Redet!

Eine gute Bekannte von mir berichtete geknickt von einem Geburtstag. Eine Frauenrunde im Prenzlauer Berg im August. Alle berichteten von ihren Urlauben und alle, alle bis auf meine Bekannte sind in den Urlaub geflogen. Ich habe sie gefragt, ob sie etwas gesagt hat. Die Antwort war: „Nein, die würden mich doch nie wieder einladen.“

Der Comic-Zeichner Ralf Ruthe berichtet auf Twitter über ähnliche Situationen:

Am Sonntag war ich mit den Zwillingen und unserem neuen AuPair Laura in einem Park. Als es anfing zu regnen, „retteten“ wir uns auf eine Bierbank unter einen großen Gastro-Sonnenschirm, zusammen mit ca. 10 anderen Personen. Es regnete eine ganze Weile lang und irgendwie war es ziemlich gemütlich mit dieser kleinen, zufällig zusammengewürfelten Gruppe Menschen. Ein kleiner Querschnitt durch die Gesellschaft, eine freundliche, geschützte Mini-Welt. Man lächelte sich zu und mümmelte seine schnell noch gekauften Pommes.

Ralph Ruthe (@ralphruthe) September 13, 2019

Er beschreibt eine Szene, in der er einer Kolumbianerin Auskunft darüber geben wollte, ob es hier immer so lange regnet. Er sprach über Klimawandel und alle Gespräche um ihn herum kamen zum Erliegen. Betretenes Schweigen, Isolation, Ignorieren. Eine zweite Szene, die er beschreibt, ist ein Essen mit vielen Personen, unter denen eine mit rassistischen Argumenten in die Klimadiskussion ging. Genauso wieder in der Runde: Schweigen.

Diese zwei Erlebnisse waren für mich wie ein Schlag in den Nacken. Ich bin schockiert darüber, wie wenig die Klimakrise anscheinend außerhalb der Titelseiten von Zeitschriften und Nachrichtenseiten kommuniziert wird. Ich bin entsetzt, wenn ich mir vorstelle, dass an Küchentischen, in Firmenkantinen und in Bürokaffeeküchen nicht darüber geredet wird, weil die Leute vielleicht Angst haben, dass es die gemütliche Stimmung kaputt macht – obwohl genau das zwingend nötig wäre.

Ralph Ruthe (@ralphruthe) September 13, 2019

Ich habe ähnliche Erfahrungen bei einer Diskussion um eine Klassenfahrt gemacht, bei der eine Option eine Flugreise nach Neapel und eine eine Zugreise an die Ostsee war. Erklärtes Ziel der SchülerInnen: Gepflegt am Strand abhängen. Die meisten Eltern in der Klasse haben das Problem mit der Flugreise nicht verstanden bzw. nicht als ernstes Problem wahrgenommen. Nur eine Mutter hat mich indirekt in der Diskussion auf dem Elternabend unterstützt. Die Diskussion ging dann per Email weiter und nahm epische Ausmaße an. Highlights:

  • Das Flugzeug fliegt ja sowieso. (Diskussion dieses Arguments)
  • Wenn es in Zinnowitz kalt wird, müssen die heizen und das verbraucht CO2. (im Juni!)
  • Wenn die SchülerInnen in Neapel sind können sie dort Früchte essen, die dort wachsen, in Zinnowitz sind die schlecht wegen CO2.

Die Diskussion gipfelte dann in einer Email, in der ein Vater meinte, dass es doch nicht so schlimm wäre, wenn ein paar Millionen Menschen hopps gingen, es wären ja eh zu viele.

Ja, FridaysForFuture macht diese heile Welt, in der niemand dem anderen zu nahe tritt, kaputt. Die Jugendlichen hinterfragen unseren Alltag. Plötzlich muss man sich als Erwachsener die Frage gefallen lassen, ob es ok ist, jedes Jahr in den Urlaub zu fliegen. Oder mal für ein Wochenende nach Paris/London/Tallin. Oder noch irrer: von Berlin nach Frankfurt oder Stuttgart. Und ja: Wir müssen uns darüber unterhalten. Wir müssen raus aus der Filterblase. Wenn es öfter vorkommt, wird es auch normaler, die Gruppe derjenigen, die Bescheid wissen, wird größer und die Gefahr der sozialen Ächtung kleiner.

Redet!

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