Ham wir ’n Knall?

Im Alter von 13 Jahren fand ich Knaller total cool. Leider konnte man in der DDR nicht einfach so in den Laden gehen und Knaller kaufen. Es gab nur eine beschränkte Menge von Pyrotechnik zu kaufen, man musste sich rechtzeitig anstellen. Meinen Eltern war das zu blöd und Feurwerkszeug durfte man erst ab 16 Jahren kaufen. Es gab einen Deal: Ich ging früh hin, stellte mich an und mein Vater und meine Schwester kamen dann für die letzte Dreiviertelstunde. Früh hieß 7:00. Der Laden öffnete 10:00. Als ich ankam, standen schon ca. 20 Leute dort. Vor mir in der Schlange standen ein paar Jugendliche mit Kassentenrecorder und hörten Ideal. Sex in der Wüste. „Jeder denkt das eine, doch dafür ist’s zu heiß.“ Es war scheiße kalt. Erinnert Ihr Euch? Damals gab es noch Schnee! Die Typen vor mir waren lustig und irgendwie gingen die 150 Minuten auch vorbei und die Füße wurden mittels Fußbad dann wieder aufgetaut.

Feuerwerk. Mitunter kann man das Feuerwerk wegen der Feinstaubbelastung nicht mehr sehen. Ein zentrales Feuerwerk wäre genug.

Die wirtschaftliche Situation oder zumindest die Versorgung mit Knallzeug besserte sich um 85/86 und es sprach sich herum, dass man „in der Stadt“ Knaller ohne Anstehen kaufen konnte (wir wohnten am Stadtrand), aber irgendwie war mein Interesse an Knallern da auch schon im Abflauen: Ne Stunde für ein bisschen Knallen rumzufahren, war mir dann auch zu blöd.

Im August 1989 zog ich in die Innenstadt und ich erinnere mich noch sehr genau an eine Silvesterparty, die 1995 oder 1996 stattgefunden haben muss. Wir wohnten in der Nähe der U-Bahn und die Party-Gäste, die bei uns ankamen, hatten den Horror in den Augen: Von der U-Bahn bis zu uns war es ein einziger Spießrutenlauf gewesen, weil irgendwelche Weirdos Raketen über die (hier oberirdisch als Hochbahn fahrende) U-Bahn auf die andere Straßenseite geschossen hatten. Es war unser letztes Silvester in der Stadt. Seitdem fliehen wir jedes Jahr nach Brandenburg.

Schnee und Stille. Damals. An der Oder.

Dort war Ruhe. Für ’ne Weile. Häuser wurden gebaut. Mehr Menschen wohnten in der kleinen Stadt, in der Straße, in der wir die Zeit über Neujahr verbrachten, und irgendwann wurde dann auch dort kräftig geknallt. Nicht vergleichbar mit Berlin, wo es praktisch von 16:00 bis 3:00 oder 4:00 geht aber immer noch irrwitzig: Vor zwei–drei Jahren gab es am 31.12. strahlenden Sonnenschein. Glasklarer, wunderschön blauer Himmel. Es war eine stabile Wetterlage und für den kommenden Tag war dasselbe Wetter vorhergesagt. Aber am 1.1. war alles grau und verhangen (Der Wetterbericht für den aktuellen Tag hatte sich nicht geändert, die Wetterstationen konnten den Dreck ja nicht „sehen“). Es war der Dreck, den wir selbst erzeugt hatten. Der Neujahrslauf an der Oder war eher deprimierend.

Die Deutsche Umwelthilfe hat einen Newsletter zum Thema Knallerei geschickt, aus dem hervorgeht, dass 2018 133 Millionen Euro für Silvesterknallerei ausgegeben worden sind. Geld für etwas, das der Umwelt erheblich schadet, was Verletzungen wie zerstörte Augen und abgesprengte Gliedmaßen mit sich bringt. Brände1, Müll. Schlicht: Irrsinn. Es gibt seit Jahren Aktionen wie Brot statt Böller, aber auch seit Jahren größer, lauter, billiger werdende Feuerwerke. Von der Party in den 90ern habe ich noch eine Knallerbatterie in Erinnerung, die vor dem Haus gezündet wurde. Ich dachte, eine U-Bahn würde entgleisen. Tiere geraten in Panik. Haustiere aber auch Vögel. Die Vögel kreisen über dem Boden, um der Gefahr zu entfliehen, bis sie dann entkräftet sind und nicht mehr können.

Zusammenfassend kann man sagen: Es ist wie mit allem: Der Überfluss bringt uns um. Drei Knaller zu knallen, die man gerade noch so ergattern konnte, ist nicht so schlimm, aber der Dreck und der Lärm, den wir jetzt jedes Jahr produzieren, hat gigantische Ausmaße erreicht. Städte beginnen feuerwerksfreie Zonen auszuweisen oder die Knallerei ganz zu verbieten. Man kann ein großes, schönes Feuerwerk für alle organisieren. Umsonst und draußen. Das wäre vernünftig: weniger Streß, ungefährlich, ökologischer.

Bis es flächendeckend so weit ist, bleibt nur der Verzicht der Einsichtigen. Ja, wir brauchen Verzicht und Verbote. Mit den Kindern haben wir wieder angefangen, erst mit Wunderkerzen, dann mit Knallern und Raketen. Wenigen. Nun sind sie selbst bei Fridays For Future aktiv und wir werden in diesem Jahr ihr erstes Silvester ohne Knallerei mit ihnen feiern.

Kommt gut ins neue Jahr!

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  1. Ich erinnere mich an einen Brand in den 80ern. Wir wohnten im Neubau und in den Erdgeschossen der Blöcke wohnten viele RollstuhlfahrerInnen. Sie hatten spezielle Trabbis, die man auch mit dem Rollstuhl gut benutzen konnte. Wir saßen Silvester zusammen am Tisch und spielten, als es plötzlich draußen sehr hell wurde. Es brannte. Der Trabbi der Rollstuhlfahrerin. Die Flammen schlugen bis in den dritten Stock zu uns. Es war fast nichts mehr übrig vom Trabbi und Ersatz nicht einfach zu beschaffen.

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