Ham wir ’n Knall?

Im Alter von 13 Jahren fand ich Knaller total cool. Leider konnte man in der DDR nicht einfach so in den Laden gehen und Knaller kaufen. Es gab nur eine beschränkte Menge von Pyrotechnik zu kaufen, man musste sich rechtzeitig anstellen. Meinen Eltern war das zu blöd und Feurwerkszeug durfte man erst ab 16 Jahren kaufen. Es gab einen Deal: Ich ging früh hin, stellte mich an und mein Vater und meine Schwester kamen dann für die letzte Dreiviertelstunde. Früh hieß 7:00. Der Laden öffnete 10:00. Als ich ankam, standen schon ca. 20 Leute dort. Vor mir in der Schlange standen ein paar Jugendliche mit Kassentenrecorder und hörten Ideal. Sex in der Wüste. „Jeder denkt das eine, doch dafür ist’s zu heiß.“ Es war scheiße kalt. Erinnert Ihr Euch? Damals gab es noch Schnee! Die Typen vor mir waren lustig und irgendwie gingen die 150 Minuten auch vorbei und die Füße wurden mittels Fußbad dann wieder aufgetaut.

Feuerwerk. Mitunter kann man das Feuerwerk wegen der Feinstaubbelastung nicht mehr sehen. Ein zentrales Feuerwerk wäre genug.

Die wirtschaftliche Situation oder zumindest die Versorgung mit Knallzeug besserte sich um 85/86 und es sprach sich herum, dass man „in der Stadt“ Knaller ohne Anstehen kaufen konnte (wir wohnten am Stadtrand), aber irgendwie war mein Interesse an Knallern da auch schon im Abflauen: Ne Stunde für ein bisschen Knallen rumzufahren, war mir dann auch zu blöd.

Im August 1989 zog ich in die Innenstadt und ich erinnere mich noch sehr genau an eine Silvesterparty, die 1995 oder 1996 stattgefunden haben muss. Wir wohnten in der Nähe der U-Bahn und die Party-Gäste, die bei uns ankamen, hatten den Horror in den Augen: Von der U-Bahn bis zu uns war es ein einziger Spießrutenlauf gewesen, weil irgendwelche Weirdos Raketen über die (hier oberirdisch als Hochbahn fahrende) U-Bahn auf die andere Straßenseite geschossen hatten. Es war unser letztes Silvester in der Stadt. Seitdem fliehen wir jedes Jahr nach Brandenburg.

Schnee und Stille. Damals. An der Oder.

Dort war Ruhe. Für ’ne Weile. Häuser wurden gebaut. Mehr Menschen wohnten in der kleinen Stadt, in der Straße, in der wir die Zeit über Neujahr verbrachten, und irgendwann wurde dann auch dort kräftig geknallt. Nicht vergleichbar mit Berlin, wo es praktisch von 16:00 bis 3:00 oder 4:00 geht aber immer noch irrwitzig: Vor zwei–drei Jahren gab es am 31.12. strahlenden Sonnenschein. Glasklarer, wunderschön blauer Himmel. Es war eine stabile Wetterlage und für den kommenden Tag war dasselbe Wetter vorhergesagt. Aber am 1.1. war alles grau und verhangen (Der Wetterbericht für den aktuellen Tag hatte sich nicht geändert, die Wetterstationen konnten den Dreck ja nicht „sehen“). Es war der Dreck, den wir selbst erzeugt hatten. Der Neujahrslauf an der Oder war eher deprimierend.

Die Deutsche Umwelthilfe hat einen Newsletter zum Thema Knallerei geschickt, aus dem hervorgeht, dass 2018 133 Millionen Euro für Silvesterknallerei ausgegeben worden sind. Geld für etwas, das der Umwelt erheblich schadet, was Verletzungen wie zerstörte Augen und abgesprengte Gliedmaßen mit sich bringt. Brände1, Müll. Schlicht: Irrsinn. Es gibt seit Jahren Aktionen wie Brot statt Böller, aber auch seit Jahren größer, lauter, billiger werdende Feuerwerke. Von der Party in den 90ern habe ich noch eine Knallerbatterie in Erinnerung, die vor dem Haus gezündet wurde. Ich dachte, eine U-Bahn würde entgleisen. Tiere geraten in Panik. Haustiere aber auch Vögel. Die Vögel kreisen über dem Boden, um der Gefahr zu entfliehen, bis sie dann entkräftet sind und nicht mehr können.

Zusammenfassend kann man sagen: Es ist wie mit allem: Der Überfluss bringt uns um. Drei Knaller zu knallen, die man gerade noch so ergattern konnte, ist nicht so schlimm, aber der Dreck und der Lärm, den wir jetzt jedes Jahr produzieren, hat gigantische Ausmaße erreicht. Städte beginnen feuerwerksfreie Zonen auszuweisen oder die Knallerei ganz zu verbieten. Man kann ein großes, schönes Feuerwerk für alle organisieren. Umsonst und draußen. Das wäre vernünftig: weniger Streß, ungefährlich, ökologischer.

Bis es flächendeckend so weit ist, bleibt nur der Verzicht der Einsichtigen. Ja, wir brauchen Verzicht und Verbote. Mit den Kindern haben wir wieder angefangen, erst mit Wunderkerzen, dann mit Knallern und Raketen. Wenigen. Nun sind sie selbst bei Fridays For Future aktiv und wir werden in diesem Jahr ihr erstes Silvester ohne Knallerei mit ihnen feiern.

Kommt gut ins neue Jahr!

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Privater Klimanotstand

Immer mehr Städte und Staaten erklären den Klimanotstand. Eine beeindruckende Liste von 935 Gerichtsbarkeiten in 18 Ländern ist im Netz verfügbar. Berlin ist noch nicht dabei, aber ein Bezirk (Pankow) ist es. Berliner Aktivisten sammelten 43.522 Unterschriften, um das Thema auf die Tagesordnung des Berliner Senats zu setzen (20.000 werden benötigt). Ich habe auch unterschrieben.

Die Ausrufung eines Klimanotstands hat keine rechtsverbindlichen Folgen. Vielmehr ist es eine Selbstverpflichtung der Organisationen, Klimaaspekte höher einzustufen. Viele Leute finden das also gut. Berlin sollte anderen Städten folgen und den Klimanotstand ausrufen.

Frage: Warum erklären wir nicht unseren privaten Klimanotstand? Was bedeutet das? Denken wir über alles nach, was wir tun, und überlegen, ob es wirklich notwendig ist. Muss ich das Auto nehmen? Nun, es regnet! Na und? Okay, ich werde es heute nehmen, aber morgen mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Kaufe ich diese vier Steaks? Sie sind billig. Oder vielleicht kaufe ich nur ein teures, das von einer glücklichen Kuh kommt. Oder vielleicht keins, weil ich gestern eins hatte. Muss ich diesen Pullover kaufen? Der alte ist immer noch gut genug. Kann ich ihn in einem lokalen Geschäft kaufen oder muss ich einen Lieferservice nutzen?

Gehe ich zu dieser Demonstration/Mahnwache/Aktion oder bleibe ich im Bett? Natürlich sind politische Aktionen viel wichtiger als all diese privaten, individuellen Dinge. Aber man könnte die Dinge zusätzlich zu politischen Aktionen tun. Wir als Gesellschaft müssen uns sowieso ändern, und es ist besser, dies freiwillig zu tun, als gezwungen zu sein, es zu tun.

Wir könnten ein Tagebuch haben, in dem wir Notizen machen, was wir nicht getan haben oder welche Art von Prozess wir optimiert haben. Bist Du mit dem Aufzug gefahren? Oder die Treppe gelaufen? Hast Du die Klimaanlage auf 18°, auf 20° eingestellt oder hast Du sie ausgeschaltet? Du hast gar kein? Gut. Lasst uns alles tun, um die Einführung von Klimaanlagen für diejenigen unnötig zu machen, die jetzt keine haben.

Hiermit erkläre ich meinen privaten Klimanotstand.

Verzicht und Verbote

Auf der Mailingliste der Scientists4Future in Berlin/Brandenburg und auch unter den Aktiven von climatewednesday.org kommt immer wieder die Frage auf, ob es um Verzicht oder um politische Änderungen geht. Luisa Neubauer (die Hauptorganisatorin beim deutschen FridaysForFuture) schreibt auf twitter:

Tja, was wollen wir dann? Was wollen wir denn? F4F möchte eine CO2-Steuer von 180 € auf eine Tonne CO2-Emission. Die 180 € sind vom Umweltbundesamt ins Gespräch gebracht worden. Die Scientists4Future – ich gehöre dazu – unterstützen das. Sie gehen detailliert auf CO2-Kostenmodelle ein und geben Quellen an, die noch von viel höheren Kosten ausgehen, wenn man wirklich alle Klima- und sonstigen Sschäden einrechnen will. (ScientistsForFuture zu CO2-Kosten). Die Grünen schlagen 40 € vor. Modelle der SPD eine schrittweise Erhöhung. Die Einnahmen sollen (je nach Partei) wieder an die Steuerzahlenden zurückgeführt werden, so dass die, die sich klimabewusster verhalten, mehr zurückbekommen, als sie ausgeben und die anderen eben weniger (S4F zur sozialen Gerechtigkeit von CO2-Preisen). Da wir genau wissen, welche von den Dingen, die wir lieben, klimaschädlich sind (Flüge, Autos, Fleisch), wissen wir auch, worauf wir verzichten müssen, wenn wir nicht mehr bezahlen wollen. Letztlich geht es darum, dass wir auf Flüge, Autos und Fleisch verzichten.

Nun die große Frage: Warum brauchen wir dazu die Steuer? Wir brauchen sie nur, weil wir – wie die kleinen Kinder – sagen: „Aber der Peter, der hat doch auch.“. Wir wollen nicht die Doofen sein, die sich einschränken, während alle anderen Party feiern (#leiderGeil). Wir wollen auch nicht von anderen ermahnt werden, wir wollen unsere Prasserei nicht vorgehalten bekommen. Appelle, die zu individueller Verhaltensänderung aufrufen, werden bekämpft (zum Beispiel in der Flugscham-Diskussion).

Verbote

In der Geschichte der Bundesrepublik gab es diverse Verbote und Regulierungen:

Das Rauchverbot in Gaststätten wollten 79 % der Deutschen. Das Verbot der Glühlampe wollte niemand. Die Energiesparlampen, die danach kamen, waren eine ökologische Sauerei mit Quecksilber, sie brauchten ewig, bis sie ein bisschen Licht emittierten. Aber inzwischen gibt es LED-Lampen, die sofort hell sind, ein Bruchteil der Energie verbrauchen, die Glühbirnen verbraucht haben, und deren Lichtspektrum halbwegs in Ordnung ist. Ein Erfolg. Auch ist die Saugleistung von Staubsaugern nicht unbedingt proportional zum Stromverbrauch. Das Gesamtdesign spielt eine Rolle. Auch diese Regulierung führte letztendlich dazu, dass wir jetzt bessere und sparsamere Geräte haben.

Heizpilze auf die Straße zu stellen, damit Menschen vor dem Restaurant sitzen können, ist ökologisch gesehen Wahnsinn. Wir versuchen, unsere Häuser zu isolieren, damit nicht so viel Heizenergie verlorengeht, und dann heizen RestaurantbesitzerInnen einfach gleich die Straße. Für diese scheint es sich gelohnt zu haben. Sie haben an den zusätzlich verkauften Speisen und Getränken mehr verdient, als das Gas für den Heizpilz kostet. Der Markt regelt hier nichts.

Verbote, die wir brauchen und/oder wollen

  • Tempolimit 130
  • überdimensionierte Autos (aka SUVs)
  • Werbeverbot für Reisen, die Flüge involvieren

63 % (Welt) bzw. 57 % (Bild/Targobank) der Deutschen sind inzwischen für ein Tempolimit. Das Tempolimit wäre aus Sicherheitsgründen (weniger Tote) und aus Klimagründen (auch weniger Tote) sinnvoll. Sicher würde damit die Freiheit von Menschen eingeschränkt. Aber muss eine Gesellschaft das zerstörerische Verhalten einiger weniger Personen akzeptieren?

SUVs sind größer, als das für ihre Aufgabe (Transport von Menschen) notwendig wäre. Da mehr Gewicht (bis zu 2,5 Tonnen) transportiert werden muss, ist der Energiebedarf auch höher und somit die Umwelt- und Klimabelastung größer. Die Lösung der Autoprobleme wird oft in der E-Mobilität gesehen. Aber da kommt zu dem ganzen Wahnsinn noch die Batterie hinzu. Bei einem neuen E-SUV von Mercedes wiegt die Batterie 650 kg, das gesamte Auto dann 2,5 Tonnen. Wenn wir irgendwie unsere Klimaprobleme lösen oder zumindest erträglicher machen wollen, dann müssen wir mit diesem Unfug aufhören. Das gelingt uns aber nicht. In Deutschland gehören SUVs mit 31,4 % zur meistverkauften Karosserievariante. Der Markt regelt das? Die eigenverantwortlichen Konsumenten kriegen das schon hin? Nee. Irgendwie nich. Hier wären wohl Limitierungen angebracht.

So, wie Tabakwerbung in bestimmten Bereichen verboten ist, sollte auch Werbung für Flugreisen verboten werden. So, wie man Schockbildchen auf Zigarettenschachteln druckt, könnte man auf jedes Flugticket bzw. auf den Boardingpass zumindest den CO2-Ausstoß pro Person aufdrucken. Beim Boardingpass kann man dann sogar die Anzahl der Passagiere korrekt mit einberechnen.

Verzicht, bevor die Verbote/die Steuererhöhungen vielleicht kommen

Unsere jetzige Regierung ist unfähig. Julia Klöckner (CDU) verhindert seit Jahren jegliche Änderung in der Agrarwirtschaft. Andy Scheuer (CSU) blockiert die Verkehrswende. Die SPD hat ab und zu mal schöne Ideen, wie man Umwelt- und Klimaschutz betreiben könnte, wird aber vom größeren Koalitionspartner einfach übergangen. Sie ist zu schwach, um sich zu wehren. Wir können nicht bis zu den nächsten Bundestagswahlen warten. Sie sind erst 2021. Das sind zwei kostbare Jahre in einem sich schließenden Zeitfenster. Selbst wenn wir zwei Jahre warten würden, käme dann eine Partei, die mit 40 € pro Tonne ins Rennen geht. Nach Koalitionsverhandlungen bleiben dann vielleicht 35 € übrig. Warten ist keine Option. Wir müssen jetzt anfangen. Von den 11 Tonnen, die jeder Deutsche im Durchschnitt verbraucht, können wir durch persönliche Bemühungen sicher auf 6 oder 7 runterkommen (zum Beispiel durch Verzicht auf (einige oder alle) Flüge. Durch Verzicht auf das Auto oder zumindest die Reduktion der gefahrenen Strecken. Einschränkung von Konsum, Umstieg auf 100 % erneuerbare Energie). Der Rest an CO2-Emission ist vor allem dem generellen Energiemix in Deutschland plus fehlender Gebäudeisolierung geschuldet. Ein schneller Kohleausstieg würde hier helfen. Aber den Zeitpunkt kann man als Einzelperson nur durch Demonstrationen, nicht durch Änderung des allgemeinen Verhaltens herbeiführen.

Flüge und Fleisch werden nie verboten werden. Alternative Antriebe/Kraftstoffe für Flugzeuge sind in weiter, weiter Ferne (siehe Diskussion von Power to Liquid). Das heißt, beide werden weiterhin zu unserem großen CO2-Ausstoß beitragen. Ohne Verzicht ist das nicht zu ändern. Ist Verzicht auf Fleisch schlimm? Sollten wir es einfach anders nennen? Gesunde Ernährung vielleicht? Die Deutschen essen viel zu viel Fleisch (1,2 kg pro Woche im Schnitt). Doppelt bis vier Mal so viel, wie die WHO empfiehlt (300–600 g pro Woche). Das heißt, die meisten Deutschen wären ohnehin gut beraten, wenn sie ihre Essgewohnheiten umstellen würden. Und wenn man erstmal damit anfängt, stellt man schnell fest, dass vegetarisches oder veganes Essen ganz lecker ist. Man muss ein bisschen anders kochen. Viele Urlaubsziele kann man mit der Bahn erreichen, statt zu fliegen. Auch hier ist ein Verzicht möglich. Das Schwierigste ist wahrscheinlich das Auto im Alltag. Ob man hier verzichten kann, hängt davon ab, wo man lebt. In der Stadt braucht man keins. Wie beim Essen: Es ist sogar gesünder, wenn man Rad fährt. Carsharing reicht für die wenigen Fälle, in denen es dann doch nicht ohne geht.

Also: Ja, wir müssen verzichten, und wenn wir es nicht schaffen, dann muss man uns Dinge verbieten. Wir sollten schnell mit dem Verzichten anfangen.

Das Flugzeug wäre eh geflogen

Immer wieder höre ich, wenn es um Flugverzicht geht, das Argument: „Das Flugzeug fliegt doch auch ohne mich.“ Ich habe es zum ersten Mal auf einem Elternabend gehört, bei dem es um die Abschlussfahrt in der zehnten Klasse ging. Zur Auswahl standen Neapel und Zinnowitz. Nun taucht das Argument auch in Diskussionen der Scientist4Future auf und zwar von WissenschaftlerInnen, die selbst nicht fliegen, die einen großen Teil ihrer Lebenszeit mit Aktionen gegen Flughafenausbau und Fluglärm verbringen. Irgendwas muss dran sein an diesem Argument. Ich finde, dass es nicht funktioniert und here is why:

Infrastrukturfunktion von Flügen

Aussage: Wenn wir auf Kurzstreckenflüge verzichten, bringt das nichts, weil die Zubringerflüge eine Infrastrukturfunktion haben und die Fluglinien weiter fliegen werden, schon damit ihre KundInnen nicht zur Konkurrenz gehen.

Antwort: Das ist zum Teil richtig. Ich bin auch über London nach Hongkong geflogen. Aber es gibt viel mehr Flugverkehr nach London als für die Zubringerfunktion wichtig wäre. Ich habe mit einer Konzertbesucherin über gemeinsame Musikinteressen gesprochen und sie erzählte mir begeistert von XY, die aber leider in diesem Jahr nur in London spielen würde. Sie ist deshalb zum Konzert geflogen. Genauso Paris.

Hier sind die Flüge, die British Airways nach London anbietet:

Flugangebot British Airways Berlin–London für den 16 Sep. 2019

Die Flüge sind teilweise zum gleichen Zeitpunkt, zeitweise in einem Abstand von 45 Minuten. Das sind die Flüge von nur einer Airline! (Außerdem gibt es noch zwei Verbindungen von Eurowings, sieben von Easyjet und vier von Ryanair) Würden Flüge unwirtschaftlich, würden sich die Airlines zusammenschließen, so wie es ja bei der Star Alliance, Sky Team und OneWorld Allience schon geschehen ist.

Und es gibt Beispiele für die Einstellung von Fluglinien wegen Unwirtschaftlichkeit. Verbindungen von Berlin nach Hamburg gibt es nicht mehr, weil es eine sehr schnelle ICE-Verbindung gibt. Bei der Aufarbeitung meiner Flüge sind mir Tickets von 1994 untergekommen. Ich bin nach Helsinki über Hamburg geflogen. Irrsinn. Flugzeug rein, hoch, runter, bisschen gewartet, bis die Hamburger aus- und eingestiegen waren, dann weiter. Heute kann man immer noch dorthin fliegen, fliegt dann aber über Stuttgart oder Köln:

Abfrage zu Flügen Berlin–Hamburg am 16.09.2019

2015 haben vier Fluggesellschaften Flüge nach Russland wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit eingestellt. 2019 wurden die Flugverbindungen von Berlin nach Karlsruhe, Nürnberg und Saarbrücken eingestellt. Es gibt also Beispiele.

Start-/Landeslots würden anders genutzt

Aussage: Die Slots sind für die Fluglinien sehr wertvoll. Wenn sie eine Route einstellen würden, würden sie den Slot verlieren, weshalb sie „lieber Popcorn durch die Gegend fliegen, als den Slot aufzugeben“.

Antwort: Ja, das machen Fluglinien. AirBerlin hat es uns jahrelang vorgemacht. Ich habe einen Kollegen, der ein Ticket Berlin-Salzburg für 3 € plus Steuern gekauft hat. Seine Flüge wurden wiederholt gecancelt. Er hat dann eine Nacht im Hotel verbracht, weil sich der Flug für die Airline eben nicht gelohnt hätte. Es wäre so teuer gewesen, dass sie lieber den Passagieren eine Nacht im Hotel bezahlt haben. Letztendlich ist AirBerlin Pleite gegangen. Wegen Popcorn sozusagen.

Es ist wahr: Wenn alle Kurzstreckenflüge entfallen würden und es statt dessen in allen Slots Langstreckenflüge geben würde, dann wären wir letztendlich schlechter dran. Dazu müsste es aber ein Wachstum in den Langstreckenflügen geben. Das wird ja auch von der Luftfahrtindustrie so prognostiziert. Wenn wir auf Kurz- und Langstreckenflüge verzichten, freiwillig oder weil die mit 180€/Tonne CO2 besteuert werden, wird es aber kein Wachstum geben.

Parallele Argumentation in anderen Bereichen

Wenn diese Argumentation funktionieren würde, dann müsste ja jede Änderung im Konsumverhalten sinnlos sein. Genauso könnte man ja argumentieren: „Das Huhn im Tiefkühlregal war eh schon tot. Dann kann ich es auch essen. Sonst würde es halt jemand anders essen.“ Das Huhn wird aber aufgezogen und geschlachtet, weil es einen gewissen Bedarf in der Bevölkerung gibt. Man kann als Bauer und als Großhändler und als Einzelhändler abschätzen, wie viele Hühner man an den Mann bringen kann. Wenn keiner mehr Hühner kauft, werden auch keine mehr produziert.

Beispiel Schweden: Flygskam

In Schweden ist die Anzahl der Flüge zwischen Januar und September um 3% gesunken. Das zeigt, dass ein gesellschaftliches Umdenken erfolgreich sein kann.

Schlussfolgerung

„Das Flugzeug wäre eh geflogen“ funktioniert nicht als Argument. Wir müssen Flüge einfach vermeiden, wann immer das möglich ist.

Ich fliege nicht mehr

Am 5. August 2019 habe ich beschlossen, nicht mehr zu fliegen. Überhaupt nicht. Keine Privatflüge, keine Business-Flüge. Bis es möglich ist, CO2-neutral zu fliegen.

2008 habe ich aufgehört, privat zu fliegen, weil immer deutlicher wurde, welchen Schaden Flüge der Umwelt zufügen. Seit dem bin ich auch dienstlich wenig geflogen, der letzte Transatlantikflug war 2016 nach Seoul. Es war ein eingeladener Vortrag bei einer großen Konferenz, was eine ziemliche Ehre für einen Akademiker ist und etwas, das man in seinem Lebenslauf braucht (wir arbeiten daran, dies zu ändern). Mein letzter Flug war 2017 nach Oslo, wo ich für die Forskningrédet (die Organisation, die die Verteilung der norwegischen Forschungsgelder verwaltet) gearbeitet habe. Dies ist wichtig für die Selbstorganisation der Wissenschaft und auch eine Art Ehre, da das Panel aus vier Ausländern bestand, die über die Zukunft der norwegischen Linguistik entscheiden (ein bisschen übertreiben). Es gibt eine Liste meiner Konferenzvorträge auf meiner Webseite.

Die Entscheidung, nicht zu fliegen, war nicht einfach. Ich liebe es, im Ausland zu sein und fremde Kulturen kennenzulernen. Europa ist heutzutage ziemlich langweilig, da die Länder immer ähnlicher werden: das gleiche Zeug in Supermärkten, der gleiche touristische Nepp überall. Ich war oft im Ausland. Wenn man von Einschränkung der Urlaubsreisen spricht, kommt oft: „Ja, für Euch Akademiker ist es einfach, keine Privatflüge zu machen, da ihr sowieso unterwegs seid.“ Tja, ist was dran. Also: Keine Flüge? Überhaupt nicht? Ich war nie in Australien. Der Bereich der Linguistik, in dem ich arbeite, ist in Australien nicht vertreten (Dort wird LFG gemacht, nicht HPSG) und daher gab es dort nie eine Konferenz, an der ich wirklich teilnehmen wollte. Die Selbstverpflichtung bedeutet also, dass ich nie dorthin kommen werde. Afrika? Ich arbeite an germanischen Sprachen. Afrikaans, gesprochen in Südafrika, ist eine von ihnen. Man braucht für Afrika kein Flugzeug, prinzipiell könnte man auch über Land dorthin gelangen. Isländisch, auch eine germanische Sprache. Es gibt eine Fähre. China? Ich habe zwei Arbeiten über Mandarin-Chinesisch veröffentlicht und habe andere berufliche Verbindungen nach China: Mein Grammatiktheorie-Lehrbuch wird gerade ins Chinesische übersetzt. Korea? Ich habe Verbindungen nach Seoul. Dort für einige Zeit zu arbeiten, wäre toll. Ich könnte mit dem Zug dorthin fahren, aber es braucht Zeit. Hm.

Ich habe mit Kollegen und Freunden gesprochen und es stellt sich heraus, dass es eine ganze Reihe von sehr erfolgreichen gibt, die überhaupt nicht fliegen (Prof. Dr. Gisbert Fanselow, Prof. Dr. Shravan Vasishth und Prof. Dr. Isabell Wartenburger). Einige von ihnen PsycholinguistInnen und die wichtigsten Psycholinguistik-Konferenzen finden in den USA statt.

Also, Frage: Ist meine Forschung so wichtig, dass ich bereit bin, anderen Menschen Schaden zuzufügen? Unsere CO2-Emissionen tragen zur globalen Erwärmung bei, was zu schweren Dürren und anderen Katastrophen führt. Millionen von Menschen sind betroffen und werden sterben. Ist die Linguistik wichtiger? Wohl nicht. Ganz sicher nicht.

Wenn Reisen unvermeidbar sind, werde ich den Zug benutzen und ich habe bereits begonnen, auch längere Reisen mit dem Zug zu machen. In diesem Jahr bin ich zum Beispiel nach Bukarest zur HPSG-Konferenz gefahren.

Also: Nie wieder! Ich habe alle meine bisherigen Flüge kompensiert und bin jetzt sauber, zumindest was das Fliegen betrifft. Verpflichten Sie sich, weniger zu fliegen? Wenn ja, hinterlassen Sie Kommentare (siehe auch Kommentare zum englischen Artikel). Wenn Sie keine Kurzstreckenflüge mehr machen, wäre es gut, wenn Sie bei der Selbstverpflichtungsaktion der Berliner Hochschulen zum Verzicht auf Kurzstreckenflüge mitmachen oder eine ähnliche Aktion an Ihrer Hochschule starten.