Warum ich Olympia gut finde

Im Zusammenhang mit unserer Selbstverpflichtungsaktion zum Verzicht auf Kurzstreckenflüge habe ich Menschen angeschrieben und sie auch um Mithilfe beim Crowdfunding für #12062020olympia gebeten. Eine Person hat mir geantwortet, dass sie ihre Unterschrift unter die Kurzstreckenflugaktion nicht öffentlich sehen will, weil sie mit Olympia nicht in Zusammenhang gebracht werden will. Das hat mich einigermaßen verwundert. 1) weil ich ja nicht der Organisator von Olympia bin und 2) weil Olympia eine grandiose Sache ist. In diesem Post will ich erklären, was Olympia ist und warum ich die Idee gut finde.

Die Grundidee

Während wir Normalos so darüber nachdenken, ob wir zur FridaysForFuture-Demo gehen sollen oder ob der nächste wissenschaftliche Aufsatz irgendwie doch wichtiger ist und ob wir einen Verein gründen sollten, in dem wir uns dann irgendwann engagieren können, haben ein paar Wahnsinnige aus Kreuzberg beschlossen, das größte Demokratieprojekt zu starten, das Deutschland je gesehen hat. Sie haben das Olympiastadion reserviert, um dann darin am 12.06.2020 Petitionen an den Bundestag zu verabschieden. Man kann sie dafür nicht genug bewundern, auch wenn wir WissenschaftlerInnen viele Dinge sorgfältiger geplant hätten: Wir haben die Zeit nicht! Die geplanten Dinge müssen jetzt stattfinden. In sehr kurzen Zeiträumen. Die Devise „Wir fangen einfach mal an und justieren dann nach.“ ist also genau richtig für die Zeit, in der wir leben.

Auftaktveranstaltung für das Crowdfunding von #12062020Olympia: Philip Siefer (Gründer Einhorn, Mikro), Thomas Loew (Scientists4Future, grau gesprekelter Pullover), Irma Hausdorf (Fridays4Future, mit Button), Waldemar Zeiler (Gründer Einhorn, Brille Bart) und Charlotte Roche (vorn grüner Pullover) bei der Auftaktveranstaltung zur Crowdfunding-Aktion zur Mietung des Olympiastadions für die größte BürgerInnenversammlung der Welt mit bis zu 90.000 Menschen. Hier weihen sie gerade den Instagram-Kanal das Projekts ein. Berlin, 18.11.19, CC-BY: Stefan Müller

Das Olympiastadion ist der größte Veranstaltungsort, den es in Berlin gibt. Bis zu 90.000 Menschen passen hinein. Wenn man sicherstellen will, dass alle TeilnehmerInnen gut sehen und hören, scheiden Alternativen, die einem vielleicht einfallen könnten, aus. Einzelpersonen können das Olympiastadion nicht mieten. Deshalb sind die Wahnsinnigen mit ihrer Firma als Vertragspartner für das Olympiastadion angetreten. Damit eine Petition im Petitionsausschuss des Bundestags besprochen wird, braucht man mindestens 50.000 Unterschriften. Die Petitionen sollen im kommenden halben Jahr ausgearbeitet werden (siehe unten) und dann am 12.06.2020 gemeinsam eingereicht werden. Die Veranstaltung wird gestreamt, so dass auch Menschen teilnehmen können, die nicht nach Berlin ins Olympiastadion kommen können oder wollen. Da die Versammlung am Tag stattfindet, an dem auch die Fußball-EM beginnt, werden überall im Land Leinwände für das Public Viewing aufgebaut sein. Es gibt also die Möglichkeit vor dem Fußballspiel Olympia-Content zu streamen.

Die Petitionen werden im Stadion vorgestellt und außerhalb des Stadions gibt es Stände, an denen man ins Gespräch kommen kann. Ein riesiges Netzwerk-Event.

Das ganze wird aufgelockert durch Beiträge von MusikerInnen und anderen Künsterlnnen. Ein riesiges Fest der Demokratie!

Themen und KooperationspartnerInnen

Bisher sind folgende Themen für Petitionen vorgesehen:

  • Klimaschutz und Biodiversität
  • soziale Gerechtigkeit
  • Demokratie

Fridays for Future Berlin und Scientists for Future (S4F) sind Kooperationspartner. S4F unterstützt das Projekt mit wissenschaftlicher Beratung. Es werden derzeit weitere Initiativen angesprochen, ob und wie sie unterstützen wollen.

Die Auswirkungen der Klimakrise werden immer mehr sichtbar und die wissenschaftlichen Prognosen zunehmend bedrohlicher. Zugleich sind die Gegenmaßnahmen völlig unzureichend. Die Mehrheit der Deutschen ist mit dem Klimapäckchen der Regierung nicht zufrieden. Die Regierung irgendwie auch nicht, spricht aber von der „Politik des Machbaren“. Die Petitionen sollen zeigen, wie es anders geht.

Neben den Klimafragen sollen demokratietheoretische Fragen aufgegriffen werden, weil wir jetzt Wege brauchen, um das, was „machbar“ ist, zu erweitern. Wir müssen Dinge tun, die die Politik nicht tun kann, weil sie in Lobbyistennetze verstrickt ist und/oder Angst vor den Medien/WählerInnen hat. Möglichkeiten sind ausgeloste repräsentative BürgerInnenversammlungen (Wikipedia dazu) und Lobbykontrolle, wie sie der Bürgerrat Demokratie als Erweiterung der parlamentarischen Demokratie fordert (Bericht tagesschau).

All die Dinge, die sich die For-Future-Bewegung wünscht, werden nicht umzusetzen sein, wenn soziale Fragen nicht mitberücksichtigt werden. Deshalb liegt ein dritter Schwerpunkt für Petitionen im sozialen Bereich.

Ein vierter Bereich ist noch offen. Dieses Feld kann dann zum Start der aktiven Arbeit an den Petitionen mit einem Thema, das viele interessiert, gefüllt werden.

TeilnehmerInnen: die ersten demokratisch ausgearbeiteten Petitionen und begleitende Demonstrationen

Viele, die zum ersten Mal von der Idee gehört haben, sehen nur das Riesen-Event, aber es ist nicht nur das Riesen-Event sondern noch viel mehr: Die Petitionen werden im halben Jahr vor dem Treffen im Olympiastadion ausgearbeitet und zwar von verschiedenen Arbeitsgruppen: von Menschen, denen das jeweilige Thema auf den Nägeln brennt, und von ExpertInnen, die sich diese Menschen dazu einladen. Das unterscheidet die Olympia-Petitionen ganz wesentlich von den Petitionen, die wir alle schon zu Hunderten unterzeichnet haben. Oft sind Petitionen einfach von Einzelpersonen oder von kleinen Gruppen auf die Reise geschickt worden. Hier werden sie aber von größeren Gruppen ausgearbeitet und man kann auch darauf achten, dass Personen mit verschiedenen sozialen Hintergründen beteiligt werden. Aus den im Vorfeld erarbeiteten Petitionen werden einige ausgewählt, die am 12.06.2020 dann im Stadion besonders präsentiert werden.

Eine solche gemeinsame Ausarbeitung von Petitionen ist bisher einzigartig und ich sehe darin eine große Chance für unsere Demokratie und die Beteiligung der BürgerInnen an den Geschehnissen in diesem Land und dieser Zeit.

Die Bedeutung von Petitionen

Bundestagsmitglieder sagen, dass Petitionen in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben und ernster genommen werden. Davon unabhängig befinden wir uns aber in einer besonderen Zeit. Wenn im Juni mit großem Getöse 10 Petitionen verabschiedet werden, die vielleicht 100.000 oder 200.000 UnterzeichnerInnen haben werden (streaming und Unterschriften im Nachgang der Aktion), dann kommt niemand an diesen Petitionen vorbei. Parteien müssen dazu Stellung beziehen. Wir bestimmen die politische Agenda! Und: Es sind Wahlen. Spätestens 2021. Das heißt, wir können festlegen, welche Themen in den Wahlprogrammen auftauchen werden. Die Olympiaidee ermöglicht so, vielen Menschen an demokratischen Prozessen teilzunehmen, die ansonsten verzweifelt zu hause oder auf der Couch eines Psychiaters sitzen würden.

Crowdfunding

Als Internet-Mensch kennt man sich mit Crowdfunding aus, aber für Olympia brauchen wir alle. Deshalb hier eine kleine Anmerkung dazu, wie Crowdfunding funktioniert. Bei Crowdfunding-Aktionen verpflichtet man sich, eine bestimmte Summe zu bezahlen. Diese wird abgebucht und man erwirbt damit ein Recht auf eine bestimmte Leistung. Wenn das Crowdfunding-Ziel nicht erreicht wird, bekommt man aber sein Geld zurück. Die ganze Sache ist also für die GeldgeberInnen komplett risikolos.

Zur Zeit sind 555.000€ eingeworben (update 24.12. morgens: 1.626.818 €). Gebraucht werden aber 1.8 Mio €. Dieser Betrag ist gigantisch, aber er wird für Stadionmiete, Technik und Security gebraucht. Wenn die Rolling Stones im Olympiastadion spielen, kosten Tickets 96€.

Ticket vom Rolling-Stones-Konzert: Ein Teil der Einnahmen wird für Stadionmiete, Anlage, Beleuchtung und Security benötigt.

Die 96€ gehen nicht komplett auf die Konten der Stones. Davon muss eine riesige Maschinerie bezahlt werden. Der Aufwand für Olympia ist ähnlich (vielleicht abzüglich Kosten für das Feuerwerk zum Schluss, das ohnehin nicht umweltverträglich war), aber viel von diesem Aufwand wird ehrenamtlich geleistet. Die OrganisatorInnen haben ein Ticket mit 30€ kalkuliert, wobei da schon eine CO2-Kompensation mit eingerechnet ist.

Zusammensetzung des Ticketpreises nach FAQ der VeranstalterInnen, 22.12.2019

Damit das Event stattfinden kann, muss die Abnahme von 60.000 Tickets garantiert sein. Sollte von diesem Geld etwas übrig bleiben, wird das dann für entsprechende Zwecke gespendet.

Bei startnext kann man ein Ticket für sich selbst kaufen, aber auch ein Ticket für sich und ein Ticket, das jemand anders geschenkt bekommt (https://www.startnext.com/12062020/). Man kann auch 1001 oder 1000 Tickets spenden. Wenn die Gesamtsumme nicht zusammen kommt, bekommen die UnterstützerInnen ihr Geld zurück.

Schlussfolgerung

Alles klar? Dann Konto gecheckt und crowdgefundet! Hier gehts zu startnext.

Anhang: Weitere Informationen

Unterstüzerinnen/BeraterInnen

  • Bela B, Die Ärzte (24.12.2019)
  • Psychologists For Future (18.12.2019)
  • Scientists for Future Berlin/Brandenburg (18.12.2019)
  • Parents For Future (19.12.2019)
  • Die Genossenschaftbank GLS-Bank
  • der Grundeinkommen-Verein
  • Günter Faltin und die Entrepreneurs For Future
  • Mehr Demokratie e.V.
  • Open Petition
  • German Zero (21.12.2019)
  • change.org
  • Demokratie in Bewegung
  • Schule im Aufbruch

Links

Update: Kritikpunkte

Nachtrag 24.12. In den sozialen Medien und sogar auch in den klassischen werden immer dieselben Kritikpunkte besprochen, obwohl diese in der FAQ der VeranstalterInnen längst abgehandelt sind (leider kam die zu spät in dem ganzen Prozess). Zur unsäglichen Berichterstattung in der taz habe ich einen weiteren Blog-Post geschrieben. Hier noch einmal einige Punkte.

Repräsentativität, regionaler Bias

Nachtrag 24.12 Es kommt immer wieder der Vorwurf, die Versammlung sei nicht repräsentativ für die deutsche Bevölkerung. Das ist ein einigermaßen absurder Vorwurf, denn keine Demo, keine Versammlung ist repräsentativ. Es sei denn, sie wäre extra so zusammengestellt. Dafür, dass solche repräsentativ zusammengestellten BürgerInnenversammlungen Teil unseres demokratischen Prozesses werden, kämpft der Bürgerrat für Demokratie und ich persönlich würde das auch gern im Rahmen von Olympia unterstützen.

Ansonsten: Auch Fridays For Future ist nicht repräsentativ. Sie sind trotzdem großartig.

Genauso ist der Vorwurf eines regionalen Bias kein sinnvolles Argument:

Was ist daran schlimm, dass das in Berlin stattfinden soll? Es haben eben BerlinerInnen organisiert. Genauso könnte das Event in München stattfinden. Ich würde es dennoch unterstützen. Nachteil wäre, dass es in München keinen so großen Veranstaltungsort gibt. Das Olympiastadion ist der zweitgrößte in Deutschland. Und die Petitionen können im ganzen Land ausgearbeitet werden bzw. Menschen von außerhalb können teilnehmen. Extinction Rebellion arbeitet auch landesweit, ja sogar global. Das kann man mit Telekonferenzen machen. Kein Problem.

30.12.2019 Es gibt noch eine besonders schönen, weil so schön absurden Aspekt dieses Vorwurfs: „Das Ganze ist nicht repräsentativ, deshalb machen wir nicht mit.“ Würden sich alle in die Ausarbeitung der Petitionen einbringen, so könnte man sich dem Ideal der Repräsentativität annähern. Zumindest könnten alle Bevölkerungsgruppen beteiligt werden. Beteiligt man sich nicht, bedeutet das, das man auf irgendeinen späteren Termin wartet, zu dem man dann ausgelost wird oder jemand anders, der derselben sozialen Gruppe zugerechnet wird.

CO2-Fußabdruck des Events

Nachtrag 25.12.2019 Es wird mitunter angemerkt, dass das Event selbst einen CO2-Fußabdruck hinterlässt. Dieses Argument ist relativ merkwürdig, wenn man sich überlegt, wie das bei anderen Demos ist. Wenn Menschen sich versammeln, dann müssen sie irgendwie zum Versammlungsort kommen. So fahren Bauern mit ihrem Traktor in die Stadt oder Menschen mit dem Zug zum Hambacher Forst oder zu Ende Gelände in die Lausitz.

Die Demonstration „Wir haben es satt!“ mit 171 Traktoren Unter den Linden, Berlin, 19.01.19

Ganz Großbritannien kam zur Rebellion Week nach London, um dort die Innenstadt zu blockieren.

Sänger während der Rebellion Week von Extinction Rebellion in London, Whitehall, 08.10.2019

Dass Menschen durchs Land reisen, ist normal für Demonstrationen. Das Stadion-Event kann man durchaus mit Demonstrationen vergleichen (lt. Wikipedia ist eine Demonstration eine in der Öffentlichkeit stattfindende Versammlung mehrerer Personen zum Zwecke der Meinungsäußerung). Der einzige Unterschied ist, dass der Platz im Stadion begrenzt ist, so dass vielleicht nicht alle im Stadion teilnehmen können, sondern das Ereignis per Streaming mitverfolgen müssen. Aber auch bei der Demo am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz konnten nicht alle die Bühne sehen. Eine Millionen Menschen waren einfach zu viel. Genauso bei der #unteilbar-Demo im Oktober 2018. Über 240.000 Menschen waren dabei, nur wenige konnten die Bühne an der Siegessäule sehen.

Die Unteilbar-Demo gegen 16:00 von der Siegessäule aus photographiert. Es waren noch nicht alle der 242.000 TeilnehmerInnen angekommen. Berlin, 15.10.18

Würde man die KritikerInnen ernst nehmen, würde das bedeuten, dass wir uns nicht bewegen sollen. Nein, es geht bei Olympia auch um eine Demonstration! Und nur weil wir Ökos sind, heißt das nicht, dass wir nicht mehr zusammenkommen. Und dass es Konzerte gibt, kann man auch niemandem vorwerfen. Der einzige Unterschied zwischen #wirsindmehr, #unteilbar und #olympia ist, dass es Sitzplätze gibt (sehr sinnvoll bei einer neunstündigen Veranstaltung), dass alle besser sehen können und dass die Klos besser sein werden.2

Konstantin Wecker: Der Liedermacher spielte live vor 240.000 Menschen bei der Demonstration #unteilbar, Berlin, 13.10.18

Was nun Olympia von anderen Events abhebt, ist, dass der CO2-Schaden kompensiert wird. Und zwar für alles, was im Stadion stattfindet. Das ist großartig und soweit ich weiß, gab es das bisher nie für irgendeine Veranstaltung. Und wenn man möchte, dann kann man zusätzlich auch die Anreise kompensieren lassen. Auch das ist einzigartig.

Das schöne Geld! Was man damit alles machen könnte!

26.12.2019 Das einzige Argument, das ich halbwegs irgendwie als Argument anerkennen würde, ist: „Mann, 1,8 Mio Euro? Was man damit alles machen könnte!“ bzw. „Mann, was hätte man mit 2 Mio Euro alles machen können!“ Zwei Millionen Euro sind ein Haufen Geld, man könnte damit Projekte im Süden finanzieren, könnte Fridays For Future helfen, könnte die Streikkassen der Workers For Future füllen. Ich denke aber, dass es hier einen Denkfehler gibt: Es gibt diese Summe nur als einen Batzen, weil die Menschen die olympische Idee gut finden. Sie sonst einzuwerben ist nicht einfach. Es gelingt natürlich für manche Projekte. Menschen, die für Olympia gespendet haben, spenden auch bei FFF, bei Unicef, bei Amnesty International, Greenpeace, share the meal (Die haben ne coole app!) und sonstwo.

Spendensammlung in großen Kübeln bei der Friday For Future-Demonstration #NeustartKlima in Berlin am 29.11.2019 Es ist klar, große Demos mit Musikanlagen kosten Geld (siehe auch meinen Beitrag taz lügt nicht)

Aber niemand würde mal eben so zwei Millionen für FFF oder für die Streikkassen der Arbeiter zusammenbekommen.

Bahner beim Globalen Streik fürs Klima, #AlleFürsKlima, Berlin, 20.09.2019

Einfach weil der Spendenaufruf nicht durchdringt, weil es keine klare Motivation gibt, diese Crowdfunding-Summe zusammenzubekommen, weil die Menschen andere Dinge im Kopf haben usw. Interessanterweise kann Olympia aber auch genau bei diesem Problem helfen: Viele Menschen werden Olympia gemeinsam vorbereiten. Am Tag im Stadion werden noch viel mehr Menschen erreicht. Man kann in diesem Zusammenhang einfach weitere Crowd-Funding-Aktionen oder Spendensammel-Aktionen starten und diese auch im Stadion und davor und danach bewerben. Man stelle sich den ersten Streik mit Crowd-Funding-Streikkasse vor.

Die Olympische Idee ist so groß, dass ganz klar ist, warum manche Angst vor ihr haben.

Emotionalisierung der Massen

Ein Punkt, der immer wieder kommt, aber auf fehlender Information zum Charakter von Olympia beruht, ist folgender: „Ein Event, bei dem zehntausende emotionalisierte Menschen Petitionen durchwinken, ist ein Alptraum. Das hat nichts mit Demokratie zu tun.“ Dem kann ich nur zustimmen! Ich hasse gleichgeschaltete Massen. Insbesondere zusammen mit dem Olympiastadion kommen da ungute Gefühle auf. Ich bin aus dem Osten und weiß, wie es sich anfühlt, wenn Menschen versuchen, jemanden in eine bestimmte Richtung zu drängen. Ich war schon zu DDR-Zeiten in der alternativen Musikszene unterwegs (Gefahrenzone, AG Geige, die Art, die Anderen, Herbst in Peking, Firma, Freygang, Ich-Funktion, Hard Pop (mit Steve Binetti), Papierkrieg, Skeptiker, Feeling B, Sandow, Rosengarten, Freunde der Italienischen Oper, Die goldenen Zitronen)3 und arbeite auch in der Wissenschaft in einem Minderheitenframework (einfach weil es die bessere Theorie ist, ätsch). Ich habe über den Druck und Versuche zur Gleichschaltung auch in Der moralische Druck der Öko-Gutmenschen ist ja wie in der DDR geschrieben.

Freygang bzw- Freygang-Band, unangepasst vom ersten Konzert 1977 bis zum letzten 2019. Das Bild zeigt das vorletzte Konzert im Schokoladen, Berlin am 22.03.2019. Zu DDR-Zeiten war das mit dem Photographieren eher problematisch, weil die Leute mit den Kameras meist von Horch und Guck waren.

Aber: Olympia ist etwas ganz Anderes: Olympia ist ein Prozess, nicht nur ein Event. Das Event ist in der Mitte, aber davor gibt es drei große Phasen: 1) das Crowdfunding 2) die Zusammenstellung der Arbeitsgruppen, die Ausarbeitung der Petitionen, die Auswahl der Petitionen, die ins Stadion kommen. Die Hoffnung ist, dass die fast 30.000 UnterstützerInnen von Olympia und viele mehr sich an diesem Prozess beteiligen. Bisher ist Olympia fast ausschließlich in den sozialen Medien organisiert worden, weil die Presse der Idee wegen anfänglicher Nicht- bzw. Fehlkommunikation dem Projekt feindlich gegenüber stand (Ausnahmen sind RBB und ZDF [nennt mir mehr positive Beispiele]). Das wird hoffentlich jetzt anders. Die OrganisatorInnen haben auch einen entsprechenden Liebesbrief an die Medienschaffenden geschrieben. Der ganze Prozess wird also maximal transparent und öffentlich stattfinden. Wenn die Presse nicht will, dann machen wir auch das eben ohne sie, aber wir sind viele, so dass es für entsprechende Nachrichten auch einen Markt gibt [=:-(] und vielleicht wird es ja doch noch eine große Liebe. Ich würde nun erwarten, dass alle, die ins Stadion kommen und alle, die den Tag an irgendwelchen Bildschirmen oder Leinwänden verfolgen, sich mit den Themen beschäftigt haben. Oder vorsichtiger: viele.

Wenn die Petitionen mehrere Wochen vor dem Stadionereignis auf dem Bundestagsserver freigeschaltet werden, könnten sie bereits vor dem 12.06. die Quote von 50.000 Unterschriften erreicht haben, so dass es auch auf Einzelstimmen nicht mehr so ankäme. Es gäbe also keinen Grund, irgendwie Druck aufzubauen, und jede/jeder könnte sich frei entscheiden.

Letztendlich hängt natürlich viel von der Präsentation und der Moderation des Events ab. Die Petitionen selbst müssen natürlich mit Schwung vorgestellt werden, aber die Moderation könnte ja ein nüchterner und langweiliger Wissenschaftler übernehmen. Rauschartige Zustände wie zuletzt beim Crowdfunding von Olympia lassen sich dadurch vermeiden, dass im Stadion keine Zahlen über Petitionszeichnungen bekannt gegeben werden. Die Zahlen kann man zwar normalerweise auf den Petitionsseiten sehen, aber es ist sicher möglich, den Betreiber der Petitionsseiten des Bundestages darum zu bitten, die Anzeige der Zahlen auszuschalten. Die Ergebnisse würden dann nach dem Ende oder zum Ende der Veranstaltung bekannt gegeben.

Olympia ist mit diesem Höhepunkt in der Mitte nicht vorbei. Wenn wir am Freitag zehn oder wie viel auch immer Petitionen verabschiedet haben werden, heißt das nicht, dass die am Montag im Bundestag besprochen werden und am Dienstag ist die Welt oder zumindest das Land in Ordnung. Die Petitionen werden nach und nach in den Bundestag kommen und das muss von uns begleitet werden und zwar mit Action! Demonstrationen, Mahnwachen, was auch immer. Das heißt, es liegt ein Jahr Arbeit vor uns. Was brauchen wir dafür? Tja: Emotionen. Ärger (Jonny Rotten: Anger is an energy), Trauer, Wut, Fröhlichkeit. Möglichst in der richtigen Mischung und zur richtigen Zeit. Ich war im Oktober in London und es hat mich sehr beeindruckt, mit welcher Leichtigkeit und Effektivität Extinction Rebellion dort protestiert und blockiert hat.

Fröhlichkeit: Trafalgar Square blockiert und Spaß dabei. Dieser Rebell hat sich mit seiner Partner-Rebellin mit zwei Rohren verbunden, die die Polizei in stundenlanger Arbeit aufsägen musste, um sie räumen und verhaften zu können. Selbst die Polizei war gut drauf … London 10.10.2019
Trauer: Die Lambeth Bridge in London wurde durch XR Faith blockiert. XR Faith ist ein Zuammenschluss verschiedener Religionen innerhalb von Extinction Rebellion und ich habe zum ersten Mal eine Veranstaltung gesehen bei der Muslime, Juden, Christen, Hindus und Buddhisten der verschiedensten Art gemeinsam miteinander für eine Sache eintreten. London, 07.10.2019

Auch bei Fridays For Future-Demonstrationen spielen Emotionen eine Rolle: Wut, Wut auf uns Erwachsene, die das mit dem Klima nicht hinkriegen. Die ein Jahr lang nur blockiert haben. Also nicht wir jetzt sondern die anderen …

Wut: Jugendliche von Fridays For Future haben WissenschaftlerInnen bei ihrer Schweigeaktion (#AllesGesagt) vor dem Bundezkanzlerinnenamt unterstützt. Am Ende der Aktion haben sie sich von den Pflastern befreit und schreien ihren Frust in Richtung Bundeskanzlerin, Berlin, 15.11.2019

Wir brauchen Emotionen. Wir brauchen sie für das kommende Jahr. Im Stadion aber sollten wir den Ball flach halten.4

Emotionen, die wir nicht brauchen, sind Hilflosigkeit, Ohnmacht und die sich daraus ergebende Verzweiflung und Depressionen. Aber dagegen gibt es ein Mittel: Mitmachen im Olympia-Jahr! Los!

Schmeißt doch das Geld gleich zur Tür raus

Nach der Katastrophe am 20.09. war ich so schockiert, dass ich erst mal aufgehört habe mit meinen Ökotipps. Es ist, wie alle sagen: Das, was wir erreichen können mit Dingen wie weniger heißes Wasser beim Duschen verbrauchen, ist Pillepalle im Vergleich dazu, was die Bundesregierung erreichen könnte, wenn sie mehr als Pillepalle machen würde. Natürlich müssen wir jede und jeder selbst etwas tun, aber wir müssen auch die Regierung dazu bewegen, sich zu bewegen. Noch mehr.

Jetzt aber doch wieder einen Tipp, denn es wird Winter. Die energieintensive Zeit.

Am 14.11. bin ich zu Gravis gegangen, weil ich einen Adapter brauchte. Auf dem Weg nach draußen habe ich bemerkt, dass die Tür nicht richtig schließt. Das liegt oft daran, dass die wärmere Luft nach draußen strömt und beim Schließen der Schwung der Tür nicht ausreicht, um die Tür entgegen der Strömung zu schließen. Der Schließmechanismus muss im Winter anders eingestellt werden.

Nicht schließende Tür bei der Gravis-Filiale. 14.11.2019

Ich bin noch einmal ins Geschäft gegangen und habe einen Mitarbeiter auf das Problem hingewiesen.

Wie das mit Appel-Adaptern so ist: Es gibt viele verschiedene und ich habe den falschen gekauft. Erst am 27.11. hatte ich Zeit, den Adapter umzutauschen und ratet mal, was meine entzündeten Augen sehen mussten? Die Tür steht immer noch offen:

Nicht schließende Tür bei der Gravis-Filiale. 27.11.2019

Ich habe den Mitarbeiter gefragt, was mit der Tür sei und er meinte, dass das Problem bekannt sei. Am 14.11. waren es tagsüber 4°. Das hat sich bis heute (02.12.) nicht geändert. Ich war heute noch mal da, um zu sehen, ob sich etwas getan hat. Nee:

Nicht schließende Tür bei der Gravis-Filiale. 03.12.2019

Der Schließmechanismus lässt sich mittels zweier Schrauben einstellen. Das kann sogar ich und ich habe zwei linke Hände mit insgesamt zehn Daumen dran. Linken Daumen. Die Leute vom Gravis-Store sind aber Freaks. Die können Notebooks auseinanderschrauben und noch viel kompliziertere Sachen.

Um die Schließung straffer oder weniger straff einzustellen, muss man nur an zwei Schrauben drehen. Das ist einfach:

Dokumentation eines Türschließers
Türschließer bei uns im Haus. An Schrauben 1 und 2 muss man drehen. In Richtung dünner werdender Pfeil, weil die Dämpfung verringert werden muss.

Sollten die Gravis-MitarbeiterInnen das nicht können oder dürfen, dann sollte Gravis jetzt schnell dafür sorgen, dass nicht weiter Geld zum Fenster rausgeschmissen wird und Energie vergeudet wird.

Und jeder, der oder die in einem Wohnhaus wohnt, in dem im Winter die Tür nicht richtig schließt, kann sie selbst nachstellen. Ist einfach!

Update: Tür ganzjährig offen wegen falscher Klinke

Update: 23.12.2019 Man ärgert sich über diese kleinen Nachlässigkeiten, aber es geht noch schlimmer: Ich war heute im Prenzlauer Berg einkaufen, als ich diese Bademantelkonstruktion sah:

Ladentür im Prenzlauer Berg. Weil außen keine Klinke ist, steht die Tür immer einen Spalt breit offen, Berlin, 23.12.2019

Ich fragte die beiden VerkäuferInnen, wieso denn die Tür offen stünde. So von wegen Klimawandel und Energieverschwendung und so. Die eine meinte: „Ja, vielleicht könnte man statt eines Bademantelgürtels etwas Dünneres verwenden, damit der Spalt nicht so groß wäre.“ Erst dann hat mir die andere das eigentliche Problem erklärt: Man könne die Tür ja sonst nicht öffnen, weil außen keine Klinke sei. Ich war etwas baff, denn es gibt ja ungefähr 10.000 andere Läden im Prenzlauer Berg, die dieses Problem gelöst haben. Für Klinkengarnituren gibt es oft unterschiedliche Ausführungen, welche mit Klinken und welche ohne. Die Kosten liegen (geraten) zwischen 10 und 30€. Die beiden VerkäuferInnen haben mir versprochen, mit ihrem Chef zu reden.

Bitte, wenn Ihr so was seht, redet mit den Verantwortlichen.

Ansonsten hilft vielleicht auch hier ein hoher CO2-Preis (mit sozial gerechter Ausschüttung an alle am Jahresende).

Update Gravis

Update 10.01.2020 Mein Telefon ist kaputt gegangen. Ich war noch einmal bei Gravis und die Tür steht immer noch offen. Mindestens seit dem 14.11.2019. Also fast zwei Monate. Jetzt wissen noch mehr Menschen in der Filiale Bescheid.

„Wir reparieren.“ Alles außer Türen. Die stehen bei Gravis seit dem 14.11.2019 trotz mehrere Hinweise und trotz tweet an die Gravis-Zentrale offen.

Am Boden bleiben, Berlin, 2019-11-10

Symbolische Blockade des Flughafens Berlin Tegel (TXL) durch Am Boden bleiben (stay grounded). Die BlockiererInnen hatten angekündigt, dass sie so blockieren wollen, dass niemand seinen Flug verpasst, und haben die Blockade auch so durchgeführt. Die Polizeit hat aber am Tunnel zu Tegel Flugtickets kontrolliert und so einen enormen Stau verursacht. Busse endeten mehrere hundert Meter vor dem Flughafen, so dass Passagiere laufen mussten.

Der Gewaltbegriff von Extinction Rebellion: eine Antwort in Bildern

In seinem Artikel Agressiv friedlich in der taz schreibt Simon Sales Pedro, dass Extinction Rebellion keine Bewegung für alle sein kann, weil dies schon am von XR angenommenen Gewaltbegriff scheitern müsse. Er hält das Prinzip der Gewaltfreiheit für eine Illusion.

Lieber Herr Sales Pedro, Sie schreiben:

Man sei ein gewaltfreies Netzwerk, heißt es online unter Punkt neun auf der Liste der Prinzipien und Werte. Auf der Straße sieht das dann so aus: Als am Montag die Polizei in London eine Blockade auflöste, sangen die Demonstrierenden „Polizei, wir lieben euch, wir tun das auch für eure Kinder“. Und nachdem die Berliner Behörde am Dienstag den besetzten Potsdamer Platz räumte, applaudierten die Aktivist*innen und bedankten sich – bei der Polizei. Das muss wohl dieser zivile Ungehorsam sein.

Ja, das ist der zivile Ungehorsam. Ich habe mich gestern hier in London lange mit einem Mann über Gewalt unterhalten. Ich habe ihn gefragt, wieso es die Protestierenden schaffen, am Trafalgar Square Dutzende Zelte aufzustellen.

Zelte am Trafalgar Square, London, 08.10.2019

Er meinte, dass die Polizei nicht hinterherkäme. Er hat mir gesagt, dass in London zur Zeit nur Londoner Polizei eingesetzt wird. Ich habe ihm von den „Mai-Revolutionen“ in Berlin erzählt und dass da Tausende PolizistInnen im Einsatz waren. Er meinte, dass sich das sofort ändern würde, wenn XR gewalttätig wäre. Der Trafalgar Square ist besetzt. Brücken waren besetzt, die Zufahrten zur Westminsterbrücke ist immer noch besetzt. Das ist gewaltfreier ziviler Ungehorsam.

Wenn Extinction Rebellion dazu aufruft, sich von der Polizei festnehmen und wegtragen zu lassen, dann schließt man dadurch alle Menschen aus, die das nicht tun können – wegen ihrer Hautfarbe, wegen ihres Arbeitsverhältnisses oder ihres Aufenthaltsstatus.

Das ist richtig. Ich bin Beamter und kann mich deshalb nicht verhaften lassen. Bin ich deshalb traurig, weil ich nicht mitmachen darf? Bin ich benachteiligt? Nein, denn es gibt ganz viele verschiedene Möglichkeiten, sich zu beteiligen, sich einzubringen. KollegInnen von mir beherbergen RebellInnen, die nach Berlin kommen. Andere helfen, indem sie Comics zur Wissenschaftsillustration zeichnen. Und selbst wenn man auf die Straße gehen will, heißt das nicht, dass man sich verhaften lassen muss. Am 07.10.2019 hat die religiöse Rebellion die Lambeth-Brücke in London blockiert. Das folgende Bild zeigt einen Muslim und eine Muslima, die zu den anderen gesprochen haben. Ob sie sich verhaften lassen haben, weiß ich nicht, es war jedenfalls nicht notwendig.

Muslim und Muslima sprechen bei Brückenblockade in London, Lambeth-Bridge, 07.10.2019

Extinction Rebellion müsse die komplexen Realitäten aller von der Klimakrise Betroffenen berücksichtigen, statt sich ihre Kämpfe anzueignen. Die mangelnde Sensibilität hierfür könnte daher rühren, dass Extinction Rebellion wie so viele Klimabewegungen vor allem eines ist: weiß.

Ich frage mich ernsthaft, wie man sich als Bewegung hier richtig verhalten sollte. Die Aufgaben, die vor uns liegen, sind so gewaltig, wie kann man da jemandem vorwerfen, er wolle einem Arbeit wegnehmen, zumal wenn er dazu aufruft, die Arbeit gemeinsam zu erledigen.

Eine Klimabewegung, die sich selbst ernst nimmt, muss intersektional denken. Sie muss Rassismus und Sexismus ablehnen, sie muss den Kapitalismus kritisieren.

Der Witz an XR ist, dass diese Bewegung niemandem vorschreibt, was er oder sie muss – abgesehen von einigen Grundregeln wie zum Beispiel gewaltfreiheit. Wenn man lange genug über die Lage nachdenkt, kommt man von allein drauf, dass unsere Regierungen in dem Rahmen, in dem sie agieren, gefangen sind. Das Klimapäckchen der deutschen Regierung ist das beste Beispiel dafür, wie eine Regierung versucht, alles, was irgendwie wehtun könnte auf nach den Wahlen zu verschieben. Das ist der demokratische Ansatzpunkt von XR: BürgerInnenversammlungen aus zufällig repräsentativ ausgewählten BürgerInnen können helfen, das Problem zu lösen. Sie können der Regierung Vorschläge unterbreiten, die diese dann umsetzen können, ohne sich vor ihren WählerInnen dafür rechtfertigen zu müssen, denn die Legitimation hätten sie direkt vom Volk bekommen. Diese BürgerInnenversammlungen (damals noch Bürgerversammlungen) gab es übrigens schon damals in Griechenland.

Ob man bei den anstehenden Veränderungen gleich noch den Kapitalismus abschafft, abschaffen kann, ist eine interessante Frage. Mir persönlich würde schon reichen, wenn man das Überleben der Menschheit sichern könnte. Die anstehenden Transformationen werden ohne hin so gewaltig sein, dass wir unsere Gesellschaften dann nicht mehr wiedererkennen werden. So oder so.

Statt sich gut gelaunt von Polizisten festnehmen zu lassen, müsste man anprangern, dass vor allem Schwarze Menschen von Polizeigewalt betroffen sind.

Den dass-Satz möchte ich als Meta-Whataboutism bezeichnen. Wieso soll XR Gewalt gegen schwarze Menschen anprangern? Bei XR geht es um die Klimakatastrophe, Gewalt gegen Schwarze ist ein Problem, das gelöst werden muss, aber nicht noch zusätzlich auch noch von XR. (Die Bewegung der schwarzen AmerikanerInnen ist übrigens ein Vorbild von XR)

Ansonsten denke ich, dass Sie sich für diesen Satz bei allen an XR Beteiligten entschuldigen sollten. Ich zeige Ihnen ein paar Bilder von zwei Tagen in London. Das erste Bild zeigt eine hochbetagte Frau, die sich hat festnehmen lassen (07.10. Trafalgar Square). Sie wirkte auf mich sehr zerbrechlich, von guter Laune keine Spur.

Hochbetagte Frau mit Stock wird am Trafalgar Square festgenommen. Der Polizist trägt ihren Rucksack. Rechts der Mann ist Leagle Observer. Die Umstehenden klatschen Beifall für sie und rufen „We love you“. Auf dem T-Shirt in Rot steht: „Labor Party says no to … Fascism Racism Antisemitism Islamophobia“

Die Männer und Frauen im und am Auto haben sich mit Schlössern am Auto angeschlossen oder miteinander verbunden.

Sie sitzen jetzt bereits über zwei Tage in diesem Auto oder liegen daneben bzw. darunter. Es hat teilweise stark geregnet. Der Mann außerhalb des Autos ist wahrscheinlich unterkühlt. Keiner von ihnen konnte sich in dieser Zeit richtig bewegen. (Toilette!?!) Einfach schon so lange in einer Körperhaltung zu liegen oder zu sitzen ist eine enorme Leistung.

Die zwei Frauen auf dem folgenden Bild haben sich mit Fahrradschlössern am Kopf zusammengeschlossen.

Zwei Frauen haben sich mit Fahrradschlössern am Kopf zusammengeschlossen.

Um sie zu trennen, hat die Polizei ihre Köpfe mit feuerfestem Tuch abgedeckt, ihnen Schutzbrillen aufgesetzt und die Schlösser dann mit einem Trennschleifer aufgesägt. Die Polizistin hat die eine Rebellin gefragt, ob sie gehen möchte, ansonsten würde sie verhaftet. Die Rebellin hat erklärt, dass sie verhaftet werden möchte.

„Sie können gehen, wenn Sie wollen.“ „Nein, bitte verhaften Sie mich.“

Ihre Mitstreiterin war beim Abtransport ohnmächtig oder wirkte zumindest so.

Eine gut gelaunte Festnahme sieht anders aus.

Aber jenseits der Festnahmen gab es durchaus gute Laune. Das folgende Bild zeigt einen Sänger, der auch in Faslane beim Peace-Camp gegen die dort stationierten Atom-U-Boote dabei war. Er spricht über die PolizistInnen, die auch nur ihren Job tun und ansonsten vielleicht sogar auf ihrer Seite wären. Als Beispiel erzählt er von Faslane, wo es ein sehr gutes Verhältnis zur Polizei gab und die PolizistInnen am Tag vor der Festnahme der AktivistInnen angerufen haben, um nachzufragen, wer vegetarisches und wer veganes Essen bevorzuge.

Sänger berichtet von der Polizei in Faslane, die vor den Festnahmen angerufen hat, um sich zu erkundigen, welche AktivistInnen welches Essen bevorzugen.

Ich kann solche Polizei-Erlebnisse aus Faslane persönlich bestätigen. Ich war 1993 zum Valentinstag dort und die PolizistInnen halfen uns, Plakate am Zaun zu befestigen, denn das Gewebe des Zauns war so engmaschig, dass man keinen Faden hindurch und wieder zurück bekam. Sie halfen uns von der anderen Seite. Auch gestern bei der Losschneideaktion kam mir ein Polizist entgegen und hat sich nach Absprache extra so hingestellt, dass ich photogoraphieren konnte. Ziel von XR ist es, London/Berlin/whatever möglichst lange besetzt zu halten. Möglichst viele und gute Bilder zu bekommen und damit in die Medien zu kommen. Die Polizei spielt dabei ihren Rolle. Diese kann sie so oder so ausgestalten. Sie ist nicht notwendigerweise der Gegner der Rebellion.

Statt zu sagen man sei „offen für alle“, müsste man sich fragen, weshalb trotzdem nicht alle repräsentiert werden – und Barrieren abbauen, die das verhindern. Statt sich von Kämpfen abzukapseln, die Marginalisierte längst führen, müsste man sich mit ihnen solidarisieren und sie schützen. Statt für andere zu sprechen, könnte man sie zu Wort kommen lassen.

Genau das passiert in London und wahrscheinlich auch in Berlin. Macht einfach alle mit. Dann seid Ihr die Bewegung, bestimmt, was gemacht wird und wer sichtbar ist.

Besetzung der Lambeth-Brücke durch die Religiöse Rebellion, London, 07.09.2019

Nachtrag: Hier sind alle Bilder aus London mit People of Color: https://www.flickr.com/search/?user_id=184802432%40N05&sort=date-taken-desc&text=People%20of%20Color&view_all=1

Wut als Energiequelle

Heute wünscht sich Nina Apin in der taz einen Wutantrieb für Maschinen. Aber den gibt es schon längst! Bei Spuk Unterm Riesenrad regt sich das Rumpelstilzchen auf und treibt damit einen Staubsauger an, mit dem die Märchenfiguren dann fliegen.

Leider ist die Auflösung schlecht, aber Rumpelstilzchen hat den Stecker des Staubsaugers in der Nase und seine Wut treibt das Wutflugzeug an. Youtube-Trailer

Das ist überhaupt die Lösung für alles! #GrünesFliegen mit normalen Flugzeugen wird ja erst 2050 (Industrie) oder 2060 (wir) kommen, aber bis dahin können wir Staubsauger dafür nehmen. Ich würde gern mit @c_lindner fliegen. Ich würde ab und zu #Verzicht und #Verbote sagen und schwuppdiewupp wären wir da. Wenn wir irgendwie mal schnell durchstarten müssen, sage ich leise „#Tempolimit“.

Man stelle sich auch das #Innovationspotential vor: Man könnte erforschen, welche Staubsauger sich am besten zum Fliegen eignen, wo das Optimum von Staubsaugergröße, Passagierzahl, Wutaufwand usw. liegt. Natürlich alles total #technologieoffen: Sowohl Modelle mit Beutel als auch solche ohne sollte man weiter untersuchen.

Nun hat Herr Lindner sicher nicht so viel Zeit und bisher können auch nur wenige Passagiere mitfliegen (Ist der/die Reizende dann eigentlich Ko-PilotIn oder Passagier? Na, vielleicht ist es billiger, wenn man den Antrieb selber machen muss.), aber die FDP hat ja 64.350 Mitglieder. Sollten die nicht reichen, können wir auch auf die #noAfD zurückgreifen. Da sind noch mal 33.651 drin. Das Fliegen mit denen ist dann nicht so langweilig, weil man außer #Verbote und #Verzicht auch noch #Klimawandel als Antriebswort verwenden kann.

Es gibt natürlich ein Problem, denn die Flugstaubsauger müssen ja wieder an den Abflugort zurück. Das ließe sich recht einfach lösen, wenn man wie Lindner’s Kollegen aus Österreich, die Arbeitszeit auf 12h pro Tag ausdehnen würde. Natürlich total freiwillig. Dann könnte ein Wutflieger am selben Tag noch hin und zurück fliegen.

Ach, Quatsch, das geht ja noch viel besser: Wir lieberalisieren den Flugmarkt einfach komplett! Jeder kann einen Staubsauger bedienen! Wir machen das über die App: Wer will, bestellt sich einen FDPler oder AfDler per App nach Hause und der fliegt dann, so lange wie er eben kann.

Und auch das #BER-Problem wäre dann gelöst, denn wir bräuchten keine Flughäfen mehr und könnten auch endlich #tegelschliessen.

Ich sollte jetzt aufhören, aber es ist gerade so schön. Auch Politikerflüge könnte man so organisieren. Normalerweise fliegt ja genau eine Politikerin mit einem Piloten. Das könnte man verbessern, indem immer zwei PolitikerInnen zusammen fliegen und sich gegenseitig abwechseln. Grüne fliegen mit der #noAfD, #CDU mit der Linken, bei der FDP setzen wir einen von der Partei hinten drauf (FDP muss die ganze Zeit fliegen, weil die PARTEI nie wütend wird). Und SPD ist egal, die sind eh schon abgestürzt.

Hardwired … to self-destruct

Das folgende Video von Metallica hat über 45 Mio Aufrufe. Da es unwahrscheinlich ist, dass ein Benutzer allein es so oft gesehen hat, folgt daraus, dass viele, viele Leute es gesehen haben.

Metallica 2016. Hardwired … aus dem Album Hardwired … to self-destruct.

Das ist der Text:

In the name of desperation
In the name of wretched pain
In the name of all creation
Gone insane
We’re so fucked
Shit outta luck
Hardwired to self-destruct
GO!
On the way to paranoia
On the crooked borderline
On the way to great destroyer
Doom design
We’re so fucked
Shit outta luck
Hardwired to self-destruct
OH!
Once upon a planet burning
Once upon a flame
Once upon a fear returning
All in vain
Do you feel that hope is fading?
Do you comprehend?
Do you feel it terminating?
In the end
We’re so fucked
Shit outta luck
Hardwired to self-destruct
Hardwired to self-destruct
Self-destruct
Self-destruct
Self-destruct

Metallica, Hardwired, 2016

Ich frage mich, was die Zuschauer gedacht haben, als sie das Video gesehen haben. Na, das kann man in den Youtube-Kommentaren lesen. Es geht darum, ob das echter Trash Metal ist oder nicht und ob sie es live schneller spielen.

Metallica: Lars Ulrich (Schlagzeug) und James Hetfield (Gesang, Gitarre) live im Olympiastadion, Berlin, 06.07.19

Das Interessante an diesem Text ist, dass er wahr ist: Erstens sind wir gefickt und zweitens ist die Tatsache, dass wir alles ignoriert haben, bis es fast zu spät ist, in unserem Genom fest verdrahtet. Die Psychologists For Future und die Neurowissenschaftler erklären uns das: Der Neurobiologe Dr. Sébastien Bohler erklärt in seinem Artikel Bewusster leben, dass unser Gehirn so aufgebaut ist, dass wir früher einen Auslesevorteil hatten und all die Jahrtausende überleben konnten. Wir erhalten kleine Belohnungen (Dopamin-Kicks) für Essen, Fortpflanzung, Machtgewinn, geringe Energieaufwendung und sammeln so viele Informationen über unsere Umwelt wie möglich. (Essen, Sex, Faulheit, Rock’n’Roll. Na ja, Rock’n’Roll kommt in dem Artikel nicht vor.)

Das war eine großartige Hardware, um tausende und aber tausende von Jahren am Leben zu bleiben, leider ist nun diese Hardware gerade für unser Versagen verantwortlich. Dem Artikel zufolge sterben mehr Menschen an Überernährung als an Unterernährung. In der Vergangenheit war es kein Vorteil, Lebensmittel für später zu sparen. Vielleicht könnte es jemand anderes nehmen. Also haben wir es lieber sofort gegessen. Unser Gehirn ist nicht so konstruiert, dass wir uns um die Zukunft zu sorgen und dementsprechend handeln. Es gibt einfach mehr Kicks für das schnelle kleine Glück.

Nun gibt es interessante Ergebnisse von Neurologen: Sie haben Experimente gemacht, bei denen sie den Probanden Geld gaben und sie baten, es mit einer anderen, unbekannten Person im nächsten Raum zu teilen oder das Geld zu behalten. Das Interessante ist, dass Frauen anders als Männer handelten: Die Frauen teilten das Geld häufiger und diejenigen, die es teilten, bekamen Dopamin-Belohnungen im Gehirn. Männer bekamen die Belohnungen für das Behalten des Geldes. Die Hypothese ist, dass Frauen dieses Verhalten in ihrer frühen Kindheit gelernt haben, während Männer dazu erzogen wurden, aggressiv und wettbewerbsfähig zu sein.

Die gute Nachricht ist: Vielleicht ist ja nicht alles in unseren Köpfen fest verdrahtet und ein Teil davon ist auf Erziehung zurückzuführen. Wie bekommen wir unsere Kicks? Beim Behalten oder beim Teilen? Können wir unsere Gewohnheiten ablegen/ändern? Ja, sagt Dr. Bohler. Menschen, die zu viel essen, können ihre Essgewohnheiten ändern, indem sie sich mehr Zeit nehmen und bewusster essen. Dasselbe gilt für andere Lebensbereiche. Brauchen wir dieses neue Auto? Wozu? Zum Vorzeigen? Wir können unsere Gewohnheiten ablegen, bewusster sein und uns unserer Zukunft stellen. Denkt darüber nach und handelt entsprechend.

Sobald wir bereit sind, uns der Klimakrise zu stellen, stellt sich die Frage: Was können wir tun? Wo ist der Ausweg? Derzeit ist das Wichtigste, das, was wir alle tun können, mit unseren Politikern zu sprechen und sie wissen zu lassen, dass die Dinge, die sie tun, nicht ausreichen und dass sie ihre verdammten Arsch bewegen müssen, aus der Kohle aussteigen, in erneuerbare Energien investieren, die Subventionierung von Flugreisen einstellen und so weiter. Wir sollten FridaysForFuture unterstützen und an ihrer globalen Klimaaktion am Freitag 20.09.2019 teilnehmen! Schaut Euch die Orte, wo sie aktiv sind, an und wenn nichts in Eurer Nähe passiert, macht selber was. Wir sehen uns am Freitag!

PS: Noch ein Song-Text:

I don’t wanna be rejected
I don’t wanna be denied
And it’s not my misfortune
That I’ve opened up your eyes

Freedom is given, speak how you feel
I have no freedom, how do you feel?
They can lie to my face but not to my heart
If we stand together it will just be the start

If the kids are united!
They will never be divided!

Tja, die Kids von heute kennen diesen Song wahrscheinlich nicht, aber lasst uns ihnen trotzdem helfen. =:-)

Punks for Future, Berlin, 2019-03-13

Redet!

Eine gute Bekannte von mir berichtete geknickt von einem Geburtstag. Eine Frauenrunde im Prenzlauer Berg im August. Alle berichteten von ihren Urlauben und alle, alle bis auf meine Bekannte sind in den Urlaub geflogen. Ich habe sie gefragt, ob sie etwas gesagt hat. Die Antwort war: „Nein, die würden mich doch nie wieder einladen.“

Der Comic-Zeichner Ralf Ruthe berichtet auf Twitter über ähnliche Situationen:

Am Sonntag war ich mit den Zwillingen und unserem neuen AuPair Laura in einem Park. Als es anfing zu regnen, „retteten“ wir uns auf eine Bierbank unter einen großen Gastro-Sonnenschirm, zusammen mit ca. 10 anderen Personen. Es regnete eine ganze Weile lang und irgendwie war es ziemlich gemütlich mit dieser kleinen, zufällig zusammengewürfelten Gruppe Menschen. Ein kleiner Querschnitt durch die Gesellschaft, eine freundliche, geschützte Mini-Welt. Man lächelte sich zu und mümmelte seine schnell noch gekauften Pommes.

Ralph Ruthe (@ralphruthe) September 13, 2019

Er beschreibt eine Szene, in der er einer Kolumbianerin Auskunft darüber geben wollte, ob es hier immer so lange regnet. Er sprach über Klimawandel und alle Gespräche um ihn herum kamen zum Erliegen. Betretenes Schweigen, Isolation, Ignorieren. Eine zweite Szene, die er beschreibt, ist ein Essen mit vielen Personen, unter denen eine mit rassistischen Argumenten in die Klimadiskussion ging. Genauso wieder in der Runde: Schweigen.

Diese zwei Erlebnisse waren für mich wie ein Schlag in den Nacken. Ich bin schockiert darüber, wie wenig die Klimakrise anscheinend außerhalb der Titelseiten von Zeitschriften und Nachrichtenseiten kommuniziert wird. Ich bin entsetzt, wenn ich mir vorstelle, dass an Küchentischen, in Firmenkantinen und in Bürokaffeeküchen nicht darüber geredet wird, weil die Leute vielleicht Angst haben, dass es die gemütliche Stimmung kaputt macht – obwohl genau das zwingend nötig wäre.

Ralph Ruthe (@ralphruthe) September 13, 2019

Ich habe ähnliche Erfahrungen bei einer Diskussion um eine Klassenfahrt gemacht, bei der eine Option eine Flugreise nach Neapel und eine eine Zugreise an die Ostsee war. Erklärtes Ziel der SchülerInnen: Gepflegt am Strand abhängen. Die meisten Eltern in der Klasse haben das Problem mit der Flugreise nicht verstanden bzw. nicht als ernstes Problem wahrgenommen. Nur eine Mutter hat mich indirekt in der Diskussion auf dem Elternabend unterstützt. Die Diskussion ging dann per Email weiter und nahm epische Ausmaße an. Highlights:

  • Das Flugzeug fliegt ja sowieso. (Diskussion dieses Arguments)
  • Wenn es in Zinnowitz kalt wird, müssen die heizen und das verbraucht CO2. (im Juni!)
  • Wenn die SchülerInnen in Neapel sind können sie dort Früchte essen, die dort wachsen, in Zinnowitz sind die schlecht wegen CO2.

Die Diskussion gipfelte dann in einer Email, in der ein Vater meinte, dass es doch nicht so schlimm wäre, wenn ein paar Millionen Menschen hopps gingen, es wären ja eh zu viele.

Ja, FridaysForFuture macht diese heile Welt, in der niemand dem anderen zu nahe tritt, kaputt. Die Jugendlichen hinterfragen unseren Alltag. Plötzlich muss man sich als Erwachsener die Frage gefallen lassen, ob es ok ist, jedes Jahr in den Urlaub zu fliegen. Oder mal für ein Wochenende nach Paris/London/Tallin. Oder noch irrer: von Berlin nach Frankfurt oder Stuttgart. Und ja: Wir müssen uns darüber unterhalten. Wir müssen raus aus der Filterblase. Wenn es öfter vorkommt, wird es auch normaler, die Gruppe derjenigen, die Bescheid wissen, wird größer und die Gefahr der sozialen Ächtung kleiner.

Redet!

Pünktlichkeit: Bahn oder Flug?

Wenn es um Flug oder Bahn geht, bekomme ich immer wieder die Antwort, dass doch die Bahn so unzuverlässig sei. Mit Interesse habe ich daher den Bericht der Deutschen Flugsicherung für 2018 gelesen. Darin findet man folgende Grafik:

Pünktlichkeit von Flügen nach DFS. Jedes vierte Flugzeug in Europa zu spät. DFS Mobilitätsbericht 2018, S. 28

Laut DFS ist in Europa jedes vierte Flugzeug mehr als eine Viertelstunde zu spät. Die Pünktlichkeitsrate liegt also in Europa bei nur 75 %!

Für Deutschland sieht das besser aus. Die Pünktlichkeitsrate liegt bei 88,7 %. Allerdings zeigt die Grafik der DFS, dass es einen Zusammenhang zwischen Zunahme der Flugverbindungen und Verspätungen gibt:

Flüge in Deutschland korreliert mit Pünktlichkeit. DFS Mobilitätsbericht 2018

Vergleicht man das mit der Bahn, so sieht man, dass die Pünktlichkeit im Personenfernverkehr bei 75% liegt. Im Nahverkehr bei 94% und gesamt bei 93,5%.

Pünklichkeitsbericht der Bahn 2018

OK. Da ist Luft nach oben! Aber ich erinnere mich an die Zeit vor 1998. Da hatte die Bahn an den Bahnhöfen Kreidetafeln mit Pünktlichkeitswerten und die waren auch bei 95%. Danach ist bei der Bahn viel falsch gelaufen (ich sag nur Mehdorn). Redundanzen wurden abgebaut. Lokführer-Pools reduziert/abgeschafft. Werkstätten geschlossen. Alles mit Hinblick auf den Börsengang. Wenn man der Bahn in Zukunft die Rolle in unserem Verkehrssystem zubilligt, die ihr zusteht, dann wird das auch wieder besser. Und es schafft Arbeitsplätze!