einer Professur in Wirtschaftsethik muss über Nachhaltigkeit und über Gerechtigkeit nachdenken:
Gegenstand der Wirtschaftsethik ist die Reflexion ethischer Prinzipien im Rahmen wirtschaftlichen Handelns und ihre Anwendung auf diesen Bereich. Als zentrale Werte gelten dabei Humanität, Solidarität und Verantwortung. Die Rechtfertigung wirtschaftsethischer Normen kann sich aus den Folgen wirtschaftlichen Handelns auf andere Menschen und die Umwelt ergeben oder aus der Frage, welche Normen an sich als richtig angesehen werden können. Gängige Maßstäbe für die Rechtfertigung sind soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit.
Wikipedia-Eintrag für Wirtschaftsethik
Im Folgenden möchte ich zeigen, warum dieser Beitrag von Bernward Gesang kein seriöser und ernstzunehmender Debattenbeitrag ist und warum Bernward Gesang deshalb auch nicht in der taz (oder sonst wo) veröffentlichen können sollte. Im Rahmen der Berichterstattung über den Klimawandel und die damit einhergehenden notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen muss auf Ausgewogenheit geachtet werden. Das bedeutet aber nicht, dass es zu jedem Punkt zwei Meinungen geben muss bzw. dass jeweils zwei Meinungen in der Presse gegenübergestellt werden müssen. Die physikalischen Fakten der Klimakatastrophe sind inzwischen sehr klar und wenn man zu jeder Veröffentlichung auch eine Gegenmeinung abdrucken würde entstünde eine false balance: Falsche Behauptungen, die nicht dem aktuellen Wissensstand entsprechen, wäre überrepräsentiert. Für die Physik des Klimawandels ist das klar und wird in Zeitungen wie der taz auch berücksichtigt. Bei den gesellschaftswissenschaftlichen Themen muss man genauer hinschauen und fragen, ob gewisse Argumentationen sinnvoll sind. Wenn Personen wiederholt unstimmige Aufsätze abgeben, sollte man ihnen keinen Raum mehr geben.
Ich möchte im Folgenden den Artikel auseinandernehmen. Zeile für Zeile.
Der Text
Die Wiederwahl von Donald Trump birgt unbedachte Folgen.
Nein. Wir wissen, was aus der Wiederwahl Trumps folgt. Wir wissen, dass Trump von „clean coal“ gesprochen hat (Präsident Trump, 28.03.2017) und sein Slogan im Wahlkampf „Drill, baby drill!“ war (Trump, 19.07.2024). Er ist am 04.11.2020 aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen und er wird es wieder tun. Wir wissen das. Aus der taz.
Klimaschutz zu spät und erfolglos?
Gesang schreibt:
Ein energischer Green New Deal schien bisher als Lösung, indem grüne Technologien gefördert und günstiger als fossile Alternativen werden. Dies könnte, so die Hoffnung, eine politische und wirtschaftliche Aufbruchstimmung erzeugen. Um 2020 schien dies möglich, da Europa und Amerika gemeinsam grüne Technologien ausbauten. Bidens Inflation Reduction Act und europäische Maßnahmen zeigten, dass Klimaschutz als Investition in die Zukunft verstanden wurde. Doch der Erfolg blieb fraglich, da der Prozess zu spät begann.
Ach. Ach was. Über die letzten beiden Sätze kann man lange nachdenken. Es wird nicht einfacher, wenn man erst über den ersten und dann über den zweiten nachdenkt. Warum wurde die Vergangenheitsform verwendet? Wäre es nicht so besser: „Bidens Inflation Reduction Act und europäische Maßnahmen zeigen, dass Klimaschutz als Investition in die Zukunft verstanden wird. Doch der Erfolg blieb aus, da der Prozess zu spät begonnen wurde.“4 Aber selbst dann wird es nicht viel besser. „Klaus buk einen Kuchen, aber der Erfolg war fraglich, weil Klaus zu spät begann.“ Die Frage, die für die Bewertung des Satzes von BG wichtig ist, ist: Was ist Erfolg? Erfolg für Klimaschutzmaßnahmen besteht darin, dass wir es als Menschheit schaffen, klimaneutral zu leben und den CO2-Gehalt der Atmosphäre von jetzt 424 ppm auf 350 ppm zu reduzieren (IPCC-Report). Egal, wann Klaus mit dem Kuchenbacken anfängt, wenn er einen Kuchen zustandebringt, ist das großartig, denn wir können ihn dann essen und alle haben gute Laune. Es kann allerdings sein, dass Klaus rumtrödelt und sehr spät mit dem Kuchenbacken anfängt, vielleicht, weil er auf Bernward gehört hat und noch eine Weltreise eingeschoben hat. Dadurch kann es passieren, dass Klaus sehr viel mehr für das Mehl bezahlen muss, das er zum Kuchenbacken braucht. Will heißen: Es ist eine unsinnige Argumentation, daraus, dass man zu spät ist, zu folgern, dass man die Ziele aufgeben sollte. Zumal es einfache Mittel gäbe, diesen Zielen näher zu kommen. Spontan fällt mir ein Tempolimit ein und dann noch der Abbau der Subventionen für fossile Brennstoffe (66 Milliarden € pro Jahr in Deutschland). Nun könnte es natürlich sein, dass Klaus so lange mit dem Backen gewartet hat, dass es überhaupt kein Mehl mehr zu kaufen gibt (Klimakatastrophe so weit fortgeschritten, dass die menschliche Zivilisation zusammengebrochen ist). Dann macht die von Bernward Gesang vorgeschlagene Armutsbekämpfung aber auch keinen Sinn mehr, denn dann werden wir alle arm sein.
Aber ganz unabhängig von der Frage, wann der Prozess began und der verschwiemelten Formulierung: Der Erfolg ist nicht fraglich. Er ist eingetreten, wie die folgende Grafik vom Frauenhofer-Institut zeigt. Die Erneuerbaren Energien sind jetzt die billigsten. Zur Atomenergie siehe auch Quaschning (2025).
Stromgestehungskosten für Erneuerbare Energien und konventionelle Kraftwerke an Standorten in Deutschland im Jahr 2024. Spezifische Stromgestehungskosten sind mit einem minimalen und einem maximalen Wert je Technologie berücksichtigt.
Das bedeutet, dass Zubau am ökonomischsten mit Erneuerbaren Energien erfolgen wird. Seit 2023 ist es möglich, natriumbasierte Batterien herzustellen (taz, 07.02.2024). Das Natrium ist in Kochsalz enthalten und Salz gibt es wie Salz im Meer. Goldmann Sachs geht davon aus, dass die Batteriepreise sich bis 2026 halbieren werden (Goldmann Sachs, 07.10.2024). Man kann nun immer noch beklagen, dass es besser gewesen wäre, wenn diese Technologien früher zur Verfügung gestanden hätten. Das ist richtig, die deutsche Solarindustrie wurde 2012 durch CDU und FDP zerstört. Schade. Aber der Kuchen ist jetzt fertig und wir können mehr davon machen und er wird immer billiger und besser.
Auswirkungen der Trump-Präsidentschaft
Das Institut Carbon Analytics schätzt Trumps Einfluss auf das Klima jedoch als gering ein: 0,04 Grad Celsius zusätzliche Erwärmung.
The election of Donald Trump as President would impact the projected temperature levels that we present here, but it is uncertain to what extent. It could add 0.04°C of warming by 2100 to our current policy estimate of 2.7°C (assuming the rollback of policies is limited to the United States) to a few tenths of a degree to our optimistic scenario of 1.9°C (assuming the US net zero target is permanently removed).
Das bedeutet: Wenn Trumps negativer Einfluss auf die Klimapolitik auf die USA und auf eine Amtszeit begrenzt ist, dann betragen die Auswirkungen 0,04°, wenn das Ziel der Klimaneutralität der USA für immer aufgegeben wird, beträgt der Einfluss mehrere Zehntel-Grad. Bei diesen Abschätzungen wird davon ausgegangen, dass andere Staaten nicht Trumps Beispiel folgen und die Klimaziele aufgeben oder verwässern. Genau dafür argumentiert aber Bernward Gesang.
Die Studie geht von einer normalen Amtszeit Trumps aus und ignoriert internationale Nachahmer.
Die Behauptung, dass die Studie von einer normalen Amtszeit ausgeht, ist falsch. Wie man oben lesen kann, wird auch der Fall erwogen, dass das Ziel der Klimaneutralität für immer aufgegeben wird (mit oder ohne Trump). Richtig wäre gewesen, zu behaupten, dass der 0,04°-Wert unter der Annahme ermittelt wurde, dass Trump nur eine Amtszeit die Klimaziele der USA beeinflussen kann.
Auch der Professor für Energiesysteme und -politik Jesse D. Jenkins schätzt Trumps Zerstörungspotential gering ein, weil die Energiewende schon weit fortgeschritten ist, gerade auch in konservativen Staaten:
Texas, that paragon of conservatism, is now the undisputed king of clean energy. Factories producing batteries, EVs and solar panels are sprouting across Georgia, the Carolinas, Kentucky, Indiana, Michigan, and beyond. Clean energy is now big business, and influential companies stand to lose billions if the Inflation Reduction Act is repealed. With Republicans securing razor-thin legislative majorities, these laws could thus prove surprisingly durable.
US-Firmen verdienen Geld im Energiesektor und werden das auch weiterhin tun wollen.
Weiter im Text:
Eine globale, reaktionäre Bewegung könnte stärker wirken als erwartet. Man muss daher wenigstens in Erwägung ziehen, dass der anstehende Rückschritt dem Klimaschutz – im Sinne der Vermeidung der Kipppunkte – das Genick brechen wird.
Man möge sich die Logik noch einmal durch den Kopf gehen lassen: Der Einfluss Trumps, wenn er lokal und temporär begrenzt handeln würde, ist vermutlich gering (0,04°). Bernward Gesang gibt diese Zahl an, sagt, dass Trump aber die Welt beeinflussen wird und dass wir uns deshalb beeinflussen lassen sollten und dass wir wenn Kipppunkte überschritten sind, den bisherigen Klimaschutz aufgeben sollten. Mind-boggling.
Kipppunkte
Aber ist die genaue Verortung der Kipppunkte nicht ungewiss? Vielleicht werden einige von ihnen durch reaktionäres Handeln doch nicht ausgelöst. Auch ist unklar, was überhaupt geschieht, wenn diese Kipppunkte wirklich ausgelöst werden.
Das geht ganz gerade in Richtung Wissenschaftsleugnung. Kann man so lesen: „Ach, irgendwie weiß es keiner so genau. Vielleicht wird es ja nicht so schlimm.“ Die Kipppunkte kann man in bestimmten Temperaturbereichen verorten und man kann Wahrscheinlichkeiten für das Kippen angeben. Das ist die Übersichtskarte vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung:
Kipppunkte im Klimasystem der Erde. Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, 2023
Was soll uns die Äußerung mit dem reaktionären Verhalten sagen? Wir sind jetzt laut Climate Action Tracker auf einem 2,7° Pfad. Ganz ohne Trump.
Die Effekte, die durch die Schäden, die Trump anrichten wird, hinzukommen, kommen on top. Was sie genau auslösen werden, wissen wir nicht, weil wir nicht genau abschätzen können, wie stark sich Trumps Zerstörungskraft entfalten kann. Aber das ist letztendlich auch egal, denn wir müssen insgesamt klimaneutral werden und das so schnell wie möglich. „Auch ist unklar, was überhaupt geschieht, wenn diese Kipppunkte wirklich ausgelöst werden.“ Das ist Wissenschaftsleugnung. Es ist klar, was geschieht, denn das steht so auf der Karte. Beim orangenen Punkt in Südamerika steht: Absterben des Amazonas Regenwalds. Wenn dieser Kipppunkt erreicht wird, stirbt der Regenwald ab. Wenn der rote Punkt auf Grönland erreicht wird, haben wir den Grönländischen Eisschild verloren. Es sind sehr viele der sich daraus ergebenden Folgen klar. Und sie sind katastrophal. Der Klimafolgenforscher Prof. Dr. Rahmstorf schrieb schon 2016:
Die Eisschilde in Grönland und der Antarktis verlieren inzwischen jährlich eine Eismenge, die einem Mehrfachen der Masse des Mount Everest entspricht. Die Westantarktis ist nach mehreren übereinstimmenden Studien inzwischen bereits destabilisiert: Wahrscheinlich wurde der kritische Punkt überschritten, ab dem der komplette Verlust des Eisschilds zum Selbstläufer wird, der in den folgenden Jahrhunderten zu einem unaufhaltsamen globalen Meeresanstieg um drei Meter führen wird.
Rahmstorf 2016: Lage, Lage, Lage. Mare 118. S. 60–81. (geteilt auf Mastodon am 27.12.2024)
Das heißt, dass alle Städte und Gebiete, die an Küsten in Mündungsgebieten von Flüssen liegen, betroffen sein werden. Durch das Schmelzen der oberen Eisschichten auf Grönland kommen die Eismassen, die mit Luft in Kontakt sind, in tiefere, wärmere Bereiche, wodurch das Schmelzen schneller wird und unumkehrbar wird. Unser (Nicht-)Handeln jetzt bestimmt das Leben vieler zukünftiger Generationen. Auch wenn es irgendwann später möglich sein wird, klimaneutral zu leben und CO2 aus der Atmosphäre zurückzuholen, könnte das für einige der Kipppunkte zu spät sein. Deshalb gilt es jetzt schnell zu handeln und möglichst weit vor 2050 klimaneutral zu werden. Das hat übrigens auch das Bundesverfassungsgericht festgestellt. Bernward Gesang stellt sich also der gültigen Rechtsauffassung entgegen, wenn er dafür argumentiert, „diesen Klimaschutz“ aufzugeben.
Die direkten Folgen der jeweiligen Kipppunkte sind klar. Was unklar ist, sind weitere Folgen, die sich aus der Interaktion mehrerer sich gegenseitig antreibender Klimaveränderungen ergeben können.
Ein wichtiger Punkt scheint Bernward Gesang nicht klar zu sein: Es ist nicht so, dass wenn der erste Kipppunkt erreicht ist, Klimaschutz komplett sinnlos wird. Betrachtet man die Karte oben, so sieht man, dass sich die Kipppunkte verschiedenen Temperaturbereichen zuordnen lassen.
1,5–2,0°
2,0–3,7°
3,7–6,0°
> 6,0°
Die folgende Grafik aus Kornhuber et al. (2024) visualisiert die Kipppunkte sehr schön im Vergleich zu Temperaturen:
Abbildung 3: Kipppunkte im Verhältnis zur Temperatur
Auf der X-Achse sind die Temperaturen abgetragen. Die Höhe auf der Y-Achse zeigt, wie stark die globalen Auswirkungen der ausgelösten Veränderungen sein werden. Kipppunkte, die weiter unten angeordnet sind, haben global gesehen größere Auswirkungen. Die Strichellinien zeigen den Bereich, in dem ein Kippen wahrscheinlich ist. Der jeweilige Punkt markiert die Temperatur mit der höchsten Wahrscheinlichkeit für ein Kippen. Die Farben sagen etwas darüber aus, wie lange es dauert, bis der ausgelöste Prozess vollzogen ist. Zum Beispiel ist das Abschmelzen des Ostantarktischen Eisschildes im Bereich von 5–10° wahrscheinlich. Am wahrscheinlichsten ist es bei 7,5°. Das Abschmelzen würde mehrere Jahrtausende dauern und hätte große globale Auswirkungen. Die im Folgenden verwendeten Daten zu den Temperaturbereichen der Kipppunkte und der Folgen, die aus dem Kippen resultieren, sind ebenfalls Kornhuber et al. (2024) entnommen.
Da wir jetzt auf einem 2,7°–Pfad sind, bedeutet das, dass, wenn wir dem Klimaschutz folgen, so wie er geplant ist, wir nicht den 3,7–6°-Bereich der ersten Abbildung erreichen und schon gar nicht den Bereich oberhalb von 6°. Der Climate Action Tracker beziffert den Komplettausstieg der USA mit einigen Zehntelgraden. Damit wären wir dann immer noch unterhalb des 3,7–6,0°-Bereichs. Wir haben erste Kipppunkte eventuell bereits erreicht: Die Korallenriffe sterben ab, der Permafrostboden beginnt zu tauen (taz, 06.12.2024) und der West-Antarktische Eisschild könnte 2024 gekippt sein (Schwanke, 19.12.2024, bei 9:00 Minuten). Das bedeutet aber nicht, dass wir jetzt den Klimaschutz aufgeben sollten oder können. Alles CO2, das wir weiter emittieren, wird dafür sorgen, dass wir in noch gefährlichere und noch unangenehmere Bereiche kommen. Es besteht also überhaupt keine Alternative als irgendwie gearteten Klimaschutz zu betreiben, der zu einer Klimaneutralität führt. Da das CO2 nicht so schnell aus der Atmosphäre verschwindet, werden wir alles, was wir jetzt emittieren, zurückholen müssen und vorher wird es eventuell weitere Schäden verursachen und Kipppunkte auslösen.
Es stimmt, Kipppunkte sind eine Blackbox, von der man aber mit hoher Wahrscheinlichkeit weiß, dass sie existieren, wo sie sich in etwa befinden und dass ein Auslösen teilweise zu unumkehrbaren Dominoeffekten führt.
Na, gerade noch mal die Kurve gekriegt, aber die Sätze davor sind in der Welt und sie richten mit hoher Wahrscheinlichkeit Schaden an. Herr Gesang, Sie richten mit hoher Wahrscheinlichkeit Schaden an. Noch mal ins Detail, so unter uns Logikern: Die Formulierung „Kipppunkte sind eine Blackbox, von der man aber mit hoher Wahrscheinlichkeit weiß, dass sie existieren“ ist in sich komplett verquirlt. von der bezieht sich auf die Blackbox, sie bezieht sich auf die Kipppunkte. Es hätte wohl heißen sollen: „Kipppunkte sind eine Blackbox, aber man weiß von ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass sie existieren.“. Aber auch das wäre falsch gewesen, denn man kann etwas wissen oder nicht, man weiß nicht etwas mit hoher Wahrscheinlichkeit („Ich weiß mit 50% Wahrscheinlichkeit, dass dieser Mann Klaus heißt.“ bedeutet, dass ich es weiß oder auch nicht, nicht dass ich weiß, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der Mann Klaus heißt, bei 50% liegt.) Die Wortgruppe „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ ist im falschen Teilsatz gelandet (Das Fachwort dafür ist Skopus). Es hätte also heißen müssen: „Kipppunkte sind eine Blackbox, aber man weiß von ihnen, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit existieren.“ Das entspricht wohl dem, was Bernward Gesang behaupten wollte, aber das ist schlicht falsch. Man weiß, dass die Kipppunkte existieren und dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit bei bestimmten Temperaturen erreicht werden. Dass sie existieren, kann man sich klarmachen, wenn man einfach überlegt, was bei 10° oder 20° Erwärmung passieren würde (6.4–9.5° entspricht der Verbrennung allen fossilen Kohlenstoffs, die durchschnittliche Erwärmung in der Arktis läge bei 14.7–19.5 °C, Tokarska et. al. 2016). Eis würde schmelzen, Wälder würden sterben. Das ist auch schon bei wesentlich geringeren Temperaturerhöhungen so und dafür gibt es Wahrscheinlichkeiten. Und Kipppunkte sind keine Blackbox. Auch dieser Satz ist sprachlich unsauber.
Das Scheitern des Pariser Abkommens
Die rechtsnationalistische Politik wird wahrscheinlich einige wesentliche Kipppunkte auslösen. Ein Scheitern des Pariser Klimaabkommens ist ernsthaft zu erwägen.
Wirklich! Die Formulierung: „vorzeitige Aufgabe“ suggeriert, dass es eine rechtzeitige Aufgabe gäbe. Lieber Herr Gesang: Beschäftigen Sie sich bitte mit der Klimakrise. Lesen Sie den IPCC-Report. Beschäftigen Sie sich mit den Zielen von Klimapolitik. Ich habe sie ja oben schon ausgeführt. Das Ziel ist, auf 350 ppm CO2 zu kommen, denn nur in diesem Rahmen können wir als Menschheit vernünftig leben. Wir sind zur Zeit bei 424 ppm und haben noch nicht aufgehört, CO2 auszustoßen.
Allerdings wird die Wahrscheinlichkeit, dass man diesen Klimaschutz wirklich zu früh aufgibt, immer geringer; die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Klimaschutz eine unsinnige Investition ist, hingegen immer größer.
Die Schäden, die bereits durch den Klimawandel entstanden sind und noch entstehen werden, sind gigantisch. Die Reduktion des CO2-Ausstoßes auf ein sehr geringes Maß und die Rückholung von CO2 ist alternativlos. Das Gerede von Wahrscheinlichkeiten dient wohl dazu, irgendwie wissenschaftlich zu wirken.
Bernward Gesang ist Professor an der Uni Mannheim. Ich frage mich ernsthaft, wie bei ihm Seminare ablaufen. Gibt es dort niemanden, der ihm widerspricht? Gibt es in Mannheim niemanden, der sich mit der Klimakatastrophe so gut auskennt, dass er oder sie sagen kann: Lieber Herr Professor, Sie reden gefährlichen Unsinn!
Kann man es verantworten, diese Kosten-Nutzen-Abwägung zu ignorieren? Ist es sinnvoll, auf möglicherweise geringe Wahrscheinlichkeiten einen erheblichen Teil der volkswirtschaftlichen Ressourcen zu setzen? Zwar könnten wir neben der notwendigen Anpassung an Klimaschäden noch bewirken, dass der Klimawandel, nachdem entscheidende Kipppunkte gefallen sind, bei vielleicht 4,5 statt bei 4,8 Grad Celsius gestoppt wird. Das wäre zwar auch ein „Erfolg“. Dieser Erfolg wäre jedoch mit Klimaschutzpolitik, wie sie derzeit in Europa praktiziert wird, zu teuer erkauft.
Was soll „möglicherweise geringe Wahrscheinlichkeit“ bedeuten? Nehmen wir das Abschmelzen des Grönländischen Eisschildes. Der Kipppunkt liegt in einem Bereich von um 1–3°. Am wahrscheinlichsten ist das Kippen bei 1,5°. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der Eisschild genau bei 1° oder bei genau 3° kippt, gering ist. Am höchsten ist sie bei 1,5°. Aber bei einer Temperaturerhöhung von 3,1° ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Eisschild gekippt sein wird, bei 100%, denn alle Temperaturpunkte, bei denen es eine bestimmte Wahrscheinlichkeit gab, sind überschritten. Der Grönländische Eisschild wird verloren sein und wir können ihm nur noch beim Schmelzen zugucken.
Die 4,5 bis 4,8° liegen genau in dem Bereich, in dem sich die zweite Gruppe Kipppunkte befindet. Bernward Gesang scheint irgendwie anzunehmen, dass wir Glück haben, dass keiner der Kipppunkte, die bei 4° liegen ausgelöst worden ist, denn wenn sie ausgelöst werden, führt das zu weiterer Erwärmung, so dass bei 4,8° nicht Schluss wäre. Wenn einige der Kipppunkte aber jeweils zum wahrscheinlichsten Punkt ausgelöst werden, bedeutet das, dass die drei Zehntelgrad genau dafür ausschlaggebend sein können, welcher Kipppunkt erreicht wird. Auch das Arkitische Winter-Meereis könnte mit geringer Wahrscheinlichkeit in diesem Bereich schon kippen (4,5–8,7°). Das würde zu einer zusätzlichen Erwärmung von 0,6° führen. Damit wäre man bei 5,4° und somit auch im Bereich, wo der Ostantarktische Eisschild betroffen sein könnte. Das Abschmelzen des Ostantarktischen Eisschildes würde zu einem Anstieg des Meeresspiegels um 50m und zu zusätzlicher Erwärmung von 0,6° führen. Herr Gesang, wollen Sie über die Kosten-Nutzen-Abwägung noch mal nachdenken? Wir sollten also – vielleicht ohne Herrn Gesang – darum kämpfen, dass wir gerade nicht in diese zweite Gruppe von Kipppunkten hineingeraten.
In jedem Fall sind drei Zehntelgrad für die Stärke von Stürmen und Starkregenereignissen wichtig: Je mehr Energie die Stürme antreibt, desto stärker werden sie. Je wärmer es wird, desto mehr Wasser verdunstet und kommt irgendwo wieder herunter.
Und noch eine Frage: Wie glaubt Bernward Gesang denn, dass der Klimawandel bei 4,8° gestoppt wird? Wie soll das funktionieren, wenn wir nicht aufhören CO2 zu emittieren, wenn wir nicht die Erneuerbaren Energien ausbauen und unseren Lebensstil ändern? D.h. wenn wir nicht das tun, was der Inflation Reduction Act und der New Green Deal vorsehen und noch viel mehr? Und wenn wir es ohnehin machen müssen, dann können wir es auch jetzt tun. Und Milliarden Menschen unsägliches Leid ersparen.
Lieber Herr Gesang, wissen Sie, was Sie hier vorschlagen? Mit welchen Zahlen Sie spielen? 4,8°? Wir sind auf einem 2,7°-Pfad. Das ist schlimm genug. Bei den Gradangaben handelt es sich immer um globale Durchschnittswerte. Über den Landmassen ist der Temperaturzuwachs in etwa doppelt so hoch wie über den Meeren. Das bedeutet, dass es bei einem Temperaturzuwachs von 2,7° in Deutschland 5,4° wärmer wird. In Ihrem Szenario würde es 9° bzw. 9,8° wärmer werden. Ich wünsche Ihnen, dass Sie sehr, sehr alt werden, damit Sie noch möglichst viele Hitzesommer miterleben können. Vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem Sie sich fragen werden: „Was habe ich getan? Wie konnte ich jemals einen Temperaturzuwachs von 4,8° irgendwo als irgendwie mögliches Szenario besprechen?“ Bitte achten Sie darauf möglichst viel zu trinken. Dehydrierung ist wirklich sehr unangenehm. Wahrscheinlich sind Sie vermögend genug, sich eine Klimaanlage anzuschaffen, aber jeder Moment, den Sie im Freien verbringen müssen, wird Sie quälen.
Karsten Schwanke vom Meterologischen Team der ARD hat erklärt (Schwanke, 19.12.2024), was passiert, wenn wir nichts tun. Wir werden dann Ende des Jahrhunderts in Deutschland Höchsttemperaturen von 46–48° haben.
Und nur zur Erinnerung: Das Bundesverfassungsgericht hat die Klimapolitik der vorigen Regierung als nicht verfassungsgemäß eingestuft. Ihr Vorschlag, den Klimaschutz aufzugeben, dürfte genauso bewertet werden.
Armutsbekämpfung
Gesang schlägt vor, statt Klimaschutz direkt in „auf den Klimaschutz ausgerichtete Armutsbekämpfung“ zu investieren:
Die Bilanz in Form geretteter Leben könnte unter Beachtung der Wahrscheinlichkeiten besser sein, wenn die für den Klimaschutz nötigen Milliardeninvestitionen direkt in die auf den Klimaschutz ausgerichtete Armutsbekämpfung fließen würden.
Was ist hiermit genau gemeint? Soll Geld verteilt werden, damit sich alle eine Klimaanlage kaufen können? Wo kommt die Energie dafür her? Ach, aus Erneuerbaren Energien? Aber war nicht der Ausbau erneuerbarer Energien genau ein Bestandteil „dieser Klimapolitik“ (Green New Deal und Inflation Reduction Act)? Die Menschen in Togo bauen keine Betonhäuser mehr, weil das sinnlos ist, weil das Meer diese in wenigen Jahren verschlingt.
fluter, 15.03.2023: Klimawandel in Togo: Die Frage nach Gerechtigkeit „Der steigende Meeresspiegel nimmt Lomé, der Hauptstadt Togos, etwa einen Meter Strand pro Jahr – und den Menschen die Lebensgrundlagen.“
Sollte man nicht die Ursachen für Katastrophen beseitigen, anstatt der Katastrophe hinterherzuräumen? Als WIRTSCHAFTSethiker sollten Sie schon mal von den gigantischen Schadenssummen gehört haben, die die Klimakrise heute schon verursacht. Bei 1,2°. Man wird den Schäden durch Anpassungen entgegenwirken können, jedoch werden die Stürme, die Regenmengen, die als Starkregen auf uns herniederstürzen, die Fluten und Überschwemmungen, wesentlich häufiger und intensiver werden. Das Artensterben wird beschleunigt, weil Arten sich nicht so schnell an die extremen Veränderungen anpassen können. Es wird Ernteausfälle geben. Herr Gesang, in einer 4,8° wärmeren Welt wird es weder für Philosoph*innen noch für Sprachwissenschaftler*innen einen Platz geben. Wir wären unnütze Esser und auch körperlich nicht in der Lage, uns durchzusetzen. Vielleicht würde einer von uns beiden am Lagerfeuer geduldet, weil er witzig ist, aber zwei Clowns braucht keiner.
Und das scheint eine sinnvolle Alternative zu sein, sowohl was staatliches wie auch privates Engagement angeht. Privat kann man, statt ein großes Auto zu erwerben, das Geld an entsprechende NGOs spenden. Natürlich wäre eine detaillierte Kosten-Nutzen-Analyse hilfreich. Die müsste die für den Klimaschutz aufzuwendenden Kosten mit den Wahrscheinlichkeiten vergleichen, den gewünschten Effekt zu erzielen. Allerdings fürchte ich, eine solche Analyse wäre wegen der Komplexität der Materie sowieso fehlerhaft.
Hier verabschiedet sich Bernward Gesang aus dem Team Wissenschaft. Argumentation: 1) Ich habe einen absurden Vorschlag. 2) Man müsste mal nachrechnen. 3) Ach was, ist zu komplex, da wären sowieso Fehler drin. 4) Also nehmt bitte den Vorschlag aus 1.
Was wir derzeit sagen können, ist, dass wir einen erheblichen Anteil des Bruttoinlandsprodukts für Klimaschutz im Sinne einer Orientierung an Paris aufwenden müssten und wir dafür eventuell nur noch wenig Gewinn erwarten könnten. Eventuell sind unsere Investitionen völlig umsonst und bewirken nichts Gutes.
Wieso sollen Investitionen in Klimaschutz umsonst sein? Diese Welt muss lernen, klimaneutral und ressourcenschonend zu leben. Möglichst unterhalb von 2°, aber besser bei 2,5 oder 2,7° mehr als bei 4,5 oder 4,8°. Nur so gibt es überhaupt eine Chance, in einer Form weiterzuleben, die dem ähnelt, was wir heute haben.
Daher bietet sich eine Verschiebung der Mittel hin zur am Klimaschutz orientierten Armutsbekämpfung an. Da erhalten wir fürs Geld jedenfalls einen positiven Wohlfahrtseffekt.
Hier wäre eine interessante Frage, was Bernward Gesang unter am Klimaschutz orientierter Armutsbekämpfung versteht. Man könnte die Armut in Deutschland ganz leicht bekämpfen, indem man hohe CO2-Steuern erhebt und die gesamten Einnahmen als Klimageld ausschüttet. Da Menschen mit hohem Einkommen viel mehr konsumieren und emittieren als Menschen mit niedrigen Einkommen (Otto et al. 2019), ergäbe sich so eine Umverteilung. Menschen mit niedrigen Einkommen hätten letztendlich mehr Geld zur Verfügung. Menschen mit sehr hohen Einkommen und entsprechendem Lebensstil ((Privat-)Flüge, mehrere Wohnungen, Yacht, usw. usf.) würden überproportional zur Kasse gebeten. Dadurch, dass bei armen Menschen mehr Geld zur Verfügung stünde, gäbe es gewisse Rebound-Effekte, was man dadurch abmildern kann, dass die Zuwächse in den unteren Einkommensklassen gedeckelt werden (500€–300€ pro Monat, je nach Einkommen) und das entsprechende überschüssige Geld in Klimamaßnahmen investiert würde. Das Klimageld war im Koalitionsvertrag der Ampel von 2021 vorgesehen (S. 49), wurde aber nicht umgesetzt.
Allerdings bleibt zu bedenken, dass dieses Ziel Armutsbekämpfung derzeit kaum jemand verfolgt und frei werdendes Geld am ehesten in weitere Aufrüstung fließen würde.
Was jetzt? Ich dachte, es ging darum, eine Vision zu entwickeln. Die weitere Aufrüstung wird bei mangelndem Klimaschutz auch deshalb erfolgen, weil wir die Armeen in den kommenden Klimakriegen brauchen werden. Wir werden sie brauchen, um die Klimaflüchtlinge an den Grenzen zur EU zu erschießen. Flüchtlinge, die kommen, weil wir ihnen ihre Lebensgrundlagen zerstört haben. Müsste man da als Professor für Ethik nicht irgendwie Bedenken haben? Gedanken?
Daher ist die zentrale Botschaft der neuen politischen Verhältnisse: Deutsche und europäische Klimaschutzpolitik in den bekannten Varianten ist auf den Prüfstand zu stellen! Sie kostet viel Geld, und ihre Ziele sind mit immer größer werdender Wahrscheinlichkeit nicht mehr erreichbar.
Warum erreicht die Botschaft unseres UN-Generalsekretärs Bernward Gesang nicht? Antonio Guterres sagt immer wieder, dass jedes Zehntel-Grad zählt. Zum Beispiel am Ende des folgenden Videos:
UN-Generalsekretär Antonio Guterres auf der Pressekonferenz bei der Vorstellung des IPCC-Berichts. 28.02.2022
Wenn wir 1,5° nicht mehr erreichen können, dann 1,6°, wenn nicht 1,6°, dann 1,7°. Wir müssen aufhören, CO2 zu emittieren. Mit dem Aufhören aufzuhören ist keine Option.
Das ist die harte Einsicht, der wir uns nicht mehr verschließen können. Ob es wirklich erforderlich ist, den Klimaschutz in Anlehnung an Paris aufzugeben, wird uns die Empirie zeigen.
Wenn wirklich entscheidende Kipppunkte fallen, müssen wir die Konsequenz ziehen. In den derzeitig unklaren Zeiten bleibt nur zu beobachten und auch radikale Konsequenzen als Antwort auf die Phänomene zu erwägen.
Herr Gesang! Schämen Sie sich und hören Sie auf zu veröffentlichen. Jedenfalls zum Klima.
Zusammenfassung
Bernward Gesang argumentiert dafür, den Klimaschutz, wie er im Inflation Reduction Act in den USA und im Green New Deal in der EU geplant ist bzw. durchgeführt wurde und wird, aufzugeben, wenn Kipppunkte erreicht werden, da dieser Klimaschutz seiner Meinung nach zu teuer ist und das Geld anders genutzt werden sollte. BG hat nicht verstanden, wie die Kipppunkte funktionieren. Die Kipppunkte werden bei unterschiedlichen Temperaturen überschritten. Die ersten Kipppunkte sind bereits erreicht oder wir sind kurz davor: das Absterben der Korallenriffe, das Auftauen des Permafrostbodens (taz, 06.12.2024). Das bedeutet aber nicht, dass wir den Klimaschutz aufgeben könnten/sollten. Wenn wir einfach alle fossilen Rohstoffe verbrennen würden, würden wir bei 6.4–9.5° landen. BG meint, dass es keinen großen Unterschied machen würde, wenn wir den Klimaschutz aufgäben und dann bei 4,8 statt 4,5° landen würden bzw. dass dieser Unterschied zu teuer erkauft wäre. Alternativen hat er nicht anzubieten, aber davon abgesehen liegt der Kardinalfehler in der Argumentation darin, dass BG behauptet, wir könnten die Klimawandel bei 4,8 statt 4,5° ohne Klimaschutz stoppen. Wie denn? So lange wir CO2 emittieren, werden die Temperaturen steigen. Es gibt zur Klimaneutralität und zur Rückgewinnung von CO2 aus der Atmosphäre keine Alternative. Je geringer der Temperaturanstieg, desto besser für die Menschheit.
Flood the zone with shit
Ich bin Wissenschaftler. Meine Arbeit besteht darin, Argumente anderer Wissenschaftler*innen zu durchdenken und wenn möglich zu widerlegen. Bei der Arbeit an diesem Artikel habe ich Kopfschmerzen bekommen. Nicht im übertragenen Sinn, sondern richtig echte wirklich Schmerzen im Kopf. Bernward Gesangs Beitrag ist so schlecht und unstrukturiert, dass man keine klare Linie erkennen kann. Sätze sind inkohärent. Skopus von Modifikatoren ist falsch. Es ist wirres Gefasel.
Den Bauplan für seinen Beitrag findet man auch in einem Artikel von Emily Pontecorvo:
But with progress comes a new kind of conflict: infighting. Which climate solutions are the best climate solutions? How can we implement them the right way? When should other priorities, like affordability and national security, come first, if they should at all? Are those trade-offs even real? Or are they fossil fuel propaganda?
Das sind genau die Punkte, die BG aufführt: Behauptung: Klimaschutz ist zu teuer (ohne wirklich Vergleiche durchzuführen) und die Militärausgaben. Das mit den Militärausgaben ist besonders auffällig, denn die passen überhaupt nicht in BGs Argumentation (BG: Klimaschutz wie bisher ist sinnlos, deshalb geben wir den Armen was, aber ach was, das Geld wird sicher ohnehin für Militär ausgegeben.) Mit Emily Pontecorvo möchte ich fragen: Sind diese Abwägungen real oder ist das nur Propaganda der Fossil-Lobby?
Dieser Aufsatz entspricht der Strategie der Desinformierer der amerikanischen Rechten: „Flood the zone with shit“ (taz, 03.11.2024). Die Auseinandersetzung mit dieser Scheiße ist aufwändig und es bleibt irgendwo immer irgendwelche Scheiße übrig. Im Falle des Artikels von Bernward Gesang bleibt: „Professor für Wirtschaftsethik findet, Klimawandel kann man eh nicht mehr verhindern. Wäre schade, wenn wir für Klimaschutzmaßnahmen unser Geld ausgäben.“ Oder in seinen eigenen Worten: „Das Milliardenprojekt Klimarettung ist mit der Wiederwahl Donald Trumps gescheitert. Ist unser Geld in Armutsbekämpfung besser investiert?“ Aber es ist nicht gescheitert, wie die Energiekosten zeigen. Und jeder weitere Dollar, jeder Euro, jeder Yen, der für Klimaschutz ausgegeben wird, hilft, milliardenfaches Leid zu verhindern (siehe Abschätzung der Tode, die wir durch unsere Treibhausgas-Emissionen verursachen). Er hilft den Armen global und lokal, denn diese sind überproportional von den Folgen betroffen. Eine 4,8° wärmere Welt ist nicht erstrebenswert, aber selbst dafür müssen Alternativen zur Verbrennung fossiler Rohstoffe gefunden werden. Die Globale Erwärmung hört nicht einfach so auf, wenn wir keinen Klimaschutz betreiben. Sie würde dann erst aufhören, wenn wir alle fossilen Rohstoffe verbrannt hätten. Dann wären wir aber bei 6,4–9,5° Erwärmung (Tokarska et. al. 2016). Pläne, die in eine drei oder mehr Grad heißere Welt führen, entsprechen nicht unserer Verfassung. Die taz sollte sich an der Verbreitung von Desinformationsscheiße nicht beteiligen und Bernward Gesang nie wieder eine Bühne geben.
Gesang oder Mahnung?
Zum Jahreswechsel 2024 erschien in der taz eine Doppelseite, auf der verschiedene Autor*innen erklärt haben, wie sie es schaffen, nicht die Hoffnung zu verlieren (taz, 26,12,2024). Cornelia Schwarz schrieb: „Und wenn ich denke, dass nichts mehr hilft, hilft eines eigentlich immer: Humor. Nicht weil er mich hoffen, sondern weil er mich durchhalten lässt. Und sollte am Ende doch die Hoffnungslosigkeit siegen, dann habe ich wenigstens dabei gelacht.“ Mich schockieren die Beiträge von Bernward Gesang regelmäßig, aber ich denke dann einfach über seinen Namen nach und über den eines anderen Moralphilosophen und habe dann wieder bessere Laune. Während Prof. Dr. Bernward Gesang schon mehrfach für Party statt für anstrengende Maßnahmen argumentiert hat, ist Prof. Dr. Jürgen Manemann ein Mahner.
Prof. Jürgen Manemann, Umweltphilosoph, bei Paper-Pasting-Aktion und Blockade des Bundesverkehrsministeriums durch Scientist Rebellion, Berlin, 18.10.2022
Hört lieber auf den Manemann. Und Prof. Gesang, hören Sie lieber auf!
Danksagung
Ich danke meinen Followern auf Mastodon und Mitgliedern der Signal-Gruppe der Scientists 4 Future Berlin-Brandenburg für Diskussion.
Antwort aus Kommentar
Herr Gesang hat hier einen Kommentar hinterlassen (siehe unten). Ich habe auf diesen in einem separaten Beitrag geantwortet: Antwort auf Kommentar von Bernward Gesang.
Otto, Ilona M. & Kim, Kyoung Mi & Dubrovsky, Nika & Lucht, Wolfgang. 2019. Shift the focus from the super-poor to the super-rich. Nature Climate Change 2(9). 82–84. (doi:10.1038/s41558-019-0402-3)
Rahmstorf, Stefan. 2022. Klima und Wetter bei 3 Grad mehr: Eine Erde, wie wir sie nicht kennen (wollen). In Wiegandt, Klaus (ed.), 3 Grad mehr: Ein Blick in die drohende Heißzeit und wie uns die Natur helfen kann, sie zu verhindern (Forum Für Verantwortung), 13–30. München: Oekonom-Verlag. (http://www.pik-potsdam.de/~stefan/Publications/Klima%20und%20Wetter%20bei%203%20Grad%20mehr.pdf)
Tokarska, Katarzyna B. & Gillett, Nathan P. & Weaver, Andrew J. & Arora, Vivek K. & Eby, Michael. 2016. The climate response to five trillion tonnes of carbon. Nature Climate Change (9). 851–855. (doi:10.1038/nclimate3036)
In einem Artikel in der taz fordert Elya Maurice Conrad, dass auch der Fernverkehr mit dem Deutschlandticket nutzbar sein soll (taz, 15.12.2024). In der Woche drauf, hat die taz zwei Leserbriefe zum Artikel abgedruckt.
Gerd Bust weist darauf hin, dass auch Zugfahrten CO2 erzeugen und man nicht einfach für zusätzlichen Verkehr sorgen sollte:
Der Autor fordert: „Holt endlich den Fernverkehr ins Deutschlandticket.“ Wie kann ein Grüner solch eine Subvention für mehr Verkehr fordern? Es wird so getan, als wäre Bahnfahren nicht klimarelevant. Gegenüber Fliegen ist die Bahn zwar die bessere Alternative: nur 31 Gramm Klimagase pro Personenkilometer anstatt 238 Gramm (Umweltbundesumweltamt). Das heißt aber auch: Schon 8 Bahnfahrten sind klimaschädlicher als ein gleich weiter Flug. Ein Deutschlandticket für den Fernverkehr wäre eine Förderung unnötigen Verkehrs. Solange der Strom nicht 100 Prozent klimaneutral ist, ist das nicht akzeptabel!
Gerd Brust, Köln
Das ist richtig, aber ein bisschen unambitioniert. Der Fernverkehr arbeitet mit Reservierungen. Man kann also unausgelastete Züge für das Deutsachlandticket freigeben. So könnte man drei Stunden vor Fahrtbeginn von den noch zur Verfügung stehenden Plätzen noch ein gewisses Reservekontingent für zahlende Kund*innen zurückstellen und den Rest zur Reservierung für den üblichen Reservierungspreis für Menschen mit Deutschlandticket freigeben. Für die Fahrt mit Deutschlandticket besteht Reservierungspflicht. Alle anderen mit normalen Tickets können, müssen aber nicht reservieren.
Das führt dazu, dass Züge besser ausgelastet sind, ohne dass nennenswerte Mehrkosten entstünden (mehr Reinigung). Damit würde sich der Unterschied Bahn–Flug weiter zugunsten der Bahn verschieben.
Klingt gut und richtig, aber was ist mit all denen, die gar keinen brauchbaren ÖPNV haben? Die zahlen dann und erhalten nichts. Und genau diesen Pendlern wollen sie jetzt auch noch ihre Firmenwagen teurer machen. Ist das gerecht?
Hans Dampf auf taz.de
Der Hans Dampf hat wohl zu schnell geschossen, denn für diesen Vorschlag ist die Existenz eines ÖPNV ja gerade irrelevant. Man kann, auch wenn man auf dem schlecht ausgebauten Land lebt, dann das Deutschlandticket benutzen. Einige Stunden vor der gewünschten Fahrt reserviert man den Zug, steig ins Auto und fährt zum nächsten Fernbahnhof. Dort parkt man das Auto und fährt dann gemütlich mit Sitzplatz und schneller als mit dem Auto durchs Land.
Davon abgesehen finanzieren natürlich alle Menschen ohne Auto – und davon gibt es in Städten einige – allen anderen Straßen und Autobahnen. Hans Dampfs Argument ist also auch unabhängig vom Fernverkehr ungültig.
Diese Zusammenstellung ist aus dem Jahr 1989. Ich war damals bei der Armee. Ich habe mit Computern gearbeitet und hatte Zugriff auf einen Drucker. Es war normalerweise in der DDR nicht möglich, Drucksachen zu vervielfältigen. Da ich aber direkt über den Drucker verfügen konnte und auch ungestört war, konnte ich so viel drucken, wie ich wollte. Ich habe mit einem Freund ein Kunstprojekt gemacht: Grafiken, Gedichte und Prosa, die wir verteilt haben und ich habe auch Berichte zu Ereignissen verschriftlicht und ausgedruckt.
Das hier ist das Hölderlin-Zitat zur Zerstörung der Natur aus dem Hyperion, geschrieben 1799, und ein paar Zitate aus der Jungen Welt von 1988 und 1989, die zeigen, dass Hölderlin sich leider geirrt hat. 1988 und 1989 hatten wir es schon mit den ersten Anzeichen des Klimawandels zu tun. In der Jungen Welt lief das irgendwie unter Kuriositäten. Irgendwann haben sie gemerkt, dass es ernst war, und damit aufgehört.
Scan des Ausdrucks von Juli 1989
Hölderlin und das Wetter (eine Zitatsammlung)
„Ihr entwürdigt, ihr zerreißt, wo sie euch duldet, die geduldige Natur, doch lebt sie fort, in unendlicher Jugend, und ihren Herbst und ihren Frühling könnt ihr nicht vertreiben, ihren Äther, den verderbt ihr nicht.“ Hölderlin Hyperion bei Gutenberg
„ … Er war zu kalt … und zu sonnenreich. Klärchens Anfall von Arbeitswut konnte aber nicht verhindern, daß der November mit einem Monatsmittel der Lufttemperaturen von 1,5 bis 4,0 Grad Celsius ein bis zwei Grad zu kalt war …. Lagen die Tagesmittel in der ersten und dritten Dekade zeitweise bis zu zehn Grad unter den Normalwerten, gab’s in der zweiten Dekade zur Versöhnung den feucht warmen Händedruck, das heißt, bis zu elf Grad über normal. Leider setzte auch der Elfte eine Unsitte fort, die in diesem Jahr sogar zum Markenzeichen werden könnte: die Niederschlagsarmut. Seit April nun gibt man sich diesbezüglich ausgiebiger Knauserei hin. …“ Junge Welt 06. 12. 1988
„Rekordkälte in Saudi-Arabien
RIYAD. Im Westen Saudi-Arabiens sind am Wochenende die niedrigsten Temperaturen seit 30 Jahren gemessen worden. Dort fiel das Quecksilber auf minus neun Grad Celsius.“, Junge Welt 09.01.1989
„Wetterkapriolen
ROM. Einen `verrückten Winter’ erlebt derzeit Italien. Während in den Alpen Schneemangel herrscht, ist die Schneedecke in den Abruzzen teilweise auf 1,50 Meter angewachsen.“ Junge Welt 01.1989
„ … dessen 2. Dekade mit vier Grad Celsius die sechstwärmste seit 1901 und der Monat insgesamt um 3,5 bis 5 Grad zu warm war. Gnaz bei den Nichtgebirgs-Wintersportlern, denen doch tatsächlich nur an einem Tag Schneefall vergönnt war (normal sind zehn Tage); Galgenhumor bei den vielen Karikaturisten, die angesichts des Überangebots an Sonnenschein – die Monatssumme betrug 40 bis 145 Stunden, also 85 bis 230 Prozent der normalen Jahressumme – das Thema hatten. Und das alles bei einem Manko an Feuchtigkeit, denn stellenweise 5 bis 25 Millimeter Niederschlag sind viel zu wenig.” JW 03.02.1989
„Regen in Rom
ROM. Regen beendete am Mittwoch eine fast dreimonatige Trockenperiode in Norditalien, die als die Schlimmste seit 50 Jahren gilt. ” JW 24. 02.1989
„3 bis 5 Grad Celsius war der Februar in der DDR zu warm. Er hat damit allerbeste Aussichten, in die Top-Five dieses Jahrhunderts zu stoßen. Die Tagesmittel lagen stellenweise bis zu 12 Grad über den Normalwerten, und am 19. herrschte mit einem Schnitt von 10,5 Grad eine Qualität, die man in der Regel zur Mai-Demo erwarten darf. Der anhaltende Hochdruckeinfluß sorgte dafür, daß die Niederschlagswerte weiterhin in den roten Zahlen hängen. Nach diesem schneearmen Winter beträgt das Niederschlagsdefiziet in der Republik 80 bis 120 Liter Wasser je Quadratmeter …. am 26. wurde in Potsdam der tiefste Luftdruckwert seit Beginn der Messungen 1893 registriert: 965,0 Hektopascal, normal für Februar sind 1010,0.“ JW 03.03.1989
“Einer der mildesten Winter der letzten 100 Jahre
Berlin (ADN/JW) Der zurückliegende Winter war mit Abweichungen von drei bis vier Grad Celsius von den langjährigen Mitteltemperaturen in der DDR einer der mildesten der vergangenen 100 Jahre. Das erklärte der Präsident der Meterologischen Gesellschaft der DDR, Prof. Dr. Karl-Heinz Bernhardt, in einem ADN-Gespräch. Die von vielen Bürgern gestellte Frage, ob es sich dabei bereits um eine Folge des Treibhauseffekts handelt, sei jedoch zu verneinen. Die hohen Temperaturen hätten ihre Ursache in Besonderheiten der Zirkulationsprozesse der Atmosphäre gehabt.” JW 21.03.1989
„März ’89 gehört zu den wärmsten dieses Jahrhunderts. Bei Sonnenschein lagen die Tagesmitteltemperaturen bis zu zehn Grad über den Normalwerten für diese Jahreszeit, bei einem Durchschnitt von 5,5 bis 7,5 Grad war der erste Frühlingsmonat stellenweise um 4,5 Grad zu warm. Mit 22,S Grad wurde da (28. März S.M.) in Potsdam der höchste Wert seit 1901 gemessen. Nicht ganz so elogenhaft kann man an die Beurteilung der Niederschlagsmengen gehen. Verbreitet 20 bis 45 Millimeter sind für den März zu wenig. Die schon seit Jahresbeginn anhaltende milde Witterung hat der Natur ohnehin einen Wachstumsvorsprung von rund vier Wochen verschafft.“ JW 05.04.89
„Dürre in Frankreich PARIS. Die schwerste Dürre seit 40 Jahren herrscht derzeit in Südwestfrankreich. Viele Flüsse führen nur die Hälfte der in dieser Jahreszeit üblichen Wassermenge.“,JW l7.04.1989
„Ein Paukenschlag nach dem anderen: 330 Stunden Sonnenschein statt der normalen 221 Stunden – Jahrhundertrekord! Fünf Sommertage mit mehr als 25 Grad, normal sind zwei! 15 Grad Durchschnittstemperatur, zwei Grad über Plan! … statt der üblichen 13 Regentage gab’s nur vier, was zum zweittrockensten Mai seit 1908 führte.“ JW 02.06.1989
„Hitze und Kälte in Italien ROM. Extreme Temperaturschwankungen, wolkenbruchartige Niederschläge mit Gewittern und Schneefällen in Höhen von über 2000 m kennzeichnen eine ungewöhnliche Wettersituation.“ JW 06.07.1989
Stefan Müller 12.07.1989
Scan des Ausdrucks von Juli 1989
Nachtrag
Nick Reimer fasst die aktuelle Lage 2024 in einem Jahresrückblick Fluten, Feuer und schmelzendes Eis zusammen: Die Wälder sterben oder brennen. Sie sind zu CO2-Emittenten geworden. Alles schmilzt.
Wir versuchen die Autoindustrie zu retten.
Eine verwirrte Rose blüht verzweifelt. Allein. Ohne Blätter. Zum Winteranfang.
Eine verwirrte Rose blüht verzweifelt. Winteranfang. Berlin, 21.12.2024